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01.03.2017

Zwei Stücke von Mehdi Moradpour über Flucht und Ankommen in einer neuen Gesellschaft
Der Autor Mehdi Moradpour schreibt in seinen Stücken reines land und mumien. ein heimspiel über die Schwierigkeit des Ankommens in einem neuen Land und in neuen Beziehungen, wenn die Identität eines Menschen verrutscht ist. Durch politische Gewalt, durch die gewählten Überlebensstrategien, durch die Migrationserfahrung. Für dieses Ringen um das eigene Fundament findet Moradpour einen in dramatischen Texten ungewöhnlichen, fast lyrischen Ton: Er durchleuchtet die deutsche Sprache mit der poetischen Strahlkraft des Persischen.

Mehdi Moradpour ist 1979 im Iran geboren, er hat in Leipzig und Havanna Hispanistik, Amerikanistik und Arabistik studiert. Er arbeitet als Dolmetscher, häufig für das Bundesamt für Migration und Geflüchtete.

reines land ist sein neustes Stück, frei zur Uraufführung. Hier trifft seine poetische Sprache auf einen sehr deutschen, nüchternen Dokumentarton:

reines land
Tara ist Antragstellerin und wird angehört. Sie spricht Deutsch und setzt durch, für sich selbst zu sprechen. In dieser so bürokratischen wie existentiellen Situation geht es um alles: darum, sich in eine deutsche Zukunft hinein zu argumentieren, hinein zu erzählen. In Anwesenheit der routiniert kritischen Anhörerin und dem so hellhörigen wie seltsam eigenmächtigen Dolmetscher und Landsmann wird die junge Frau gezwungen, in ihre Vergangenheit zurück zu gehen. Zurück in das Land im Nahen Osten aus dem sie geflohen ist, weil ihr Job sie zwischen die politischen Lager katapultiert hat. Zurück in eine Situation, die keine Anhörung, sondern Folter war.

Die Anhörung ist die Grundsituation in Mehdi Moradpours Stück und der Ausgangspunkt für mal assoziativ verschwommene, mal schmerzhaft wirkliche Vergangenheitsfenster sowie für das gegenwärtige Leben der Hauptfigur in Deutschland. Tara ist schwanger und setzt sich nur zögerlich mit diesem neuen Zustand auseinander. Ihr jetziger Freund entscheidet sich für eine Reise und verschwindet in Taras geografische Heimat – mehr auf der Suche nach sich selbst, als nach ihr und einem gemeinsamen Weg. Ihr Freundeskreis ist in Auflösung begriffen, die Verbindungen wechseln, changieren zwischen Freundschaft und Liebe und fallen doch auseinander. Tara trifft eine Entscheidung. Es ist ihre Vergangenheit, die der Gegenwart keinen Raum gibt und die Zukunft radikal in Frage stellt. (2 D, 2 H)


mumien. ein heimspiel
Alle haben sie eine Beziehung zu Mamal. Zu Mamal, dem ehemaligen Angehörigen des Paramilitärs, dem Soldaten, dem Folterer vom Dienst, dem Gefolterten, dem Geliebten, dem Fluchthelfer, dem »scheinschwulen Kommunistenaraber«, dem Flüchtling. Nur ist Mamal jetzt verschwunden. Nicht mehr auffindbar im Heim für Asyl und Soziales, in dem er gerade noch gelebt hat, und das die Drehscheibe in diesem »heimspiel« ist. Zurück bleiben lose Beziehungsstränge, die in die Gespräche der zurückgebliebenen Figuren hineinragen, die sie miteinander verknüpfen müssen, auf der Suche nach Mamals Identität und Geschichte. Die Wahrheit über sein plötzliches Verschwinden wird dabei immer komplexer. Und das Verschwinden geht weiter. (2 D, 3 H)

UA: 9. April 2016, Theater Konstanz/ Schweizer Erstaufführung: Juni 2016, Theater St. Gallen; Regie: Andreas Bauer

»Flucht und Vertreibung, die Moradpour aus eigenem Erleben kennt, sind für den gebürtigen Iraner mehr als plakative Zeitgeist-Themen. Für das Gefühl des Heimatverlusts und die Furcht vor drohender Folter findet der Autor große, auch brutale Bilder. (…)Regisseur Bauer verführt die Schauspieler, sich auf die befremdlichen Bilder einzulassen, die das Entsetzen von Menschen am Abgrund ihrer Existenz spiegeln. (…)Auf sprachlicher wie auf formaler Ebene fasziniert die unbändige Lust des Autors, das Leben zwischen den Kulturen mit innovativer Ästhetik weit jenseits des Gewohnten zu reflektieren.« (nachtkritik, 9.4.2016)

Moradpours Stück türme des schweigens war in Theater der Zeit 10/ 2015 abgedruckt und wurde mit dem exil-DramatikerInnen 2016 der WIENER WORTSTAETTEN ausgezeichnet.

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