Thomaspeter Goergen über den amerikanischen Autor Noah Haidle

17.02.2014

Noah Haidles Lucky Happiness Golden Express wurde am 20. September 2013 am Staatstheater Kassel uraufgeführt, im Juni 2014 folgt eine weitere Produktion am Theater Essen. Über den »imaginären Grundbesitz« dieses immens produktiven und bemerkenswerten amerikanischen Autors, über seine literarischen Bezugspunkte schreibt Thomaspeter Goergen.

MEMORY, EXPERIENCE, INSPIRATION ...

...so wurde eine Lesung angekündigt, die der amerikanische Autor Noah Haidle Februar 2013 am Aquinas College in Grand Rapids, Michigan hielt. Und wiewohl es an jenem Morgen um sein Drehbuch zu Stand Up Guys ging, 2013 mit keinen Geringeren als den Altmeistern Al Pacino und Christopher Walken verfilmt, blieb der damals 34jährige nüchtern. »Pretentious«, abgehoben, nannte er den bedeutungsschweren Titel Memory, Experience, Inspiration.

Indes – so sympathisch ist, wenn ein junger Autor sich nicht an Begriffsschwergewichten verheben mag – den Kosmos Noah Haidles kennzeichnet das sehr genau: nicht der scharfe Griff ins Tagesaktuelle, Tagesgrelle, sondern Gestalten aus dem Unterbewusstsein der Metropolen, urbane Märchen in den Randzonen der Realität.

Gedächtnis, Erfahrung, Inspiration. Nicht zufällig redete Haidle auf dem Aquinas Campus in Grand Rapids. Hier am Lake Michigan wurde er 1978 als Sohn eines Radiologen geboren; hierhin kehren etliche seiner Stücke zurück. Haidle liebt es jene Stadt mit Figuren seiner Erinnerung? Fantasie? zu bevölkern; er nennt dies »Erwerb imaginären Grundbesitzes«.

Auch sein neustes Stück spielt in einem halb realen, halb magischen Grand Rapids. Mithin im Chinalokal Lucky Happiness Golden Express, wo ein alter Arzt namens Andrew jeden Freitag (bei rituellem Hühnchen Kung Po) jene Menschen lebendig werden lässt, welche ihm im Lebenslauf verloren gingen. Den reichen Bruder Martin... die Töchter Thump und Andrea... immer voll der Hoffnung, seine Frau Vivian möge sich eines Nachts wieder zu den Erinnerungen gesellen...

Ein wenig erinnert dies heraufbeschwörende Erzählen an den Virtuosen des Gedächtnisromans: Marcel Proust, der Auf der Suche nach der verlorenen Zeit sein Alter Ego Marcel auf Expedition in sehr gegenwärtige Vergangenheiten schickte. Mag sein, Noah Haidle würde den Vergleich mit dem großen Romancier bloß kommentieren mit: »pretentious«.

Völlig abwegig ist dieser Vergleich freilich nicht.

Haidle schätzt französische Autoren, deren analytische Phantasie. Lucky Happiness Golden Express vorangestellt ist ein Zitat aus Gustave Flauberts Madame Bovary, ein Zitat über die (für einen Dichter) schmerzhaften Kluft zwischen Ausdruck und Gefühl, jenem Kampf mit dem Lacan'schen Dämon, welcher dem Wort die Wirklichkeit im letzten Moment immer wieder entzieht. Wurde der Arztsohn Haidle von der berühmten Geschichte jenes Landarztes inspiriert, der bis zum Schluss nicht begreift, warum die geliebte Frau ihm erst untreu werden, sich dann das Leben nehmen musste? Auch Andrew ist Arzt. Hat dem Freitod ins Auge geblickt. Von seiner Frau vor Jahren verlassen, jäh, aus heiterem Himmel. Und auch Andrew rätselt – ausgerechnet im Lucky Happiness Golden Express – warum das Leben nicht das Glück brachte, welches doch so sehr gewollt war.

Doch mag Haidle die Franzosen schätzen: er liebt die Großstadt, besonders die amerikanische. Die verstörte Metropole, den Sound der Dying Cities, Flint, Detroit, Grand Rapids. Das Morbide dieser Städte, wo der Traum vom pursuit of happiness im Niedergang begriffen ist, verleiht seinen Stories jenen Touch, den eine Kritikerin »strange and off-kilter« nannte: absonderlich, leicht abseitig. Bei Haidle gibt es suizidale Hauskatzen, haben vierjährige Mädchen imaginäre Freunde mit Kokainsucht, wandern Prinzessinnen durch postatomare Straßen. Die Phantasie, die hier die Welt der Lebenden regiert, ist nie harmlos-unschuldig; sie ist Traum im Kinderzimmer und Monster unter dem Bett; die Sehnsucht und das Pathologische zugleich.

Haidle bewundert Beckett, den Meister der apokalyptischen Clownerie. Allerdings sind seine Katastrophen lakonischer, intimer und viel mehr Kino. Als leidenschaftlicher Geschichtenerzähler spielt er gerade in Lucky Happiness Golden Express mit Zeitsprüngen, Rollenwechseln, Zwischenwelten, Überblendungen... Haidle faszinieren Orte des Transits: die Kliniken, Leuchttürme, die Hotels, Diners oder Chinalokale: wo ein Mensch auf andere trifft und trotzdem alleine bleibt; wo Nachtschwärmer wie Andrew zwar kurz verweilen wollen, von wo sie indes wieder verschwinden müssen. Womöglich will Haidle uns vom ultimativen Ort des Transits erzählen, an dem keiner bleiben kann, den jeder durchläuft und an den wir alle zurückkehren – und der doch wieder überschrieben werden darf mit Memory, Experience, Inspiration.
Dieser Ort sind wir selbst.

Thomaspeter Goergen ist Dramaturg am Staatstheater Kassel.