© Ekko von Schwichow

Der Antiquitätenladen seines Vaters ist für den jungen Adrià ein Universum voller Rätsel, dem er sich durch das Studium der verschiedensten Sprachen anzunähern sucht, bis er schließlich zu einem kompromisslosen Sammler wird. Was interessiert Sie an der Leidenschaft des Sammlers?

Adrià Ardèvol wächst in einem Antiquitätengeschäft auf. Er ist dort von vielen, mehr oder weniger kostbaren Gegenständen umgeben und lernt sie nach und nach zu schätzen, zu manchen entwickelt er eine Art Zuneigung, manche hasst er allerdings ganz entschieden. Denn diese Gegenstände verkörpern für ihn letzten Endes auch die Leidenschaft des Sammlers. Sein Vater ist so ein Sammler, und die Sammelleidenschaft verhindert, dass Adrià einen normalen Vater hat. Gerade als Kind muss Adrià erfahren, wie fehlende Elternliebe sich anfühlt. Und wie ein Antiquitätenladen für einen kleinen Jungen ein ganzes Universum bedeuten kann, will auch der Roman eine ganz eigene Welt sein, betrachtet aus der besonderen Sicht Adriàs, einer intelligenten und neugierigen Person, die sich diszipliniert dem Studium widmet, um eines Tages die gesamte Menschheit, das große Ganze zu verstehen. Sein Wissensdurst ist enorm, er lernt viele Sprachen, mit gewaltiger Leidenschaft, die sein Vater eben auch von jeher forciert hat, eignet Adrià sich fremde Worte an. An der Leidenschaft des Sammlers interessiert mich wohl vor allem der Kampf, den jeder führen muss, der sich von etwas umgetrieben, besessen fühlt und dabei trotzdem eine Balance zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu finden versucht.

 

Ihre Geschichte einer wertvollen Geige bezaubernden Klangs umspannt mehrere Jahrhunderte europäischer Geschichte. Es sind darunter eigentlich die grauenvollsten.

Mich hat schon immer die Beziehung zwischen der Schönheit und dem Bösen fasziniert. Die von Storioni gefertigte Geige symbolisiert genau diese Beziehung. Der Vater sagt zu Adrian: »Mein Sohn, diese Geige wird uns große Freude bereiten.« Dieser arme Kerl! Er weiß nicht – oder vielleicht will er es auch gar nicht wissen –, wie nahe Glück und Unglück beieinander liegen, der Unterschied kann so hauchzart sein wie eine Geigensaite. Das Streichinstrument ist im Roman jedenfalls zugleich das sehr konkrete Motiv, über das sich die Geschichte im Lauf der Jahrhunderte in unterschiedlichen Teilen Europas - viele Figuren kommen dabei ins Spiel – entfalten kann. Aber der Roman beharrt nicht auf dem Bösen, den Schwierigkeiten, der Idee von Schuld, er erzählt auch die Geschichte einer großen Freundschaft und einer aufrichtigen Liebe.

 

Religion, Sprachen und Musik spielen eine wichtige Rolle im Roman. Worin besteht der Zusammenhang zwischen diesen dreien?

Genau das habe ich mich in den Jahren auch gefragt, als ich den Roman geschrieben habe. Die Geschichte trägt sich in Europa zu, deshalb tauchen in Das Schweigen des Sammlers viele europäische Sprachen auf, moderne wie tote. Und was die Musik angeht, ist sie, wie in meinen anderen Büchern, als eine natürliche Form des Bewusstseins präsent, zudem verbindet sich mit ihr eine schwere Enttäuschung – aus mangelndem Selbstvertrauen habe ich meine Ausbildung zum Musiker nicht zu Ende gebracht. Europa ist natürlich wesentlich von der Religion geprägt worden, vor allem von der jüdisch-christlichen Tradition. Im Roman erscheint Religion unterdessen als ein zweischneidiges Schwert: durch sie erfahren wir Güte und spirituellen Beistand, aber die schlimmsten Auswüchse menschlicher Intoleranz sind ebenfalls religiös motiviert. Vor diesem Hintergrund fragt sich Adrià, ob Gewalt aus Leidenschaft grausamer ist als Gewalt, die auf einer Idee beruht. Und im Laufe des Romans vernehmen wir das Spiel der Geige als etwas Faszinierendes, das uns in die Nähe der Schönheit versetzt. Aber nicht in die Nähe der Glückseligkeit.

 

Der Roman ist eigentlich ein reuevolles Bekenntnis Adriàs und zugleich sein Versuch, gegen das Vergessen anzuschreiben und die eigene Schuld zu überwinden.

Der Roman ist wirklich ein einziges Bekenntnis. Hier spricht mit Adrià Ardèvol eine Figur, die, rückblickend betrachtet, in entscheidenden Momenten ihres Lebens lieber anders gehandelt hätte. Der Roman ist auch ein langer Liebesbrief von Adrià an Sara, in dem er viele Dinge erklärt, von denen er glaubt, dass er sie eigentlich schon viel früher hätte erklären müssen. Und Adrià betreibt auch eine schonungslose Abrechnung mit sich selbst. Er ist ein kultivierter und intelligenter Mann, und es gelingt ihm, sein eigenes Leben zu durchdringen und es – vor uns, für uns – als eine fast unendliche Erzählung gegen das Vergessen aufzubieten. Aus diesem Grund lautet der Titel der katalanischen Originalausgabe Jo confesso: »Ich bekenne«.

 

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihrem neuen Roman Das Schweigen des Sammlers und Ihrem Bestseller Die Stimmen des Flusses?

Als ich anfing, Das Schweigen des Sammlers zu schreiben, war ich, obwohl ich Die Stimmen des Flusses ja schon abgeschlossen hatte, weiter davon besessen, die Ursachen des Bösen zu verstehen. Und der neue Roman verhandelt eben, neben vielen anderen Dingen, vor allem auch dieses Thema. Mit ganz anderen Figuren und Geschichten, in einer ganz eigenen Umgebung. Der neue Roman spielt vor allem in Barcelona, im Eixample, dem Viertel, in dem ich geboren bin, in dem ich aufgewachsen bin, während ich mit meinen beiden Brüdern gerauft und die Streiche meiner beiden Schwestern verfolgt habe. Der Eixample, meine Welt, wo ich in den Kindergarten und aufs Gymnasium gegangen bin und sogar die Universität besucht habe. Dieser Ort, den mein Vater »el rovell de l´ou del món« nannte, was so viel heißt wie »das Zentrum der Welt«. Aber der neue Roman spielt auch an vielen anderen Orten. Zwei davon sind Klöster, deren Ruinen ich in einer fast manischen Weise besucht habe, als ich Die Stimmen des Flusses schrieb, und die deshalb auch zu einem Teil der Landschaft in dem neuen Buch geworden sind. Um zu verstehen, was ich sage, muss man wohl einfach den Roman lesen!