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Gepl. Erscheinen: 12.09.2016
Gebunden, 462 Seiten
ISBN: 978-3-518-42544-2
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LEBEN IST KEINE ART, MIT EINEM TIER UMZUGEHEN

Das Buch von Emma Braslavsky ist ein Abenteuerroman über Fluch und Segen des Menschseins, eine Farce über notorische Lebensoptimierer und ihren Kampf um eine bessere Welt – oder wenigstens eine bessere Insel. Das Buch ist eine große vergnügliche Reise, und es erzählt die packende Geschichte unserer Suche nach Erkenntnis und Wahrhaftigkeit.

Ein Paar im besten Alter: Jo, eine selbstsüchtige Enddreißigerin, zelebriert die schillernde Fassade einer Möchtegern-Weltverbesserin und lebt vom Geld ihres Mannes; Jivan, ein latent chauvinistischer Mittvierziger, heuchelt als selbstzufriedener Sexist den Feministen, manipuliert seine Frau nach Belieben und wird dabei selbst ahnungsloses Opfer seines Vaters und seiner feigen Selbsttäuschungen. Die blutjunge Roana wird von ihrem Vater zum einsamsten Vulkan dieser Erde geschickt, damit sie endlich zur Vernunft kommt. Sie macht sich stattdessen auf zu einer gewagten Suche nach dem Sinn des Lebens. Und eine unberührte, staatenlose Insel, die von einem Orkan freigelegt wird, sorgt als vermeintliches Paradies international für Schlagzeilen und Hysterie.

 

Emma Braslavsky liest zehn Seiten

 

Emma Braslavsky liest aus ihrem Roman
 

 

 

5 handfeste Tipps »»»

Acht Jahre lang beschäftigte sich Emma Braslavsky mit nichts Geringerem als dem unerschöpflichen Thema von Fluch und Segen des Menschseins, also mit den Fragen: Warum schaffen wir es nicht, uns wie Menschen zu benehmen? Warum gelingt es uns nicht, nach jenen Prinzipien zu handeln, die wir selbst in zahllosen Manifesten für ein besseres, gedeihlicheres, gerechteres Zusammenleben niedergeschrieben haben? Warum fällt es uns so schwer, uns selbst zu verändern – trotz des technischen Fortschritts, zu dem wir in der Lage sind?

Um Ihnen die Zeit bis zur vollständigen Klärung dieser Fragen angenehmer zu gestalten, hat die Autorin für Sie fünf handfeste Tipps für richtiges Verhalten in prekären Lebenssituationen zusammengestellt, mit denen Sie die nächsten turbulenten Jahrzehnte im Handumdrehen meistern werden:

Tipp 1: Wie überstehen Frau und Mann unbeschadet die Zeit im Paradies?
Mit dem Partner oder der Partnerin aus dem nervtötenden Alltag auszusteigen, alles hinter sich zu lassen und nackt, wie Gott einen schuf, ins Paradies abzuhauen, ist leichter gesagt als durchgestanden. Ich empfehle dringend die Mitnahme eines Zubehörs, und zwar des aufblasbaren Einhorn-Horns. Das Einhorn-Horn ist schnell aufgeblasen und an der Stirn befestigt, es ist robust und darüber hinaus wasserfest, aber noch wichtiger ist: Anders als Stereoanlagen oder dimmbare Stehlampen verbraucht es keinen Strom und erzeugt dennoch die gewünschte romantische Stimmung. Denn ist das Horn erst einmal an Ihrem und dem Kopf der Partnerin / des Partners angebracht, sind Sie sofort auf einer gemeinsamen Wellenlänge. Setzen Sie sich Ihrem/r PartnerIn gegenüber, schauen Sie einander einige Sekunden tief und schweigend in die Augen, drehen Sie den Kopf einmal nach links und dann nach rechts, und Sie werden sehen, wie schnell sich Zorn, enttäuschte Erwartungen und üble Laune in Luft auflösen und erst gar nicht wieder aufkommen. Vergessen Sie nicht: Selbst im Paradies ist die Idylle schnell hinüber! Aber Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse lassen sich auch dort mit dem aufblasbaren Einhorn-Horn problemlos beheben. Und hier noch ein Tipp für Tierliebhaber im Paradies: Angriffe auf Ihr Leben mit womöglich tödlichem Ausgang oder ermüdende Verfolgungsjagden im Garten Eden müssen nicht sein. Das aufblasbare Einhorn-Horn gibt es auch für unsere tierischen Mitbewohner! Wie gesagt: Einfach aufblasen und vorn am Kopf befestigen. Sie werden sehen: Die Unterschiede zwischen den Arten verschwimmen im Nu, eine mythologische Verwandtschaft ist hergestellt und damit die Basis für gegenseitiges Verständnis gelegt.
Jetzt wünsche ich Ihnen viel Spaß im Paradies!

