Newsletter: EUROPA VERTEIDIGEN

10.02.2017

Konstantin Küspert und Miroslava Svolikova: 2 Autor_innen mit 2 aktuellen Europa-Stücken

Das Brexit Votum war erst der Anfang. Nach nur dreiwöchiger Präsidentschaft Donald Trumps bebt die ganze Welt. Der Front National eifert mit seinem Slogan »France First« dem amerikanischen Vorbild nach und der Niederländer Geert Wilders, Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei Partij voor de Vrijheid, schneidet symbolisch einen Stern aus der europäischen Fahne. Europas Rechtspopulisten erleben sich weiter im Aufwind.

Mit Konstantin Küsperts europa verteidigen und Miroslava Svolikovas Stück Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt. stehen zwei Europa-Stücke für die Spielpläne bereit. Während Küspert in europa verteidigen nach den europäischen Werten fragt, schickt uns Miroslava Svolikova in ihrem Stück einen einsamen europäischen Stern:

»ich bin aufgewacht und war allein, irgendwann. ich habe die arme zurückgezogen, die ausgestreckt waren, weil ich sie so lange schon ausgestreckt hielt. aber da war nichts, was die fingerspitzen hätten berühren können. ich war allein vor einem blauen himmel und ohne die anderen sterne. es war vor zehn, vor zwanzig oder vor hundert jahren. da war keine wolke am himmel. ich habe die sternenarme eingezogen und bin umhergegangen, untergegangen, nein umhergegangen, ich war gelb, so wie ich jetzt gelb bin. ich war so wie immer, so wie ich immer bin. alles war so wie immer, nur anders. ich war allein. ich habe die arme eingeklappt und war traurig. ich habe mich im kreis gedreht, aber die arme hingen nur schlaff zur seite. ich habe gerufen, aber da kam nur ein leuchten, als antwort, ein kleines gelbes leuchten, und das war ich selber. das kam aus mir selbst heraus. ich war ein fernes flackern im all, ich war ein kleiner fleck und um mich nur der himmel. ich war der einzige stern. wo sind alle? warum?«
(aus: Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt.)

Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt.
ist eine absurde Farce über ein Europa, das einmal war und nun nur mehr in Form von Reliquien in einem futuristischen Museum zu betrachten ist. Neben abgekauten Kugelschreibern, Verträgen und einer »scheuen institution« gibt es dort eine Mauer, die darauf beharrt »echt« zu sein, einen Stein, der es satt hat immer von der Geschichte zeugen zu müssen und einen Speichel, der sich selbst als »teer der geschichte« bezeichnet.

Drei Figuren treffen in diesem Museum aufeinander. Alle drei haben einen Wettbewerb gewonnen. Und sie alle sind wild entschlossen und gekommen, die »Aufgabe« zu übernehmen. Doch welche Aufgabe eigentlich? Vielleicht »die wichtigste unserer Zeit«? Da taucht ein Stern auf, ein gefallener Stern, auf der Suche nach seiner »onion«.

In einer Zeit, in der das Theater dringend politische Komödien braucht, hat Miroslava Svolikova eine absurde Abstellkammer der Geschichte Europas entworfen. Eine Farce, sprachlich verspielt, rhytmisiert, urkomisch.

UA: 13.1.2017, Schauspielhaus Wien, Regie: Franz-Xaver Mayr
Vorstellungen im Februar: 28.2.2017


Vita:
Miroslava Svolikova, geboren 1986 in Wien, studierte Philosophie in Wien und Paris, Szenisches Schreiben bei uniT Graz und studiert heute an der Akademie der bildenden Künste Wien. 2015 gewann sie den Retzhofer Dramapreis für die hockenden. Mit dem Entwurf zu Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt. erhielt sie das Hans-Gratzer-Stipendium 2016 des Wiener Schauspielhauses und gewann den Werkauftrag. 2016 erhielt sie den Nachwuchspreis des Schiller-Gedächtnispreises.


europa verteidigen
erzählt von dem schönen Mädchen Europa, das vom Göttervater Zeus aus dem Libanon über das Meer entführt wurde. Bei der Überfahrt blickt Europa noch zuversichtlich und ohne Angst nach vorn. Auf Kreta wird sie von Zeus brutal vergewaltigt. Fortan will sie nur noch sterben, doch Aphrodite kann sie von einem zukünftigen Leben in Freiheit überzeugen.

Fünf »Zeitgenossen« stehen auf der Bühne, sind Sprecher für unterschiedliche Positionen und Generationen: Heinrich, der als junger Mann einzogen wurde für den Dienst als Soldat im Zweiten Weltkrieg, weiß genau, was er von der EU halten soll. Er, der 96jährige Greis, findet sie »großartig«: »sein sohn musste nicht töten, wurde nicht getötet, weil ein beispielloses multilaterales abkommen gegenseitige sicherheit und wohlstand in europa garantiert. Und heinrich träumt jetzt wieder oft vom krieg.« Die jüngeren Sprecher in Küsperts Stück dagegen sind sich ihrer Position nicht mehr ganz so sicher.

Im Wechselspiel zwischen Mythologie, zeitgenössischen Monologen und Schlaglichtern aus einer bewegten europäischen Historie eröffnet Küspert einen gedanklichen Raum, umkreist die europäische Idee und formuliert Fragen angesichts einer Gegenwart, die Europa als Gemeinschaft auf den Prüfstand stellt: Was sind europäische Werte? Ist Europa eine Trutzburg, eine Festung gegen „Überfremdung“? Eine Wohlfühloase? Wer darf es sich drinnen gemütlich machen, wer muss leider draußen bleiben?

UA: 9.10.2016, E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg, Regie: Cillie Drexel
Vorstellungen im Februar: 15., 16. und 19.2.2017


Vita:
Konstantin Küspert, Autor, Dramaturg, Übersetzer, 1982 geboren in Regensburg. Studium der Germanistik, Politik, Philosophie an der Universität Wien und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Von 2013 bis 2015 Schauspieldramaturg am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Ab der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Schauspiel Frankfurt.

Die beiden neuen Stücke von Konstantin Küspert erleben im Februar ihre Uraufführung: das ende der menschheit wird am 17. Februar in der Regie von Anton Kurt Krause am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt und believe busters am 25. Februar am Landestheater Tübingen in der Regie von Dorothea Schröder.

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