Newsletter: »Putzen Porn Palme« und Liebe in Zeiten der Luftverschmutzung

24.01.2017

Mit co-star und AIR hat Simona Sabato zwei virulente neue Stücke geschrieben
Es gilt eine Autorin zu entdecken, die eine höchst eigenwillige, so nie gehörte Sprache mitbringt: blitzschnell, zerbrechlich schön und vor verstecktem Witz funkelnd – absolut literarisch.

»früher hat mich Atmen geekelt, ich hatte eine Atemphobie, ich hatte Angst was einzuatmen, was andere schon ausgeatmet haben, ich bin nicht so der Mensch der gerne andere umarmt, sag dass du mich liebst, aber atme mir nicht ins Gesicht, so war ich früher, und jetzt leg ich mein Gesicht zwei Millimeter über warme Kotze, wenn ich da Luft finde, ich meine ich bin bereit, ich bin bereit für die nächsten Minuten« (aus: AIR)

In beiden Stücken nehmen starke Frauenfiguren das Geschehen in die Hand. Beide Stücke sind vordergründig Beziehungsstücke. Aber die Beziehungen ereignen sich jeweils in einem öffentlichen, gesellschaftlich äußerst zugespitzten Rahmen: co-star im Rampenlicht eines Filmfestivals, AIR inmitten einer Smogkatastrophe.

AIR
ist ein brisantes Umweltstück. AIR ist kein Zukunftsstück, AIR ist die rasend schnell mutierte Gegenwart. AIR spielt da, wo China bereits heute ist: in giftiger Luft.

Es geht los an einem sommerversmogten Tag in der Stadt. Gesa besucht ihre Freundin Jila. Noch herrscht nur die Empfehlung, das Auto stehen zu lassen. Kurz darauf wird das Autofahren verboten sein. Noch etwas später mutiert die Welt um uns herum zum Horrorfilm. Im Zentrum stehen zwei Paare, sie vertrauen, verachten und brauchen sich, sie kämpfen um ihre Freundschaft, um ihre Ehen und um ihre großen Kinder, die den Abstand in Wäldern und Megacities suchen.

Es geht um den VW-Skandal, um Feinstaub und um die Frage, was ein unabwendbares Bedrohungsszenario zumindest privat noch in Gang setzen kann. Ausgerechnet die selbstmordgefährdete Jila wird zur Heldin, die den Kampf aufnimmt gegen den Gigantismus der Weltkonzerne.

co-star (küss deinen Ellbogen)
erzählt die emotionale, erfundene Backstory zu dem Film Blau ist eine warme Farbe (Goldene Palme, Cannes 2013). Die beiden jungen Schauspielerinnen Ariane und Melie und ihr Regisseur geraten ins Aufmerksamkeitsgewitter und verstricken sich in unkontrollierbare Dynamiken zwischen Intimität und Öffentlichkeit, zwischen echten Gefühlen und Pussy-Atrappen, zwischen Herkunft und Professionalität.

Eine abgedrehte Beziehungsgeschichte, die sich im Setting eines Luxushotels ereignet: Melie und Ariane werden dank der Auszeichnung von neugierigen Reportern durch die Hotellandschaft gejagt. Alle interessieren sich nur dafür, ob die Sexszenen im Film real, ob die beiden auch im Leben ein Paar sind. Ein Machtspiel beginnt. Die Buisness-erprobte Ariane wirft dem Regisseur plötzlich Ausbeutung vor, der Regisseur sieht sein Werk in Gefahr, die Produzentin zockt weiter um den Verkaufspreis. Und Melie, fast kindlich noch, versteht die Welt, ihre Gefühle und die Bilder nicht mehr, in die sie da hineingeraten ist.

co-star verhandelt unsere Sehnsucht nach Authentizität in der Kunst und im Leben und stellt die Frage, inwiefern die soziale Herkunft für Erfolg instrumentalisiert werden kann.

Simona Sabato im Interview über ihre beiden Stücke finden Sie hier.
Beide Stücke sind frei zur UA.

Vita
Simona Sabato wurde 1964 in Berlin geboren, arbeitete als Kamerafrau, studierte Kunstgeschichte und Szenisches Schreiben. Für ihre Arbeit als Autorin wurde sie mit dem Ernst-Willner-Preis in Klagenfurt und dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet. Sie lebt nach wie vor in Berlin und arbeitet als Drehbuchautorin.

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