 

Tipp 2: Wie überlebe ich einen Schiffbruch und mache dabei auch noch eine gute Figur?
Pannen mit Ozeanriesen sind unschön und bei weitem nicht so romantisch, wie Filme und Abenteuerromane uns das weismachen wollen. Und das Schlimmste: Sollten Sie den Untergang des Schiffes überleben, können Sie sicher sein, dass ausgerechnet dann jemand einen Schnappschuss von Ihnen macht, wenn Sie wenig repräsentabel in einer vermüllten Bucht stranden. Und ebenso sicher ist, dass dieses Foto weltweit über die sozialen Netzwerke Verbreitung findet, millionenfach angeklickt wird und Sie in ihrem beklagenswerten Zustand auch noch kopfschüttelnd belächelt werden. Wir lernen daraus: Ohne sorgfältige Planung ist ein Schiffbruch in der Regel ein peinliches und uncooles Ereignis, und die Freude darüber, überlebt zu haben, kann einem ordentlich vermasselt werden. Deshalb hier mein Tipp: Lassen Sie sich bei einer handfesten Schiffshavarie nicht von Hysterie erfassen, bleiben Sie gelassen und gießen Sie sich erst mal vom besten Champagner ein, der jetzt wahrscheinlich unbeachtet in der Bar herumsteht. Gönnen Sie sich dazu ruhig noch den einen oder anderen Happen. Erst wenn das Schiff in eine unbequeme Schräglage geraten ist, wird es Zeit, das Glas und die Leckereien beiseite zu stellen, ohne langes Zögern ins Wasser zu springen und sich mit entschlossenen Schwimmbewegungen so weit wie möglich vom Schiff zu entfernen, damit der starke Sog Sie nicht mit in die Tiefe reißt. – Respekt! Sie haben Phase eins mit Bravour gemeistert und Lebensart gezeigt. Sie können stolz auf sich sein, das war elegant und lässig!
Jetzt gilt es, weiterhin Ruhe zu bewahren und abzuwarten. Handeln Sie nicht überstürzt, und ziehen Sie auch nicht sofort in Erwägung, sich von der Seenotrettung bergen zu lassen, nur weil Sie Angst haben, zu verdursten, zu verhungern oder allein zurückzubleiben. Bedenken Sie: Diese Retter lassen sich gerne in den Medien als Samariter feiern und haben deshalb ein Interesse daran, die Schiffbrüchigen auf den Fotos in einem elenden und halbtoten Zustand zu präsentieren. Deshalb: Bleiben Sie cool, halten Sie sich mit regelmäßigen, aber nicht allzu heftigen Armbewegungen über Wasser, und suchen Sie nach Gegenständen, die Ihnen zwischenzeitlich als Schwimmhilfe dienen können. Aber Obacht: Klammern Sie sich nicht gleich an das Erstbeste. Ihre Schwimmhilfe muss zu Ihnen passen! Sie brauchen Geduld. Und keine Panik. Mit Sicherheit werden Sie bald einen tischähnlichen Gegenstand im Wasser treiben sehen. Schließlich waren Sie ja mit einem dieser luxuriösen Ozeanliner unterwegs. Also: Können Sie schon erkennen, was da auf Sie zutreibt? ... Ja, ja, nur zu, Sie dürfen jetzt ruhig mal vor Freude in Tränen ausbrechen. Denn Sie sehen richtig: Es ist eine dieser weißlackierten Poolbars, die bei neureichen Freunden und auf den Decks der Luxusyachten immer so prollig aussehen. Aber auf dem offenen Meer sind sie die stilvollsten Rettungsvehikel aller Zeiten. Bringen sie die Bar in die Waagerechte, dann ziehen Sie sich hoch und legen Sie sich lässig auf den Bauch. Halten Sie nun Ausschau nach im Wasser treibenden Sonnenschirmen. Ein solcher Schirm bietet Ihnen nicht nur Sonnen- und Regenschutz, sondern eignet sich, entsprechend verkantet und mit Schnüren seitlich an der Bar befestigt, auch als Segel. Na…? Wie ist es? Habe ich zu viel versprochen? Sie merken selbst: Mit einem Ozeanliner zu verunglücken, muss kein Drama sein!
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer geschmeidigen Haltung! Und bevor Sie sich nun erleichtert auf den Rücken legen und den Wind seine Arbeit tun lassen: Sehen Sie den Drehverschluss dort an der Seite? Öffnen Sie ihn ruhig, nur zu! Ja, Sie dürfen ruhig noch mal vor Freude in Tränen ausbrechen, denn Sie werden dort einen beachtlichen Vorrat an Piccolo Champagner und gesalzenen Erdnüssen vorfinden. Kleiner Tipp: Nicht alles auf einmal trinken. Sie wollen doch beim Stranden nicht mit verquollenen Augen und roter Nase abgelichtet werden. Immer schön Schlückchen für Schlückchen, damit im entscheidenden Moment auch noch eine kleine Reserve für die Leute am Strand übrig ist und auf den Fotos alles wie eine gefakte Schiffbruch-Erlebnistour wirkt.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit Ihrem ersten Schiffbruch!

