Zur Uraufführung von Bettina Erasmys »Supernova«

24.11.2010

Nachdem im Sommer Bettina Erasmys »Das wollt ihr nicht wirklich« erfolgreich bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen in Koproduktion mit dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden uraufgeführt wurde, folgte am 21. November am Staatstheater Darmstadt die nächste Uraufführung eines ihrer Werke: Supernova. Regie führt Hermann Schein, der auch die Bühne gestaltet, die Kostüme stammen von Veronika Bischoff. Bettina Erasmy beschreibt die Familie als Spiegelbild einer Gesellschaft der sozialen Kälte. Subtil und dennoch nicht weniger eindringlich kritisiert sie das Abhandenkommen von Werten wie Vertrauen, Austausch, Geborgenheit und Liebe. Eine ungewöhnliche Geschichte mit überraschenden Wendungen, absurden Haken und einem offenen Ende. 2007 war Erasmy beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens nominiert und gewann im selben Jahr gleich den Landesbühnenpreis des Deutschen Bühnenvereins.

 

»Die sprichwörtliche Explosion der Familie«: Bettina Erasmy über ihr Stück

Warum wählten Sie den Titel »Supernova«? Was sollen wir damit assoziieren?

Ich kann mir natürlich als Dramatikerin nicht vornehmen, was die Zuschauer mit diesem Titel assoziieren sollen. Als ich an diesem Stück arbeitete und mich auf diesen Schluss einigte, stand mir das Bild eines hell aufleuchtenden Sterns am Ende seiner Lebenszeit vor Augen, eben eine Supernova. Ihre Entwicklung endet mit einem Kernkollaps nach dem völligen Verbrauch des nuklearen Brennstoffs. Der Stern vernichtet sich selbst, als Folge kann ein sogenanntes Schwarzes Loch entstehen.

Die menschliche Supernova, die hier verglüht, ist entstanden aus der entzündbaren Masse, die in dieser Familienkonstellation steckt. Die Beziehungen sind emotional sehr belastet und konfliktreich, und mit dem Besuch der Frau wird ein Prozess in Gang gesetzt, der schließlich in einer sprichwörtlichen Explosion der Familie mündet.

 

Welche Themen waren Ihnen in »Supernova« besonders wichtig?

Wichtig war mir von Anfang an zunächst einmal eine ganz normale Familie zu beschreiben, normal im Sinne der gängigen Probleme, die in einer Familie auftauchen können: ein arbeitsloser Vater, eine Mutter mit Burnout-Syndrom, ein „aufmüpfiger“ Sohn, eine sich verweigernde Tochter. Alle wirken auf eine bestimmte Art und Weise erschöpft, alle versuchen sehr unterschiedlich die Feinmechanik einer Selbstoptimierung hinzukriegen. Dieses Modell ‚Familie’ scheitert aber schließlich auch an den Sehnsüchten, die nicht mehr kommuniziert werden können.

 

Das Stück zeigt viele Möglichkeiten auf, den Alltag „zu ertragen“ – Medienrausch, Religion, Gewalt, Drogen, Spiel, Liebe, Affären… Wieso erweisen sich letztlich alle Methoden als unzulänglich, bzw. wieso scheitern alle Protagonisten? Oder gibt es einen, der nicht scheitert?

Das Stück zeigt die Möglichkeit, anhand einer bestimmten Anzahl von Personen bestimmte gesellschaftliche Probleme und Zustände zu verhandeln. Jeder hat seine Versuche, sich von der Komplexität der Gegenwart zu „erholen“, die Auswahl ist groß. Der Sohn wagt schließlich den „mutigsten“ Versuch: der Entwurf einer allerdings kruden Utopie, die radikal und unerbittlich ist. Wären die anderen Protagonisten gescheitert, wenn sie hätten weiter leben dürfen?

 

Welche Figur ist wohl die mit dem tragischsten Schicksal?

Der Vater: weil er weiterlebt und die Kehrseite der Tragödie erleben wird: das Glück und die Heiterkeit.

 

Pressestimmen zur Uraufführung

»Bettina Erasmy gelingt es, die Figuren mit einer starken Kunstsprache aus ihrer Natürlichkeit herauszulösen, und die Geschichte allmählich ins Surreale zu verschieben. … insgesamt ist der Text in seiner starken Sprache und auch in der Welthaltigkeit überzeugend, wenn viele Worte das sinnentleerte Dasein nicht mehr verdecken können.«
(Darmstädter Echo, 23.11.2010)

 

»Bettina Erasmys Stück ist bei aller poetischen Symbolik der Sprache von hoher gesellschaftlicher Klarheit und Konsequenz. Sie beschreibt ungeschminkt den Verlust der Kommunikation und die Sprachlosigkeit im innersten Kern der Gesellschaft, der Familie und das zerstörerische Potential irrationaler Projektionen, sexueller Sehnsüchte und jugendlicher Allmachtsphantasien.«
(www.egotrip.de, 22.11.2010)