Peter Janich
Kein neues Menschenbild - Zur Sprache der Hirnforschung

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Erschienen: 23.03.2009
eu 21, Broschur, 192 Seiten
ISBN: 978-3-518-26021-0

Inhalt

Die gegenwärtige Debatte um die Hirnforschung und ihre Folgen für unser Menschenbild, für Gesetzgebung, Rechtsprechung, Erziehungsstile und Geschichtsverständnis spielt sich in einer wenig reflektierten Sprache ab. Von neurophysiologischen Termini bis zur populärphilosophischen Rede über Kognition, Willensfreiheit und Selbstbewußtsein, von der wissenschaftstheoretischen Diskussion über Erfahrung, Experiment, Beweisen und Widerlegen bis zu weltanschaulichen Anrufungen von Werten reicht die Bandbreite sprachlicher Mittel. Polemische Schärfe und begriffliche Oberflächlichkeit sind die komplementären Züge eines Aufeinandereinredens und Aneinandervorbeiredens, denen philosophisch mit Sprachkritik zu begegnen ist. Zwar sind die diskutierten Fragen sicher keine reinen Sprachprobleme. Aber ohne Klärung der sprachlichen Verhältnisse sind sie gar nicht zu klären. Dies gilt nicht nur für die öffentlichen Diskurse über so genannte Körper-Geist- oder Leib-Seele-Probleme, sondern auch für Ansprüche und Ergebnisse der Fach-, im besonderen der Neurowissenschaft. Sie rühren in klärungsbedürftiger Weise an unser traditionelles Menschenbild ebenso wie an unser Wissenschaftsverständnis.

Peter Janich analysiert die Verwendung einiger der häufigsten bisher kaum zureichend definierten Begriffe auf sprachtheoretische Fallen hin. Ferner werden »naturalistische« Ansätze der Neurowissenschaft untersucht und auf dem Hintergrund einer kulturalistischen Theorie gedeutet. Denn eine Wissenschaft, die das Subjekt, als das sie selbst agiert, zugleich leugnet, gerät in einen grundsätzlichen Widerspruch.

»Die Hirnforschung darf sich nicht in einen Durchführungswiderspruch verwickeln (wie wenn jemand in brüllender Lautstärke behauptet, er flüstere gerade; die Experten nennen solche Widersprüche performativ). ...

Inhalt

Die gegenwärtige Debatte um die Hirnforschung und ihre Folgen für unser Menschenbild, für Gesetzgebung, Rechtsprechung, Erziehungsstile und Geschichtsverständnis spielt sich in einer wenig reflektierten Sprache ab. Von neurophysiologischen Termini bis zur populärphilosophischen Rede über Kognition, Willensfreiheit und Selbstbewußtsein, von der wissenschaftstheoretischen Diskussion über Erfahrung, Experiment, Beweisen und Widerlegen bis zu weltanschaulichen Anrufungen von Werten reicht die Bandbreite sprachlicher Mittel. Polemische Schärfe und begriffliche Oberflächlichkeit sind die komplementären Züge eines Aufeinandereinredens und Aneinandervorbeiredens, denen philosophisch mit Sprachkritik zu begegnen ist. Zwar sind die diskutierten Fragen sicher keine reinen Sprachprobleme. Aber ohne Klärung der sprachlichen Verhältnisse sind sie gar nicht zu klären. Dies gilt nicht nur für die öffentlichen Diskurse über so genannte Körper-Geist- oder Leib-Seele-Probleme, sondern auch für Ansprüche und Ergebnisse der Fach-, im besonderen der Neurowissenschaft. Sie rühren in klärungsbedürftiger Weise an unser traditionelles Menschenbild ebenso wie an unser Wissenschaftsverständnis.

Peter Janich analysiert die Verwendung einiger der häufigsten bisher kaum zureichend definierten Begriffe auf sprachtheoretische Fallen hin. Ferner werden »naturalistische« Ansätze der Neurowissenschaft untersucht und auf dem Hintergrund einer kulturalistischen Theorie gedeutet. Denn eine Wissenschaft, die das Subjekt, als das sie selbst agiert, zugleich leugnet, gerät in einen grundsätzlichen Widerspruch.

