»Dieser Lyriker geht aufs Ganze, er möchte wissen, was sich hinter der Oberfläche abspielt, welche verborgenen Geheimnisse unsere Sprache bereithält. [...].Wer nun meint, das sei aber eine todernste, gar akademisch vertrocknete Angelegenheit, der täuscht sich. Es gilt nämlich einen Autor zu entdecken, der nichts von gravitätischer Gemessenheit hält. Seine Texte sind witzig und klug, und seltsamerweise gelingt es ihm auch noch, ihnen so etwas wie Sinnlichkeit einzuhauchen. [...]. Bei Gräf hält die Sprache ihr Wort. Wenn nämlich ein Autor von seinem Kaliber mit ihr einen Pakt schließt, läßt sie einen nicht im Stich. Die Welt ist überall dort, wohin die Sprache reicht. Und bei Gräf reicht sie in Gebiete, die vor ihm noch gar nicht erschlossen waren. Solche Texte sind Expeditionen.«
Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten
»Einer der bemerkenswertesten Gedichtbände des Jahres 1994 ist die Rauschstudie [...]. Sie kennzeichnet ein entschieden neuer Ton: ein radikaler Verzicht auf Gefälligkeit«
Alexander von Bormann, Deutsche Bücher
»Hinter diesem grimmigen Humor tritt jedoch eine große Verletzlichkeit zutage, die mitunter in Gesten weißglühender Wut übergeht. Welch eindringliche Bilder jedoch aus diesem wilden Temperament erwachsen können [...].«
Thomas Linden, Kölnische Rundschau
»Dieter M. Gräf hat Gedichte geschrieben, die uns unablässig sprachliche Zerreissproben zumuten. Die Kompromisslosigkeit, mit der sie jedes vorschnelle Sinnbedürfnis abweisen und ihren je eigenen Gesetzen folgen, macht ihre Stärke und ihre Wucht aus.«
Michael Braun, Basler Zeitung
»Zeilenbrüche erscheinen gelegentlich wie das Umschalten eines Programms; plötzlich ist man in einem anderen Film. Alles findet in einer totalen Gegenwart statt; das lyrische Subjekt ist völlig an das Jetzt verloren, hat dort keine Identität, weil es im reinen Jetzt geschichtslos ist.[...]. Gräf treibt tatsächlich ein doppeltes Spiel im Sinne Derridas, indem er die scheinbare Rationalität dieser hyper-medialen Welt als im wahrsten Sinne des Wortes bedeutungslos entlarvt. Worteinheiten werden auseinandergebrochen, neu synthetisiert, so als ob es einen Sinn hätte, neue Bedeutungskomplexe in einer wesenhaft bedeutungslosen Welt zu erzeugen. So seltsam es klingen mag, es lohnt tatsächlich, einige Texte unkonzentriert zu lesen, beim Fernsehen oder Radiohören etwa; es lohnt ebenso, bei der Lektüre zu springen, man versteht dadurch manches besser, gewinnt paradoxerweise beim Sprung Anschlüsse, die bei linearer Lektüre verborgen bleiben. [...].Gräf flößt gleichsam Computerviren in ein geschlossenes System ein, sozusagen kleine Bomben, kleine Störfaktoren, die bei intensiver Einlassung tatsächlich Wirkung erzielen. [...]. Sie zeigen eine äußerste Möglichkeit lyrischen Sprechens und damit auch eine äußerste Möglichkeit von Kommunikation auf.«
Klaus Wiegerling, Rheinland-pfälzisches Jahrbuch für Literatur 1
»Es ist das poetische Verfahren selbst, das an chemische Prozesse erinnert. Man kann gelegentlich von der filmischen Arbeit Dieter M. Gräfs lesen, von Schnitt und Montage, von der konstruktiven, ingenieurhaften Arbeit, der ›Sprachinstallation‹. Doch was bei solcher Betrachtung zu kurz kommt, ist das Spontane, das Assoziative, das Überraschende, das Abstürzende, weit Ausschlagende, Überrumpelnde und auch Überwältigende oder, um es mit einem häufig gebrauchten Ausdruck aus den Gedichten zu sagen [...]: der Rausch und das Rauschen. Es rauscht im Reagenzglas der Gedichte. [...]. Doch es gibt da eine neue Bewegung, seltsamerweise bei Gräf genauso wie bei Virilio: Die ›Eroberung des Körpers‹. Supplemente, Prothesen, neue Konjunktionen von Bios und Technik. [...]. Welche integre Einheit garantiert uns selbst? Zu welcher synthetischen Einheit denken wir noch ›Mensch‹ hinzu? Das ist Bloch, negativ dekliniert. [...]. Doch wenn man Dieter M. Gräf einmal lesen gehört hat, ist die Situation auch des einsamen Lesens eine andere geworden. Man hört die große Aufmerksamkeit auf's Kleinste; der Atem ordnet neu, der Luftstrom führt Wärme zu; so langsam liest der Mann, und so genau, daß er das Tempo der Schrift spielend überholt; daß er die gleißenden Oberflächen in eine Art pulsierendes Körperinneres wendet. Ganze Technolandstriche als fließende Exhalation. [...]. Dieter M. Gräf ist manueller Feinarbeiter; ein Feinabstimmungsneurotiker eher als ein Schizoraser. Ein Noch-und-noch-Durchdenker; dem Anschein entgegen eher zu skrupulös denn zu genialisch-überschwänglich. [...]. Selbst den Geschwindigkeits- und Rauschpostmodernisten ist Dieter M. Gräf längst wieder davon: ins Kleinere, Leisere, Behutsamere; wenn man es pathetisch sagen wollte: ins Eigene. ›was warm macht, ist kalt‹, beginnt ein Gedicht, und es endet: ›Was laut ist, wird leise.‹ So treffen wir den Dichter, einer der Wichtigsten der jüngeren Generation, in der Verwandlung.«
Hubert Winkels, 4. Autoren Reader