Suhrkamp Verlag/Katharina Raabe − Juri Andruchowytsch

»Gibt es eine osteuropäische Literatur?«

Ja natürlich! Allerdings würde ich nicht von osteuropäischer, sondern von mittelosteuropäischer Literatur sprechen. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass zwischen dem Osten, d. h. Russland, dem gesamten postsowjetischen Raum, und dem Westen, dem sogenannten alten Europa, noch etwas drittes existiert, nämlich ein Osten für den Westen und ein Westen für den Osten. Dort, in diesem Europa dazwischen, liegen die Länder, in denen weit mehr als ein Dutzend verschiedener Sprachen gesprochen werden, und entsprechend vielsprachig ist die Literatur, die dort entsteht.

Wer verkörpert sie heute, im 21. Jahrhundert?

Auch wenn Osteuropa zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion keine politische Kategorie im Sinne des Kalten Krieges mehr ist − die Osterweiterung der EU hat bisher keine radikale Veränderung gebracht. Die Literatur ist genauso osteuropäisch beziehungsweise mittelosteuropäisch wie vorher, die Sprachen, in denen die Schriftsteller arbeiten, sind die gleichen wie im 20. Jahrhundert: Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Serbisch, Slowakisch, Litauisch usw.

Auf dem Balkan haben sie sich aber vervielfacht – aus dem zerfallenen Jugoslawien wurden mit den neuen Staaten auch lauter angeblich neue Sprachen geboren; die »Misere der osteuropäischen Kleinstaaterei« (der István Bibó seinen berühmten Essay widmete) – gilt sie nicht auch für die Literatur dieser Länder?

Ich finde, dass die Sache mit den neuen Sprachen Jugoslawiens etwas übertrieben wird. Tatsächlich redet man heute nur noch von der kroatischen und der serbischen Sprache, die früher offiziell »serbokroatisch« hieß; es stimmt, dass das heute schon verschiedene Kulturräume sind.

Eine Frage, die sich hier aufdrängt: Wo bleibt die russische Literatur?

In Russland! Sie gehört auf keinen Fall nach Mittelosteuropa. Dies ist ja gerade der eklatante Unterschied zu Osteuropa: Russische Literatur wird in einer der Weltsprachen geschrieben, sie hat ihre große imperiale Vergangenheit und ist kein Teil der wenig bekannten Literaturen, wie es die mittelosteuropäischen sind.

Siehst Du Dich als osteuropäischen Autor?

Klarerweise ja. Ich schreibe in einer der oben genannten Sprachen. Meine sprachlich-kulturelle Identität, mein schriftstellerisches Ich ist das alleinige und exklusive Produkt Mittelosteuropas.

Gibt es eine gemeinsame Erfahrung, die mit »osteuropäisch« bezeichnet werden könnte? Die Revolutionen im 20. Jahrhundert. Gewalt und Unterdrückung während der kommunistischen Ära. Die Tatsache, dass die Osteuropäer stets eher Objekt als Subjekt der Geschichte waren, Außenseiter, Verlierer?

Ja, all das hier Aufgezählte verbindet uns. Und darüber hinaus die Erfahrung wechselseitiger Phobien und Antipathien innerhalb Mittelosteuropas, nicht selten auch kulturelle und sprachliche Konflikte bis hin zur Unterdrückung der einen durch die anderen. Ich denke an die Westukrainer, die während der Zwischenkriegszeit von Polen beherrscht wurden, oder an die ungarische Minderheit in Rumänien zur Zeit Ceausescus. Ein deutliches Machtgefälle. Konkrete Konflikte, unmittelbare Folge willkürlicher Grenzziehungen, und politisch-chauvinistische Spannungen, die aus der gemeinsamen Geschichte, vor allem im 20. Jahrhundert herrühren. Oft reichen sie aber auch viel weiter zurück. Bei den rumänisch-ungarischen, den polnisch-ukrainischen, den tschechisch-ungarischen, serbisch-kroatischen, ungarisch-slowakischen u v. a. Beziehungen handelt es sich um eine Art »Paarigkeit der Feindschaften«.