 

Tipp 3: Wie mache ich tatsächlich mehr aus meinem Haar?
Sind Sie auch von der Wirkung moderner Haarshampoos auf Ihr Lebensgefühl enttäuscht? Sind Sie nicht auch schon in Tränen ausgebrochen, weil die neue ultramoderne Farbe und der exorbitante Glanz und das Volumen in Ihrem Haar nicht ein einziges Ihrer Probleme dauerhaft gelöst haben? Dann habe ich einen Tipp, wie Sie mit nur einem einzigen Ihrer Haare ein ganz neuer Mensch werden können. Sie brauchen dazu ein paar Dinge wie einen sterilen Tisch, ein Mikroskop, einen Sequenzierer, einen Inkubator, einen leistungsfähigen Computer mit adäquater Software, ein bisschen Laborgeschirr und -besteck etc., etc. Das kriegen Sie alles gebraucht bei ebay. Oder aber Sie suchen sich einen pfiffigen Molekularbiologen, der das Equipment in seiner Garage hat und Sie bei Ihrem Vorhaben ein wenig unterstützt. Nehmen Sie nun ein Haar von sich und lassen Sie daraus Ihre DNA extrahieren. Die Zeit, bis es soweit ist, können Sie ruhig für eine Zwischenmahlzeit nutzen. Verzichten Sie aber auf Aufputschdrinks, ratsam sind Entspannungstees, bei einigen wirken Schnäpse besser, denn haben Sie Ihre 3,2 Milliarden Basenpaare erst einmal auf dem Bildschirm vor sich, ist es wichtig, dass Sie ruhig bleiben. Es hilft ja nichts: Mördergene, Alkoholismus, Narzissmus, Erbkrankheiten, Traumata … All dem ansichtig zu werden, kann einen in der Tat runterziehen. Deshalb: Verlieren Sie keine Zeit! Beginnen Sie mit dem Lektorat Ihrer DNA, ran an die Schalter, dann die Codone. Wo Ihnen gar nichts einfällt, einfach Nonsens draus machen. Arbeiten Sie zügig! Verlieren Sie sich nicht in den Details, und fangen Sie bloß nicht an, in Erinnerungen zu schwelgen oder gar in Familienalben herumzusuchen. Ist Ihre DNA erst einmal von all dem unnötigen Quark gereinigt, speichern Sie die Datei ab.
Herzlichen Glückwunsch! Den schwierigsten Schritt zur Selbsterneuerung haben Sie schon gemacht.
Jetzt geht es an die Umprogrammierung Ihrer Zellen. Dazu nehmen Sie ein weiteres Ihrer Haare und kultivieren das Zellmaterial in einer Nährstofflösung. Die somatische (Haut-)Zelle müssen Sie nun in eine Stammzelle umwandeln, das gelingt Ihnen zum Beispiel unter Zuhilfenahme von Retroviren und anschließender erneuter Kultivierung in der Nährstofflösung. Führen Sie nun exakt dieselben Veränderungen an der Zelle aus, die Sie vorab in der Datei auf dem Bildschirm getestet und vorgenommen haben, also Schalter, Codone, das ganze Pipapo. Und jetzt brauchen Sie bloß noch ein weiteres Virus, das die rundum erneuerte Zelle mit Ihren frischgemachten Programmen in Ihre DNA einschleust.
Fertig? – Bravo! Die ultimative Detox-Strategie! Sie werden sich wie neu geboren fühlen. Und jetzt wünsche ich Ihnen viel Spaß mit Ihrem neuen Leben.

