Thomas Bernhard
Am Ziel

Thomas Bernhard
© Andrej Reiser

3 Damen, 1 Herr, 2 Dekorationen

UA: Salzburger Festspiele
18.08.1981
Regie: Claus Peymann

Deutsche EA: Schauspielhaus Bochum
22.10.1981
Regie: Claus Peymann

Synopse

Mutter und Tochter reisen immer am selben Tag ans Meer, seit 33 Jahren reisen sie nach Katwijk, um dort den endlosen Rhythmus von Ebbe und Flut zu genießen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, bestimmt durch die mütterliche Haßliebe und ihre Quälrituale, ist in erster Linie eine Macht­beziehung. Mutter und Tochter packen in ihrer Wohnung in Rotterdam die Koffer. »Es ist jedes Jahr das gleiche / Ich habe nur ein Ziel / das ganze Jahr Katwijk«. In monologischen Erinnerungsspiralen rollt die Mutter die Familiengeschichte aus: Die Heirat mit einem Gußwerkbesitzer, den sie haßte und von sich fernhielt. Der Tod des verkrüppelt geborenen Sohnes Richard, dem sie von Anfang an nichts anderes wünschte als den Tod. Das Kontrollieren und Fest­binden der Toch­ter seit dem Tode ihres Mannes vor 20 Jahren.
Mit per­manentem Reden versucht die Mutter sich in ihrem Leben einzurichten. Es gibt für sie kein Innehalten, kein Schweigen. Reden gibt Sicherheit und verleiht die Gewißheit, zu leben und zu kontrollieren. Reden als sprachlicher Stabilisierungsmechanismus. Die Stimmung schwankt zwischen Komik und Tragik: menschliche Verzweiflung, um die sich alles dreht.
Die etablierte Sicherheit der Mutter wird gefährdet durch den Auftritt des dramatischen Schriftstellers. Der Eindringling strukturiert die zweite Hälfte des Stücks, in der Mutter und Tochter im Haus an der Küste ihre Koffer auspacken. Er fordert die Mutter mit seinen Gedanken und mit der gesellschaftsverändernden Kraft des Theaters heraus, insbesondere mit seinem hoch gejubelten Stück Rette sich wer kann.