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24.03.2017

Drei Stücke von Ani / Graser / Nußbaumeder

Mit Unser Syrer von Friedrich Ani, Stammtisch von Jörg Graser und Margarete Maultasch von Christoph Nußbaumeder rücken wir das Volkstheater noch mal in den Fokus der finalen Spielplangestaltung. Alle drei Stücke sind frei zur Uraufführung


Unser Syrer

ist kein Kommentar zur aktuellen Flüchtlingskrise. Unser Syrer ist eine Geschichte über die Suche nach Identität. Das Stück erzählt von Mohamed, einem gebürtigen Moslem, der von seinem Vater in den 50er Jahren von Syrien nach Deutschland geschickt wurde um Medizin zu studieren – und blieb. Für die einen ist er Ali, Wirt in einem Gasthaus einer süddeutschen Kleinstadt, für die anderen ist er Mohamed, der sein Medizinstudium durchzieht, seinen Sohn Georg bekam und den sehr eigenwilligen Integrationsbemühungen seiner katholischen Ehefrau Edith ausgesetzt ist.

Ani arbeitet mit verschiedenen Erzählebenen, verschiedenen Zeitzonen, Wirklichkeit und Traum sind miteinander verwoben.

MOHAMED Ich bin nicht der, den du siehst. Der bin ich nie gewesen. Ich war immer ein anderer.
In euer aller Augen bin ich ein Wirt, ich trage Sachen, die man so anhat als Wirt, ich schenke Getränke aus, ich betreibe das altehrwürdige Poststüberl gleich gegenüber vom Postamt, wo die Busse abfahren. Meinen Namen kennt jeder, der ist leicht zu merken. Ali. Das Finanzamt misstraut mir, weil ich Araber bin, aber das macht mir nichts aus. Viele Leute in dieser Kleinstadt misstrauen mir, das ist normal. Aber wenn ich ihnen ein Bier hinstelle oder ein Glas Weißwein und einen fast hausgemachten Schweinsbraten serviere, freuen sie sich und geben mir Trinkgeld, und ich bin einer von ihnen.


Friedrich Ani, geboren 1959, lebt in München. Er schreibt Romane, Gedichte, Jugendbücher, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Sein Werk wurde mehrfach übersetzt und vielfach prämiert, u. a. mit dem Deutschen Krimi Preis, dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis. Seit 2015 ist Friedrich Ani auch mit seinen Theaterstücken im Suhrkamp Theater Verlag vertreten.


Stammtisch

steht in der Tradition des bayerisch-österreichischen Volksstücks. Das Stück spielt im Wirtshaus der Familie Muhrl. Weil die Tochter des Hauses Yogalehrerin werden möchte und die Wirtsleute sich keine Bedienung mehr leisten können, zieht die Wirtin einen syrischen Flüchtling zum Kellnern heran. Der entpuppt sich als eifriger Koranleser und weckt die Neugierde des Wirts am Islam. Denn dass die Frauen »gehorsam, treu und verschwiegen« sein sollen, ist dem arbeitsscheuen Trinker durchaus sympathisch.

Stammtisch entdeckt im Aufprall einer autoritären Religion auf eine moralisch und spirituell bankrotte Gesellschaft eine schreckliche Komik. Weder der Islam noch die Lebenswelt des Westens werden dabei verschont.

Muhrl: Weißt, dass ich eine Morddrohung bekommen hab, wegen diesem Welcome-Klimbim?
Achmed: Nein.
Muhrl: Das war wirklich eine Schnapsidee von meiner Frau. Mir war das schon klar, dass da der ganze Stammtisch wegbleibt bei so was. Weißt was? Jetzt saufen wir uns zam, wir zwei. Setz dich her da. Ich werd Moslem und du saufst mit mir.
Achmed: Lieber nicht.
Muhrl: Ach was. Komm her da.
Er schenkt zwei Schnapsgläschen voll. Achmed kommt nur zögernd zum Tisch.
Achmed: Sie wollen Moslem werden?
Muhrl: Ich bin da zumindest stark interessiert. Ich muss da nur noch ein paar Dinge klären. Aber du musst mir schon auch ein bisserl entgegenkommen. In Bayern gibt es eine Leitkultur, die steht über aller Religion. Gegen die ist sogar die Kirche machtlos. Verstehst?
Achmed: Nein.
Muhrl: Dann trinkst jetzt, damitsd es verstehst. Prost.
Achmed: Prost.


Jörg Graser, geboren 1951 in Heidelberg, ist Politologe und Absolvent der Münchner Filmhochschule. Er hat als Film- und Fernsehregisseur gearbeitet und schreibt Drehbücher, Theaterstücke und Hörspiele. Graser hat zahlreiche Preise erhalten, u. a. den Bundesfilmpreis, den Publikumspreis der Filmfestspiele in Cannes, den Adolf-Grimme-Preis. Er lebt in München und im Bayerischen Wald.
 

Margarete Maultasch

entführt uns in die politischen Unruhezeiten des 14. Jahrhunderts und erzählt mit der historischen Figur der legendären Margarete von Tirol ein Drama um Macht und Moral.
Als junges Mädchen zwangsverheiratet, körperlich und seelisch vergewaltigt, eingespannt in wechselnde politische Planspiele, gelingt Margarete die zeitweise Selbstbefreiung. Sie nutzt ein Machtvakuum, sucht sich einen jüdischen Gelehrten als Berater und beginnt zu regieren. Ihr Land öffnet sich in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. Bis die Pest alle Pläne durchkreuzt und der kurzen Blüte ihrer Regentschaft ein jähes Ende bereitet.

Nußbaumeder erschafft mit seiner Margarete Maultasch die Figur einer modern wirkenden, selbstbewussten und schönen Frau, die sich vielfältiger patriarchaler Intrigen und Zumutungen zu erwehren weiß, Zeit ihres Lebens aber im Konflikt zwischen Macht- und Herzensanspruch gefangen bleibt.

MARGARETE: Kein Haar hätte man dir gekrümmt, keinen Kratzer hätten sie dir zufügen dürfen, wie eine Löwin hätt ich dich verteidigt. Aber du wolltest mich in deinem Traum gefangen nehmen. Warum nur hast du dir auferlegt, alle Menschen von ihrem Leid erlösen zu wollen? Einen Bürgerkrieg hättest du entfacht, Tiroler gegen Tiroler, ich kann das nicht verantworten! Versteh das doch! Ich kann nicht aus meiner Haut …Man kann mich nicht lieben.

Christoph Nußbaumeder, 1978 im niederbayerischen Eggenfelden geboren, ist Dramatiker und Autor. Nach Abitur und Zivildienst arbeitete er in einer Automobilfabrik in Pretoria/ Südafrika und studierte Rechtswissenschaften, Germanistik und Geschichte in Berlin. Seine Stücke wurden u.a. bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, an der Berliner Schaubühne, am Schauspielhaus Bochum und am Schauspiel Köln uraufgeführt. Christoph Nußbaumeder lebt in Berlin.