 

Tipp 4: Wie mache ich mich wirklich fit für die Zukunft und verliere auch noch massenweise Ballast in kürzester Zeit?
Fühlen Sie sich auch depressiv und pomadig, wenn Sie Geschichtsbücher zur Hand nehmen? Oder die biographischen Aufzeichnungen Ihrer Tante Hedwig? Fragen Sie sich auch: Müssen all unsere Schand- und Greueltaten, unsere Niederlagen und Verlusterfahrungen überall und bis in alle Ewigkeit herumposaunt werden? Dann verrate ich Ihnen einen handfesten Trick zur Steigerung der Lebensfreude. Nehmen Sie sich zunächst das eigentliche Übel all der Aufzeichnungen vor – den Inhalt. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder schreiben Sie die Geschichte nach Ihren Wünschen um, oder (das weniger aufwändige und daher zügigere Verfahren) ersetzen Sie den ursprünglichen Text einfach durch ein sinnentleertes Korpus im Stil von »Lorem ipsum dolor sit amet …«. Achten Sie darauf, die Textmenge des Originals weder zu über- noch zu unterschreiten, sowie auf die optische Gestalt, d.h., Satzspiegel, Fettungen, Unterstreichungen, Schriftgrößen und -arten, Gliederung, Interpunktion etc. müssen dem Original täuschend ähnlich nachgebildet sein. Es ist vollkommen verständlich, wenn Sie bei dieser Arbeit hin und wieder vor Lachen in Tränen ausbrechen. Dazu empfehle ich eine Flasche Heilwasser und anschließend ein basisches Bad.
Gratulation! Der erste und schwierigste Schritt zu Ihrer Erleichterung ist getan.
Sollte der unliebsame Text ausschließlich in digitaler Form vorliegen, sind Sie schon fast am Ziel. Geben Sie Ihrer eigenen Datei denselben Namen wie der Original-Datei und passen Sie unter Zuhilfenahme einer entsprechenden Datei-Datum-Änderungsapp (weitere Informationen dazu finden Sie über die Suchmaschine Ihres Vertrauens) das Erstelldatum Ihrer Datei jenem der Original-Datei an. Anschließend brauchen Sie die ungeliebte Originaldatei bloß durch ihre bearbeitete zu ersetzen. Fertig!
Bei physischen Medien gehen Sie bitte wie folgt vor: Original und Neufassung müssen sich zum Verwechseln ähneln. Deshalb fertigen Sie ein fehlerloses Duplikat des physischen Mediums an. Damit schleichen Sie sich in die Bibliothek Ihrer Tante und tauschen unbemerkt das alte Exemplar durch das neue aus. Das Original bitte anschließend unbedingt vernichten.
Geschafft? – Herzlichen Glückwunsch!
Obacht: Es bringt nichts, wenn Sie die Aufzeichnungen nur »verschwinden lassen« oder sogar verbrennen. Tante Hedwig hat entweder eine Kopie, oder sie schreibt ihre Lebenserinnerungen von neuem auf. Nur was Schwarz auf Weiß steht, hat Gültigkeit, also die von Ihnen hergestellte Version der Geschichte. Und sollte Ihre Tante behaupten, dass das alles niemals von ihr aufgeschrieben worden sei, können Sie immer noch ein besorgtes Gesicht machen und sie einem Neurologen vorstellen.
ABER: Sollte es sich gar um ein veröffentlichtes und verbreitetes Original handeln, um eine wichtige Quelle, vielleicht sogar um ein Fachbuch über eine besonders deprimierende historische Epoche, müssen Sie unbedingt Geduld mitbringen. Fangen Sie mit dem Tausch der Exemplare in den Bibliotheken an. Gehen Sie dabei wie oben beschrieben vor. Unter keinen Umständen dürfen Sie sich beim Austausch des Originals durch Ihre Neufassung blöd anstellen und erwischen lassen! Meist dauert es nicht lange, bis die ersten Exemplare der Originalfassungen in den Ramsch-Kisten und auf Flohmärkten auftauchen. Kaufen Sie sie alle auf! Es ist die richtige Investition.
Ich wünsche Ihnen viel Freude mit der Zukunft!

