Edmundo Desnoes
Erinnerungen an die Unterentwicklung - Roman

Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs
Leseprobe » Bestellen »


D: 12,80 € *
A: 13,20 €
CH: 18,90 sFr

Erschienen: 20.10.2008
Bibliothek Suhrkamp 1435, Gebunden, 153 Seiten
ISBN: 978-3-518-22435-9

Inhalt

»Alle, die mich geliebt und bis zur letzten Minute genervt haben, sind fort. Zuerst wollte ich abhauen, sobald ich die Alte geküßt hatte – Laura mochte mir nicht einmal die Hand geben –, aber dann beschloß ich, auf die Aussichtsterrasse zu gehen und bis zum Schluß zu bleiben. Das Flugzeug setzte sich träge in Bewegung und röhrte über die Piste; danach verlor es sich leise in der Luft.«

So beginnt der wohl ungewöhnlichste Roman aus Kuba nach der Revolution: als Selbstbehauptung radikaler Einsamkeit. Der Erzähler Sergio ist nach Castros Sieg im Land geblieben, obwohl das Möbelgeschäft seiner Eltern enteignet wurde und die gesamte Familie die Insel in Richtung USA verlassen hat. Mit den Augen des Fremdgewordenen registriert er die Veränderungen bei sich und den anderen, und wie am lebenden Objekt seziert er seine Frauenbeziehungen. Edmundo Desnoes gelingt in diesen nur halbfiktiven Aufzeichnungen das Unerhörte: Ambivalenz, wo Standpunkt gefordert wird.

Im Original erschienen unter dem Titel Memorias del subdesarrollo, 1965 (Mono Azul).

Kommentare

„Alle, die mich geliebt und bis zur letzten Minute genervt haben, sind fort“

Edmundo Desnoes Roman, „Erinnerungen an die Unterentwicklung“ wurde 1965 (um die drei Erzählungen des Ich-Erzählers Sergio gekürzt) in Kuba erstveröffentlicht.
Er ist das Gegenteil eines Entwicklungsromans, weil er sich zu einem konsequenten Stillstand hinentwickelt.
Sergio, der Ich-Erzähler und wohl auch als eine Art halbfiktives Alter Ego zu verstehen, entscheidet sich dafür, nicht mit seiner Familie (und Ehefrau) in die USA auszuwandern, auch wenn das Möbelgeschäft seiner Eltern enteignet wurde..
In Form von tagebuchartigen Aufzeichnungen beobachtet er sich und seine Entfremdung, die Umwelt, die Frauen in seinem Leben und den Verfall (oder auch die Unterentwicklung) Kubas. Er zieht sich konsequent in die Einsamkeit zurück.
„Erinnerungen an die Unterentwicklung“ ist ein Geniestreich, ein Kunstwerk, das, wenn es den Leser nach dem ersten Absatz gefesselt hat, diesen nicht mehr loslässt.
Edmundo Desnoes entfacht ein Feuerwerk an Sätzen, wenn man beginnt (mit Bleistift) anzustreichen, merkt man, das man fast jeden Satz hervorheben möchte. Sergio ist ein Protagonist, den man so schnell nicht vergessen wird.
Szenen bzw. Beobachtungen, wie der Zahnarztbesuch oder das Sonnenbad am Strand (inkl. des unvermeidlichen Sonnenbrands danach) die werden zukünftige Zahnarztbesuche oder Strandbesuche prägen...
(Was ich aus eigener Erfahrung sagen kann; durch Zufall hatte ich gleich am Tag danach einen Zahnarzttermin, der zum ersten Mal in meinem Leben fast heiter war...)
Großartig, eine wunderbare Entdeckung in der Suhrkamp Bibliothek Reihe.
Roland Freisitzer, 17.11.2008

Kommentieren