Sivan Ben Yishai
PAPA LIEBT DICH

Sivan Ben Yishai
© Max Zerrahn

Originaltitel: DADDY LOVES YOU

Besetzung variabel

UA: Maxim Gorki Theater
16.02.2018
Regie: Suna Gürler

Synopse

Ein S-Bahnzug rast durch den Untergrund der Stadt, es ist früher Morgen. Oben feiert der Sommer seine besten Tage. Unten stehen Raum und Zeit plötzlich still. Eine alte Frau sitzt hier, in ihrem Kostüm, gepflegt, starr, körperlos, eine unnahbare Dame. Ihr gegenüber sitzt eine junge Frau, noch liebestrunken von der eben verbrachten Nacht. In ihrem Blick erstrahlt und vervielfältigt sich die alte Dame zu neun Königinnen, in aller Würde und Lächerlichkeit des Alters sitzen sie vor ihr. Wer sind diese Frauen, welches Leben haben sie gelebt? Warum haben unsere Blicke sie längst ausrangiert, obwohl das Leben sie noch nicht zerstört hat?
Das erzählende weibliche Ich bringt die Königinnen zum Tanzen, Berichten, Sich-Erinnern. Im Zugabteil der zufälligen Begegnung werden sie zu Protagonistinnen ihrer Generation und der deutsch-israelischen Geschichte.
Gleichzeitig löst ihr Anblick ein Nachdenken der Erzählerin über ihre eigene Mutter aus, wie sie im Krankenhaus liegt, eine Routineoperation am Bauch. Im Bauch. Im Eingemachten. „ein langer, langer zopf ist geflochten. zwischen mir. und meiner queen mami.“, einer scheinbar modernen Frau, die allen Raum in sich dem Mann und den Kindern eingerichtet hat. Ihre eigenen Bedürfnisse sind längst vertrocknet. Die schmerzlichen Erinnerungen kippen in eine aggressionsgeladene Anklage gegen die Mutter, gegen ihre Selbstabwertung, gegen die widerstandlose Eingliederung in das Familiensystem des Vaters. Der Vater selbst bleibt die titelgebende Randfigur, das stille Macht- und Repressionszentrum. Erst durch die geografische und erwachsene Distanz der Tochter wird es, zumindest gedanklich, erschüttert.

Sivan Ben Yishai hat mit PAPA LIEBT DICH ihr zweites Auftragsstück für das Berliner Gorki Theater geschrieben. Es erzählt vom weiblichen Körper und seinem Altern, dem Körper der Frau als Hoheitsgebiet für Mann, Familie und Nation. Ihr Generationenporträt ist eine Auseinandersetzung mit dem Kampf der Frauen, der Geschichte und den ständig neu auszuhandelnden Bedingungen und Zielen der Emanzipation. „Was ist die Rolle, die wir heutzutage beanspruchen, als Generationen, die im Schoße des Feminismus aufgewachsen sind?“ fragt die Autorin in einem Interview. Mit PAPA LIEBT DICH, dem 3. Teil der Tetralogie LET THE BLOOD COME OUT TO SHOW THEM, entwirft sie für ihre eigene Generation ein weiblich selbstbestimmtes Gegenbild, in dem die Männer endlich auf dem Gepäckträger sitzen, die Frauen in die Pedale treten und die Lebensfreude durchbricht wie Neonfarben in einem Ölgemälde.

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