Nachruf auf Leonie Frankenstein

12.06.2009

Klaus Hillenbrand zum Tod von Leonie Frankenstein am 19. Mai 2009:

»Sie war ein lebenslustiges junges Mädchen, damals in Leipzig. Sie ging gerne tanzen und hörte mit Begeisterung Jazz-Musik. Sie traf sich mit ihren Freundinnen und träumte von einer neuen Heimat in Palästina. Doch es kam anders. Sie blieb in Deutschland.

Sie war eine kämpferische junge Frau. Als die Nazis ihr, ihrem Ehemann Walter und dem gemeinsamen Kind Uri nach dem Leben trachteten, als sie alle Juden in Deutschland ermorden wollten – und einen Großteil von ihnen tatsächlich umbrachten – da hat sie sich aufgelehnt. Leonie Frankenstein ist nicht mitgegangen. Sie entwischte aus einer Berliner Deportationssammelstelle. Die Familie Frankenstein ging gemeinsam in den Untergrund, verschwand aus der Öffentlichkeit. In unsicheren Verstecken, immer auf der Flucht vor Gestapo und ihren Spitzeln versteckten sich Leonie, Walter und Uri Frankenstein. Zuerst in Leipzig bei der Mutter, dann, nachdem diese nach Auschwitz deportiert wurde, mitten in Berlin. Es gab mutige Freunde, Bekannte und gänzlich Unbekannte, die der Familie halfen, ihnen ein Dach über dem Kopf anboten und mit ihnen die Lebensmittelkarten teilten. Sie lernte, mutig zu sein und niemals Zeichen der Angst zu zeigen.

Als das letzte Versteck ausgebombt worden war, verbarg sich Leonie Frankenstein unter dem Namen einer "Arierin" in einem brandenburgischen Dorf. Dort, weit weg von ihrem Mann, in gefährdeter Existenz, gebar sie ihr zweites Kind, Michael. Und als auch diese Bleibe aufgeflogen war und sie mit ihren beiden Kindern nach Berlin zurückkehren musste, gelang ihr und ihrem Mann Walter das scheinbar Unmögliche: Die vierköpfige jüdische Familie überlebte die letzten Monate von Krieg und Nazi-Terror – bei Prostituierten, in einer leer stehenden Wohnung und zuletzt in einem Bunker. Alle anderen Familienangehörigen aber fielen dem Massenmord zum Opfer.

Danach konnte und wollte Leonie Frankenstein nicht länger in Deutschland bleiben. Die Familie emigrierte nach Israel, wo die junge Mutter alleine die Kinder aufziehen musste, während der Mann erst interniert war und danach am Unabhängigkeitskrieg teilnahm. Nach zehn Jahren ging es in ein neues Exil, nach Schweden.

Leonie Frankenstein blieb eine kämpferische Frau. Aber nach allem, was geschehen war, gab es auch schwermütige Momente. Sie verbot es sich selbst, nach Deutschland zurückzukehren, obwohl sie sich oft nach diesem Land sehnte. Aber sie hegte doch keinerlei Groll gegen die junge Generation von Deutschen – im Gegenteil. Leonie Frankenstein betrachtete es als eine Aufgabe, den Menschen anhand ihres eigenen Lebensschicksals zu zeigen, dass sich Widerstand lohnt.

Im Alter von 87 Jahren, nach 67 Jahren Ehe mit ihrem geliebten Walter, ist Leonie Frankenstein am 19. Mai 2009 in Stockholm verstorben. Ihre Söhne waren bei ihr. Ihr Mann war bei ihr. Sie konnten nur bei ihr sein, weil Leonie Frankenstein mit ihrem Mut dafür gesorgt hatte, dass sie gemeinsam den Holocaust überlebten.«

 

Klaus Hillenbrand hat die Lebensgeschichte von Leonie und Walter Frankenstein in seinem Buch Nicht mit uns festgehalten, das im September 2008 im Jüdischen Verlag erschienen ist.

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