"Die zentralen Kapitel von ›Westrand‹ sondieren die Schlachtfelder der deutschen Geschichte; sie zitieren die historischen Panoramen des Schreckens und erarbeiten mit Hilfe eines strengen Montageverfahrens eine poetische Synopsis der kriegerischen Schauplätze und tragischen Untergänge. Die blutigen Geschichten des Tötens und Mordens werden mit grellen Farben und schroffen Bild-Fügungen auf die Leinwand des Gedichts geworfen. [...]. Da ist also zunächst der Dichter als fatalistischer Geschichtsphilosoph, der die katastrophische Negativität der deutschen Geschichte in glühende Bilder verwandelt. Aber in den ersten beiden Kapiteln von ›Westrand‹ begegnet man auch gänzlich anderen Facetten von Gräfs lyrischer Montagekunst. Hier sehen wir ein Ich, das seine Suche nach spirituellen Illuminationen und mystischen Erleuchtungen aufzeichnet. Seine Reisebilder und Impressionen aus der Türkei, aus Indien und der Wüste Sinai hat Gräf als poetische Sehnsuchtskassiber angelegt. Fast jedes Detail der Fremde wird zum Faszinosum oder zum Anlass religiösen Gebanntseins [...] - und in den Gedichten artikuliert sich das als andächtiges Beschwören mystischer Entrückungen."
Michael Braun, Basler Zeitung
"Ihre ganze Kraft entfaltet Gräfs Verskunst, wenn sie tief in der deutschen Geschichte gräbt."
Stuttgarter Zeitung
»Seine lyrischen Röntgenaufnahmen sind Präzisionsinstrumente.«
Nico Bleutge, Neue Zürcher Zeitung
»Am ›Westrand‹ marschieren [...] Armeen von Gesichtern, Gestalten einer Vergangenheit, die von sonstiger Gegenwartslyrik fast schon gewohnheitsmäßig abgetrieben werden. Kaiser Barbarossa, Netaji Bose, der ›König von Bengalen‹, Nazipaktierer und indische Freiheitskämpfer, und Diana, jagende Gejagte, die selten eine Göttin ist, manchmal eine Prinzessin, aber häufiger bloß ein nacktes Nichts. Es braucht schon Mumm, sich von Schloß Balmoral zum anderen Ende der Paläste zu bewegen, wo Rudolf Höss nach Auschwitz durchaus noch in der Lage ist, Lyrik zu produzieren, indem Gräf seinen Aussagen einen eigenen Rhythmus unterlegt, böse Poesie daraus macht, Attacke. Mit Höllenmut, was gefährliche Erkenntnisse angeht. [...]. Was immer sich in flachere Zeitgenossen hineindichten läßt - hier schreibt tatsächlich ein Getriebener. In Hitze, schlagkräftig, ohne Angst. Zwischen Hermannschlacht, Stalingrad und Stammheim liegen bei Gräf nicht mal Generationen, höchstens Gedanken, Fortsetzungen [...]. Doch wenn die Gegenden deutscher Geschichte sich plötzlich öffnen, wird die Sprache zum Hammer: Akkordsätze, Stakkato, gekoppelt mit Slang und Anglizismen, Schlagzeilen. Kleist und Baader, Dandys und Mörder treffen sich in Reihungen [...], sprengen mit jeder Zeile die übliche Bannmeile der Pointe, um in Noten zu enden, in schmerzender, eigenartiger Zwölftonmusik. So springt ›Westrand‹ über Gräben, laviert zwischen Tradition und ihren Trabanten, ruft Heere von Bildern auf den Plan und installiert das Gedicht als Wunder [...] wieder in der bleichen Gegenwart. [...]. ›Westrand‹ bleibt ein Mut in Zeilen, in dem zur Not auch ein ganzer Kosmos Platz hätte. Man muß ja nicht gleich von Totalität (und von Adorno) reden, aber manchmal wenigstens vom Raum über und unter den Worten, von unentbehrlichen Zumutungen, die einem lange schon gefehlt haben.«
Susanne Riedel, Die Zeit
»Gräf ist ein viel zu vielsaitiger Lyriker, als dass sich sein Schaffen in die sperrige-Lyrik-Ecke stellen ließe. Schneidig sind die scharfen Bruchkanten des Wortzerteilers Gräf, von großer Zartheit aber auch seine emotionalen Standbilder.[...]. In den Zwischenräumen der Verse lagert sich so viel ab, daß man meint, die Seiten müßten sich auffalten.«
Christoph Schreiner, Saarbrücker Zeitung
»Deutsche (Zeit-)Geschichte erscheint so fremd wie die bemalten Ochsenhörner in Indien. [...]. Was Gräf unternimmt, ist möglich nur durch radikales Ausforschen, Aushorchen, Auspressen von Sprache, von Wörtern, Wortbedeutungen. Wörter schaffen Bilder, Vorstellungskraft zieht zusammen, was nur scheinbar nicht zusammengehört. In seinen früheren Gedichtbänden [...] war Gräf damit schon weit gekommen. Westrand erscheint - auch in der Fülle von ›Themen‹ - wie eine Vollendung. Das Sinnliche und das Gedachte wachsen ineinander, der Rhythmus der Verse trägt dazu bei.«
Rainer Hartmann, Kölner Stadt-Anzeiger
»Seit Durs Grünbeins "Grauzone morgens" (1985) gab es in der deutschsprachigen Lyrik wenige Gedichtbände mit vergleichbarer konzeptioneller Dichte.«
Roberto Di Bella, Mannheimer Morgen