Und jede dieser »feindschaftlichen Paarbeziehungen« hat ihre eigene und hochkomplexe, meist tragische Geschichte. Alle diese Beziehungen sind das Produkt von Friedensschlüssen, Neuaufteilungen Europas nach den beiden Weltkriegen, dem Zerfall des Habsburger Reichs nach dem Ersten, der Neuordnung von Jalta nach dem Zweiten, dann nach dem Ende der Sowjetunion und dem von Jugoslawien. Diese feindlichen Konstellationen gehen aus nationalen Emanzipationsbewegungen ehemals unterjochter Länder hervor, mit veränderten Grenzziehungen, mit Umsiedlungen, einer aggressiven Sprachenpolitik, Feindseligkeiten und Ressentiments. Kann es sein, dass dies der Grund für die Stofffülle der mittelosteuropäischen Literatur ist, um die euch manche westlichen Kollegen beneiden?

Ich denke nicht, dass sie uns beneiden. Aber tatsächlich fehlt ihnen vielleicht etwas: das Unerzählte. Bei uns gibt es noch bis heute weitaus mehr Geschichten, die nie erzählt worden sind – das ist ein Potential. Wir haben bei uns, in den eigenen Ländern den Stoff, für den sich ein westlicher Autor erst irgendwohin nach Somalia oder Bolivien aufmachen muss.

Oder ist es gerade ein Fluch − niemals unbefangen und privat über die Liebe schreiben zu können, wir Danilo Kiš klagte, sondern immer schweren Geschichtsstoff stemmen zu müssen?

Man kann jeden Fluch in einen Segen verwandeln… Aber es geht nun einmal im Kern um die lange Geschichte der gegenseitigen kulturellen Vernichtung. Und diese Geschichte ist leider noch immer nicht wirklich Geschichte, sie ist noch nicht zu Ende. Darüber hinaus leben wir, wie Imre Kertész einmal gesagt hat, »im langen Schatten von Auschwitz«: Mittelosteuropa ist der Schauplatz des Holocaust. Hier wurden die europäischen Juden systematisch ausgelöscht. Welche Rolle die Bürger der verschiedenen mitteleuropäischen Länder dabei gespielt haben, ihre Kollaboration mit den deutschen Nationalsozialisten war und bleibt eine Schlüsselfrage für ihr weiteres Schicksal. Ich denke, dass beispielsweise wir, die Ukrainer, unsere Verhältnisse nicht grundlegend verbessern können, weil wir noch bis heute das Thema unserer Kollaboration (und zwar in beiden Richtungen – Kollaboration mit Stalin, Kollaboration mit Hitler) nicht durchgearbeitet haben. Dass frisst an uns. Deshalb ist dieses Thema heute auch so wichtig und in höchstem Maße aktuell.

Gibt es eine gemeinsame literarische Erfahrung, z.B. ein verwandtes Bewusstsein für Sprache und Form, für Witz und Groteske?

Die mittelosteuropäische Literatur wird in »kleinen« Sprachen geschrieben, die sich wegen ihrer weltweiten Einflusslosigkeit, wegen ihrer völligen Marginalität gleichsam in sich selbst vertieft haben, um ihre für Außenstehende unzugängliche und ganz und gar unübersetzbare Raffiniertheit voranzutreiben. Die Sprache ist gleichsam zum »Ding an sich« geworden.

Der mittelosteuropäische Schriftsteller erzählt seine Geschichte nicht um des Erzählens der Geschichte, sondern um der Benutzung der Sprache willen. Der Sprache, die den anderen so egal ist, dass man sie ständig retten, immer aufs Neue ihre Lebensfähigkeit beweisen muss – wenn schon niemand anderem, dann wenigstens sich selbst. Diese Literatur ist autark, was eine gewisse  Unverständlichkeit mit sich bringt. Osteuropäische Texte, in die Weltsprachen übersetzt, bleiben partiell unverständlich, weil zu vieles in ihnen nun einmal nicht übertragbar ist. Beim ökonomischen Erfolg eines osteuropäischen Buches kann es daher nicht mit rechten Dingen zu gehen. Autarke Literatur hat so gut wie null Chancen der Kommerzialisierung. Es ist eine Literatur der kleinen Auflagen und Förderungen, der unterschiedlichsten Stipendien und Preise (darunter auch, wenngleich selten, der Nobelpreis). Das ist also eine ideale Literatur. Sie existiert um der Sprache willen und glaubt, dass die Sprache um ihretwillen existiert.

