Peter Handke und der Internationale Ibsen Preis

Am 20. März 2014 (dem Geburtstag des Namenspatrons) gab das Internationale Komitee des »International Ibsen Awards« die Entscheidung bekannt, Peter Handke mit dem weltweit wohl bedeutendsten Theater-Preis auszuzeichnen. In der Begründung für die Entscheidung heißt es unter anderem:

»Wenn Ibsen der vielleicht mustergültige Dramatiker des bürgerlichen Zeitalters war, und dieses ist nicht vorbei, so ist Peter Handke auf den Bühnen gewiss sein bedeutendster Epiker. Es gelingt ihm in all seinen Stücken, die Realität des Theaters sichtbar zu machen, und zwar als eine Realität, die keine Illusion erzeugen will, die also nicht die Welt nachbildet, sondern selber eine ist. Und in ihr kann der Dramatiker Handke wie einst Nestroy oder Calderon eine ganz eigene Mischung schaffen aus Zaubertheater und Thesenstück, Familiendrama und Tragödie. Er hat in den fünfzig Jahren seines Schreibens die dramatische Literatur so oft, überraschend und radikal neu definiert wie kein anderer lebender Dichter. Dabei ist sein Schreiben von einer offensichtlichen Kontinuität geprägt: Die Selbstverständlichkeiten des Theatermilieus, aber auch unserer sprachlichen Konventionen und Herrschaftsstrukturen, wurden ihm nie selbstverständlich, sondern ein Gegenstand der Analyse. So entstand die vielleicht wichtigste epische Literatur des Theaters nach Brecht.«

Die Übergabe des Preises fand am 21. September im Nationaltheater Oslo statt. Im Vorfeld der Verleihung kam es zu Kontroversen über die Bücher, die Peter Handke über das zerfallende Jugoslawien und die damit verbundenen Kriege verfasst hatte – neun an der Zahl. Von diesen Büchern ist – bis auf eine Ausnahme, Die Tablas von Daimiel – Ein Umwegzeugenbericht zum Prozeß gegen Slobodan Milosevic (2006) – kein einziges ins Norwegische übersetzt worden − auch bei den Prosa-Übersetzungen sind die norwegischen Verlage bisher nicht weiter fortgeschritten. Bei der Preisverleihung wurde Peter Handke beim Betreten des Nationaltheaters am 21. September mit Sprechchören begrüßt (»Mörder«, »Faschist«), auch wenn es einige Gegenstimmen gab – Menschen mit »Viva-Handke«-Plakaten.

Peter Handke, der mit der Debatte vertraut war, verlas vor der Übergabe des Preises und als Reaktion auf die Proteste einen auf Englisch geschriebenen Text, in dem es unter anderem hieß:

»No discussion is possible with you. No dialogue. But that is not your fault. With hysteria no word works, no common space is possible, no space at all. You, protected by your hysteria, are innocent. No shame on you. (…) But: Shame on all those who give so-called space (in the media, etc.) to hysteria which destroys the real space. (…) Shame on all of you who ›misuse‹ democracy in giving place and opening space to ignorance, hatred, fake, lies, calumny and hysteria in the stolen, robbed, faked name of democracy.

Concerning my, P H’s, lifelong work with language: I practiced from my beginning and will practice until my end with every word and every sentence and every paragraph and every book and play the nowadays nearly last seriousness and dignity of a writer. And I am proud of it, more and more. Perhaps an illusion. (…)

Nothing here against a critical position. Critique can, and should be a ›noble‹ (again an Ibsen-word) attitude, not so different from poetical work.

Again: To whom who offers space to hellish hysteria: Shame on you. But to all of you who work, perhaps in another way than me, but nevertheless in analogy with my efforts, to open and keep open space from here to eternity: God bless you. (…)«

Als Reaktion auf den Umgang mit seinem Werk und seiner Person bedankte sich Peter Handke ganz offiziell bei der norwegischen Regierung und dem norwegischen Volk für die Zuerkennung der Preissumme von über 300.000 Euro. Er schloß jedoch aus, dieses Geld für sich zu verwenden: er werde es zunächst für den Bau einen Schwimmbades in einer serbischen Enklave im Kosovo verwenden, danach anderen Vorhaben zukommen lassen.

Am 22. September hielt Peter Handke in Skien, dem Geburtsort Henrik Ibsens, eine Dankrede über den Dramatiker, die hier wiedergegeben wird. Thomas Steinfeld hat für die Süddeutsche Zeitung die Preisverleihung dokumentiert. Auch hat Karl Ove Knausgård in einem Artikel, erschienen in der norwegischen Tageszeitung Verdens Gang, die Situation unmittelbar nach den Ereignissen analysiert und die norwegische Presse (»Das ist kein Journalismus, das ist Unterwürfigkeit und Ahnungslosigkeit«) und William Nygaard, PEN-Vorsitzender in Norwegen, aufgrund seiner Äußerungen über Peter Handke, scharf angegriffen.

Freundlicherweise wurde uns genehmigt, diese Beiträge hier zu veröffentlichen. Sie finden sich nachfolgend, der Artikel Karl Ove Knausgårds in Übersetzung von Ebba D. Drolshagen.

William Nygaard hat sich nach Knausgårds Angriffen für seine Äußerungen inzwischen entschuldigt: »Ich hatte keine Belege für das, was ich über Peter Handke gesagt habe.«

Raimund Fellinger