Romane für den Sommer

11.07.2017

Sommer, Urlaub, Zeit zum Lesen: Wir legen die Stücke beiseite und widmen uns den Romanen. Unsere Empfehlungen für den Sommer – und für die Bühne: Der Scheiterhaufen von György Dragomán, Eigentlich müssten wir tanzen von Heinz Helle, Ellbogen von Fatma Aydemir, Rückkehr nach Reims von Didier Eribon und – ganz ohne Stücke geht es dann doch nicht – der neue spectaculum Band handlich und leserfreundlich mit Thomas Köcks Klimatrilogie: paradies fluten/paradies hungern/paradies spielen.


György Dragomán: Der Scheiterhaufen

Rumänien nach dem Sturz des Diktators. Emma, eine dreizehnjährige Vollwaise, wächst im Internat auf. Eines Tages wird sie von einer mysteriösen Unbekannten, die sich als ihre Großmutter vorstellt abgeholt und soll von nun an bei ihr leben. In der Schule wird Emma nicht nur gehänselt, sondern auch bedroht, denn ihre Großmutter gilt als Spitzel und Geisteskranke. Die Geschichte, die nun beginnt, zieht Emma den Boden unter den Füßen weg: Stückweise kommt die Wahrheit über ihre Familie ans Licht – und über eine Gesellschaft, in der das gewaltsame Ende vieler ihrer Bürger nie verfolgt wurde.
In dem viel beachteten Roman wirft György Dragomán, der als Angehöriger der in Siebenbürgen lebenden ungarischen Minderheit in Rumänien aufwuchs und später nach Ungarn emigrierte, einen Blick auf Rumänien und die dort von Schrecken geprägte Umbruchszeit Anfang der 1990er Jahre.

Der Scheiterhaufen wurde in einer Bühnenbearbeitung von Armin Petras am 22. April 2017 am Staatsschauspiel Dresden in der Regie von Armin Petras und in Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart, dem Teatrul National »Radu Stanca« Sibiu (Rumänien) und dem Vígszínház (Vig Theater) Budapest (Ungarn) uraufgeführt. Ein Ansichtsexemplar dieser Bühnenbearbeitung können Sie hier bestellen.


Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen

Fünf junge Männer verbringen ein Wochenende auf einer Berghütte. Sie kennen sich lange, sie kennen sich gut. Ein kurzer Austritt aus dem Alltag, ihren Funktionen, Beziehungen. Als sie ins Tal zurückkehren, sind die Ortschaften verwüstet. Die Menschen sind tot oder geflohen, die Häuser und Geschäfte geplündert, die Autos ausgebrannt. Zu Fuß versuchen sie, sich in ihre Heimatstadt durchzuschlagen. Sie durchwandern die winterliche Welt: ein zerstörtes Museum des Kapitalismus, kalt und seltsam wehrhaft. Sie funktionieren, so gut sie können. Nachts bleiben sie wach oder tanzen, um nicht zu erfrieren, und streifen durch ihre Erinnerungen. Sie werden immer weniger. Auf ihrer gemeinsamen Suche nach einem Grund, am Leben zu bleiben.
In einer knappen, klaren, präzisen Sprache erzählt Heinz Helle aus der Perspektive eines namenlos bleibenden Ich-Erzählers. Die Erzählung verstellt immer mehr erhoffte Auswege und nimmt uns mit in Bilder, die wir vergessen wollen, aber nicht mehr vergessen können.

Eigentlich müssten wir tanzen, bereits als Hörspiel produziert (Ursendung 2.2.2017, WDR), wird nun von Heinz Helle selbst zu einem Theaterstück für das Schauspiel Leipzig umgeschrieben und am 18.1.2018 in der Regie von Daniel Foerster uraufgeführt.


Fatma Aydemir: Ellbogen

Zwischen Deutschland und Türkei – eine junge Frau auf der Suche nach Heimat.
Sie ist siebzehn. Sie ist in Berlin geboren. Sie heißt Hazal Akgündüz. Eigentlich könnte aus ihr eine gewöhnliche Erwachsene werden. Nur dass ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern sich in Deutschland fremd fühlen. Und dass Hazal auf ihrer Suche nach Heimat fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. Als die Polizei hinter ihr her ist, flieht Hazal nach Istanbul, wo sie noch nie zuvor war. Warmherzig und wild erzählt Fatma Aydemir von den vielen Menschen, die zwischen den Kulturen und Nationen leben, und von ihrer Suche nach einem Platz in der Welt. Man will Hazal helfen, man will mit ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mit ihr und mit uns allen weitergeht.
Mit Ellbogen hat die 31-jährige Journalistin Fatma Aydemir, die für die taz, Spex und das Missy Magazine schreibt, ein viel beachtetes Romandebüt vorgelegt. Eine knallharte, hochemotionale Geschichte über postmigrantische Verlorenheit, Gewalt, Schuld und das Erwachsenwerden in einer chaotischen Welt.

Der Suhrkamp Theater Verlag vertritt die Bühnenrechte des Romans, verlegt beim Carl Hanser Verlag. Eine Bühnenbearbeitung von Robert Koall wird am 15.9.2017 am Düsseldorfer Schauspielhaus in der Regie von Jah Gehler uraufgeführt. Weitere Inszenierungen folgen am Theater Bielefeld, dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg und dem TITANIA Frankfurt. Ein Ansichtsexemplar können Sie hier bestellen.


Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist. Das Buch sorgt seit seinem Erscheinen international für Aufsehen.

Die Deutschsprachige Erstaufführung von Rückkehr nach Reims wird am 24.9.2017 in der Regie von Thomas Ostermeier (Bühnenfassung von Thomas Ostermaier, Florian Borchmeyer und Maja Zade) an der Schaubühne am Lehniner Platz stattfinden. Die Uraufführung dieser Inszenierung fand am 5. Juli im Zuge des Manchester International Festival statt.


Thomas Köck: paradies fluten/paradies hungern/paradies spielen

Der neue spectaculum Band versammelt mit paradies fluten, paradies hungern und paradies spielen die gesamte Klimatrilogie von Thomas Köck in einem Buch. Thomas Köck überspringt mit seiner sprachlich kraftvollen Dramatik die Grenzen zwischen Prosa, Dramatik und Lyrik. In seinen Theaterstücken, bohrt er sich tief ins historische Sediment. Seine Geschichten der Migrationsströme, der Brandherde und Ausgrenzungen der Welt, der Ausbeutung der Menschen und der Natur im 21. Jahrhundert kommen ohne die Vergegenwärtigung der Vergangenheit nicht aus. paradies spielen ist das neue Stück, mit dem Thomas Köck seine Klimatrilogie abschließt.
Ein Zug fährt durch Europa, bald ungebremst donnert er durch flüchtige Landschaften. Und ein freundlicher Schaffner spricht von Verspätung, »von ein paar zerquetschten« und dass »allerdings schon jetzt« keiner mehr warte: »in ganz europa soviel sei verraten wartet kein mensch mehr auf den anderen«. Natürlich hat Doris recht, die prophezeit, »es fährt doch nicht ohne sinn und zweck ein zug voll menschen durch eine finstere nacht / da muss auf jeden fall noch etwas kommen.« Das wird es. Und die Hölle ist es nicht, dafür ist es zu kalt.

Wir wünschen eine gute Lektüre und einen schönen, erholsamen Sommer.
Der Suhrkamp Theater Verlag