Wäre es nicht sinnvoll und an der Zeit, sich nach einer Alternative zum Begriff der osteuropäischen oder auch mittelosteuropäischen Literatur umzuhören? Was spricht für die Betonung der Heterogenität, der Rede von den »kleinen Literaturen«, wie sie sich im Zuge der post colonial/post communist und der area studies etabliert hat?

Die »klassische« postkoloniale Literatur (aus Indien, Indochina, Afrika, Lateinamerika) wird in den »großen«, den Weltsprachen geschrieben. Es genügt, dass du einfach schreibst – und du wirst gelesen und verstanden. Eine Schriftstellerkarriere lässt sich relativ einfach verwirklichen – etwa mit dem Umzug in eine der postkolonialen Metropolen. In London schreibst du über Bangladesh, in Paris über Marrakesch bzw. Dakar, in Madrid über Macondo, in Lissabon über Mozambique. Wobei die literarische Identität indisch, afrikanisch oder lateinamerikanisch bleibt. Und die metropolitane »kolonialistische Sprache ist nur Mittel, keinesfalls Zweck. Die postkoloniale Literatur Mittelosteuropas hat kein solches Privileg. Es ist schwer vorstellbar, dass wir Autoren aus Litauen, Lettland, Polen und der Slowakei nach Moskau umziehen, um dort auf Russisch zu schreiben und die eigene kulturelle Identität bewahren.

Welche Traditionen und Vorbilder sind für Deine Arbeit wichtig? Gibt es kanonische Gestalten der osteuropäischen Moderne, die eine Rolle spielen? Gogol, Charms, Bulgakow, Platonow, Schulz, Gombrowicz, Kiš, Hrabal usw. Oder würdest Du eher westeuropäische Vorbilder nennen, z.B. Kafka, Faulkner; Joyce, Beckett, Bernhard, überhaupt die avantgardistischen, sprachverspielten Österreicher?

Das ist vermutlich eine Frage der Perspektive. Dostojewski scheint für das »alte Europa« viel wichtiger gewesen zu sein als für uns. Bei ihm hat man ein Instrumentarium gefunden, um sich das eigene Dasein zu erklären, man hat ihn existentialistisch gelesen. Das Philosophische bei Dostojewski war für den Westen wichtiger als das Politisch-Ideologische. Die mittelosteuropäischen Autoren treiben keinen Dostojewski-Kult, weil er ihnen als kultureller Imperialist fremd ist. ((Er wird sogar eher als Gegner empfunden: denken wir an Kunderas »gekidnappten Westen« und Brodskys apologetische Erwiderung: man dürfe Russland nicht auf das Sowjetische reduzieren.))

Franz Kafka, Bruno Schulz, Witold Gombrowicz, Danilo Kis, Bohumil Hrabal sind so etwas wie die  »Heiligen« der Mittelosteuropa-Literatur, und unter ihnen schrieb nur Kafka in einer der »großen« Sprachen. Kafka gilt trotzdem als »unser« Autor − wegen seiner Erfolglosigkeit, seines lebenslänglichen Verlierertums. 

Joyce ist eine Ikone wegen des unkommerziellen Charakters seiner Werke und ihrer Unlesbarkeit. Doch wer wäre Joyce, hätte er nicht auf Englisch, sondern z. B. auf Albanisch geschrieben? Wer würde heute von ihm wissen?

Wird es in zwanzig Jahren noch osteuropäische Literatur geben?

Schon möglich. Diese Literatur wird so lange existieren, wie es die einzelnen Sprachen in Mittelosteuropa noch gibt. Dank der angeborenen Faulheit der mittelöstlichen Europäer, was den Fremdsprachenerwerb angeht, wird sich ihre Literatur noch relativ lange halten. Wobei sie weiterhin  so erfolglos, unübersetzbar, unverständlich, unbekannt bleiben wird wie bisher − und genauso vollkommen, ein Ding an sich. 

Wem nutzt und wem schadet dieser Begriff? 

Wegen seiner Unwesentlichkeit und Wirkungslosigkeit, wegen seiner nur lokalen Bedeutung schadet er niemandem. Es sei denn, er wird geopolitisch instrumentalisiert. Das aber überschreitet schon die Grenzen unseres Themas.