 

Tipp 5: Wie überstehe ich Weltwirtschaftskrisen und den nächsten Weltkrieg und werde dabei auch noch unsterblich?
Zunächst: Nehmen Sie sich gute acht Jahre Zeit dafür.
Das Nahrungsangebot während handfester Krisen ist meist erheblich eingeschränkt, doch kommt das Ihrem Wunsch nach Transformation nur zugute. In den ersten tausend Tagen dürfen Sie sowieso bestenfalls die Kerne von Früchten, schlimmstenfalls die Rinde von heimischen Laubbäumen verzehren. Aber wichtiger als der Erhalt Ihrer materiellen Existenz auf minimalem Level ist die Vorbereitung Ihres Geistes. Setzen Sie sich deshalb während dieser eintausend Tage täglich im Schneidersitz in eine Wanne und lassen Sie kaltes Wasser über Ihren Körper laufen, während Sie dazu ein selbstgewähltes Mantra sprechen und in regelmäßigen, aber großen Abständen in die Schale mit den Kernen greifen. Wichtig: Lassen Sie sich nicht von Ihren Kaugeräuschen ablenken! Das Ziel dieser Phase ist es, Fett zu verlieren, ohne dabei zu verhungern und zu verdursten.
Bravo! Den ersten Schritt der Transzendierung haben Sie geschafft. Während andere um sie herum leiden und über die Entbehrungen klagen, freuen Sie sich über abgeworfenen Ballast.
Auch die zweite Phase dauert tausend Tage. Dafür benötigen Sie eine Dose Klarlack, die Sie wahrscheinlich noch aus guten Zeiten im Keller haben, sowie gesunde Rinde von heimischen Nadelbäumen. Sollten durch Bombenangriffe o.ä. die Wälder ringsherum zu Schaden gekommen oder gar abgebrannt sein, ist Vorsicht geboten. Alternativ können Sie auch auf die Wurzeln der Nadelbäume ausweichen. Spülen Sie die Rinde oder die Wurzeln vor dem Verzehr mit Wasser, denn das ist die einzige Flüssigkeit, die Sie zu sich nehmen dürfen. Essen Sie davon höchstens eine Handvoll pro Tag, verteilt auf sehr kleine Portionen. Besonders wichtig ist während dieser Phase das Schweigen. Denken Sie nur an Ihr Mantra! Egal, was um Sie herum passiert. Brühen Sie sich in den letzten hundert Tagen der zweiten Phase Tee unter Zugabe einiger Tropfen des Klarlacks, und trinken Sie zwei Tassen in kleinen Schlucken über den Tag verteilt. Damit verändern Sie die Konsistenz Ihres Blutes und verhindern überdies, dass Sie in diesen schwierigen Zeiten von hungrigen Mitbürgern oder kleinem Getier, wie zum Beispiel Maden, verspeist werden.
Gratulation! Mit Abschluss der zweiten Phase stehen Sie schon an der Schwelle zur Transzendenz und sind bereit für den letzten Schritt. Sollten Sie keinen körperlich intakten Mitmenschen mehr um sich herum haben, der Ihnen dabei zur Seite stehen und vielleicht noch das entscheidende Foto für die sozialen Netzwerke machen kann, lassen sich diese Handgriffe im Notfall auch allein bewerkstelligen. Dieser ultimative Abschnitt, der Sie in den Zustand der Unsterblichkeit versetzen soll, umfasst ebenfalls tausend Tage. Dazu begeben Sie sich (falls nicht aufgrund von Notstand oder Kriegszustand bereits geschehen) in Ihren Keller und mauern sich zunächst nur soweit ein, dass Sie noch ein Foto von sich machen können, auf dem das Datum deutlich zu erkennen ist. Dieses Foto posten Sie mit genauen Standortangaben auf allen Ihnen noch zur Verfügung stehenden Netzwerkseiten. Obacht: Sollte dies nicht mehr möglich sein, müssen Sie anders vorgehen. Drucken Sie das Foto noch vor Ihrer Einmauerung mitsamt Googlemaps-Position mehrfach aus, verstauen Sie die Exemplare einzeln in einer Klarsichthülle und verteilen Sie sie in der Umgebung. Das ist wichtig, denn Ihr Übertritt ins Nirwana ist nur dann wirklich erfolgreich, wenn die irdische Nachwelt davon erfährt. Sollten Sie sich also ohne Zeugen in Ihrer menschgroßen Gruft einmauern müssen, dann drücken Sie sich selbst die Daumen, dass jemand nach Ablauf der tausend Tage nachsehen kommt, ob Sie mit Ihrer Transzendierung erfolgreich waren. Denn dann werden Sie mit Sicherheit auf dieser Welt unsterblich sein.
Nun wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Selbstmumifizierung!