 

 

»Die Hirnforschung darf sich nicht in einen Durchführungswiderspruch verwickeln (wie wenn jemand in brüllender Lautstärke behauptet, er flüstere gerade; die Experten nennen solche Widersprüche performativ). Sonst dementiert sie sich selbst, indem sie den Menschen als Objekt so beschreibt, daß er nicht mehr als Subjekt eben diese Wissenschaft und eben diese Beschreibung hervorbringen kann.«

Kommentare

Dass Hirnforscher kein "neues Menschenbild" begründen können, war Sachkennern schon lange klar. Auch mit hochmodernen technischen Messgeräten gewonnene Daten müssen nach wie vor auf der Grundlage eines vorgängigen theoretischen "Modells" gedeutet werden. In der Hirnforschung geschieht das auf dem Boden eines Menschenbildes, das Neurophysiologen selbstredend nicht von diesen Daten ableiten, sondern umgekehrt zu ihrer Interpretation bereits voraussetzen. Nur gehen sie dabei nicht von einem zeitgemäßen Selbstverständnis moderner Menschen aus; nach Janich sind sie vielmehr dem mechanistischen "Bild" vom "l'homme machine" aus dem 18. Jahrhundert verhaftet geblieben.

Auf die begrifflichen und methodischen Voraussetzungen dieses Menschenbildes geht Janich in seinem Buch nicht ein. Er braucht dies auch nicht. Sie wurden bereits 2003 von einem der kompetentesten englischsprachigen Hirnforscher, dem australischen Neurophysiologen Maxwell Bennett in seinem Werk "Philosophical Foundations of Neuroscience" dargestellt, das er mit dem Philosophen und Suhrkamp-Autor Peter Hacker verfasst hat (und dem beide 2008 das gemeinsame Buch "History of Cognitive Neuroscience" folgen ließen).

So wird bei Janich nicht weiter deutlich, dass Hirnforscher bei der Deutung ihrer Daten auch noch ein wesentlich älteres Erklärungsmodell benutzen. Vielfach wird es kurz als metaphysischer Determinismus vertreten, ein "Weltbild", das von den Stoikern der griechischen Antike aufgebracht wurde, dessen Wurzeln allerdings noch weiter zurückreichen: In der heutigen Hirnforschung ist es nämlich nicht nur eine facon de parler, emotionale Reaktionen und geistige Aktivitäten wie Wahrnehmen, Denken, Entscheiden usw. erst "zu" Leistungen des Gehirns zu erklären, dann konsequent als dessen Leistungen zu deuten und die entsprechenden Eigenleistungen von Menschen als auf vorgängige neuronale Aktivitäten im Gehirn "beruhend" hinzustellen - in bewusstem Gegensatz zur heute bereits weithin geübten Gepflogenheit, die eigenen psychischen Leistungen konsequent als personale oder subjektive Eigenleistungen aufzufassen und sie sich deswegen selbst zuschreiben und nicht dem Organ, das man dabei braucht und benutzt, oder seinen neuronalen Bestandteilen.

Indem Hirnforscher die psychischen Leistungen des Menschen wie sein gesamtes Reagieren auf das Gehirn zurückführen oder "reduzieren", setzen sie es als ursächlichen Akteur an die logische Stelle, die in der Vorstellungswelt eines René Descartes der abstrakte „Geist“ einnahm, Nachfahr jener Geister, Dämonen oder Götter, denen sich vor Entwicklung eines reflexiven Bewusstseins solche Menschen ausgesetzt wähnten, wie sie von Homer in der Ilias geschildert werden.

Das Gehirn zu "verpsychologisieren" bedeutet zwar, das Selbstverständnis moderner Menschen als abhängig von seinem Gehirn - statt vom eigenen Denken - anzusehen. Nur ist daran nichts neu. Es handelt sich dabei im Gegenteil um einen „geistigen“ Rückfall hinter das im Selbstbewusstsein heutiger Menschen weithin bereits Verankerte, aber noch lange nicht auch schon sicher Verwurzelte.
Ingo-Wolf Kittel, Facharzt für Psychother. Medizin, 12.06.2009

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