 

#LEBENISTKEINEART


 
 

 

 

 

Emma Braslavsky

 

Emma Braslavsky, 1971 in Erfurt geboren, ist seit 1999 als freie Autorin und Kuratorin tätig. Ihr Debütroman Aus dem Sinn wurde 2007 mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis sowie dem Franz-Tumler-Debütpreis ausgezeichnet und war für den Debütpreis des Buddenbrookhauses nominiert. Ihr zweiter Roman Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik erschien 2008. Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen ist ihr erstes Buch im Suhrkamp Verlag. Emma Braslavsky lebt in Berlin.

 

 

Pressestimmen zu LEBEN IST KEINE ART, MIT EINEM TIER UMZUGEHEN

»Braslavsky kann schreiben! ... Trocken, salopp, schräg, grantig oder grandios: So vielfältig wie das Personal, die Visionen, die Schauplätze sind auch die Tonlagen des Buches. Wer es liest, sollte ein bisschen anarchisch veranlagt sein und für die Lektüre keine Leitplanken brauchen. Dann wartet ein herrlich verwirrendes Leseerlebnis auf ihn oder sie.«

Martin Ebel, Die literarische Welt

»Absurd. Komisch. Detailreich … Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen ist zuallererst ein großer Lesespaß. Außerdem verdichtet sich in der vielschichtigen Story ein staunenswert breites Weltwissen.«

Nina Apin, taz. die tageszeitung

»Lässt man sich als Leser auf diesen Erzählkosmos ein, klingen in kürzester Zeit die wahnwitzigsten Dinge völlig plausibel – aber das ist ohnehin eine Spezialität dieser sehr produktiven Autorin …«

Nicole Henneberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Emma Braslavskys irrwitziger, auf seine abgedrehte Weise mitreißender Roman spielt in einer beklemmend ausgemalten Zukunft … Ein Stoff, so kühn, als hätten Sci-Fi-Größen wie H. P. Lovecraft und Philip K. Dick auf einer seligen Party mit David Foster Wallace gemeinsame Sache gemacht. … Jeder fünfte Satz ein Knalleffekt, jedes neue Kapitel ein Anschlag auf die Fantasie.«

Peter Henning, Spiegel Online

»Mit gleißendem Humor, vibrierendem Sprachwitz und viel Gespür für die Absurditäten politischer Korrektheit nimmt Braslavsky die Gegenwart aufs Korn und treibt sie auf die Spitze.«

Maike Albath, Deutschlandfunk

»Wenngleich Emma Braslavskys Roman in einer nicht allzu fernen Zukunft spielt, dann trifft er in seiner satirischen, mitunter lustvoll überdrehten Darstellung doch bereits die mentale Verfasstheit nicht weniger unserer heutigen Zeitgenossen.«

Wiebke Porombka, SWR

»Das ist einer der Romane, von denen einem der Kopf glüht, aber im besten Sinne, weil man so viel Anregendes zu lesen bekommt.«

Frank Meyer, Deutschlandradio Kultur

»Emma Braslavsky rückt die große Frage nach neuen Gesellschaftsentwürfen so unaufgeregt und witzig ins Zentrum wie kaum ein anderer.«

Josephine Schulz, neues deutschland

»All das erzählt Emma Braslavsky in einer flotten, fast atemlosen Prosa, die mühelos von einem Schauplatz zum nächsten springt und die opulente Handlung geschickt zusammenhält. Es ist ein Roman über Träume und Hoffnungen, über die Absurdität der modernen Welt, über idealistische Ziele, die an der Wirklichkeit scheitern.«

Irene Binal, ORF Ex libris

Kommentare zu LEBEN IST KEINE ART, MIT EINEM TIER UMZUGEHEN

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»Ich konnte das Buch keine Sekunde aus der Hand legen! Ich bin sehr glücklich darüber und werde es voller Enthusiasmus meinen Kunden empfehlen. Sehr lustige und intelligente Lektüre!«
Eleni Efthimiou, Buchhandlung LeseGlück, Berlin, 28.07.2016
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