Finanzkrise Vogl

 

Fukushima und die Folgen

25 Jahre nach Tschernobyl und 25 Jahre nach Erscheinen von Risikogesellschaft, ist Becks analytischer Sachverstand gefragter und notwendiger denn je: Fukushima und die Diskussionen um einen Ausstieg aus der Kernenergie machen ihn zu dem Experten der Stunde – deshalb wurde Ulrich Beck in die Ethikkommission berufen, die nun ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. 


Zum Abschlussbericht der Ethikkommission:

»Die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eingesetzte Ethikkommission empfiehlt der Regierung einen Atomausstieg innerhalb von zehn Jahren. Das sagte am Samstag nach Ende der Abschlusssitzung das Mitglied der Ethik-Kommission Ulrich Beck. Der Bericht des ›Rats der Weisen‹ ist für die Regierung eine wichtige Basis für ihre Entscheidung zum Atomausstieg.« (zeit online, 28.5.2011)

»›Ein Zyniker würde sagen: Lasst die anderen doch weiter Atomkraftwerke bauen, die immer teurer werden. Wir dagegen erobern die globalen Zukunftsmärkte der billiger werdenden erneuerbaren Energien, die ab jetzt verteilt werden‹, betonte Beck, der Mitglied in der Ethik-Kommission der Bundesregierung zum Atomausstieg ist. Das sichere den zukünftigen Wohlstand viel besser als das Vorgehen ›jener Länder, die auf ihre Angstlosigkeit gegenüber der gefährlichen Reaktoren so stolz sind‹. Der Soziologe wies die Forderung nach einer Revisonsklausel beim Ausstieg strikt zurück, wie sie unter anderem in der FDP erhoben wurde. ›Es muss jetzt eine klare Vorgabe geben, damit der Umbau des Energiesystems losgeht‹, sagte er der Zeitung. Wenn man weiter alle Optionen offen halte, dann werde nicht investiert, ›und dann schaffen wir die Wende nicht‹. Bei Widerständen muss die Politik entsprechend nachjustieren – mit Maßnahmen, die die Wende beschleunigen. ›Die AKW dann länger am Netz zu lassen, darf nicht das Ergebnis sein‹, urteilt Beck.« (dts Nachrichtenagentur)

 

Am Montag dieser Woche schließlich stellte die schwarz-gelbe Regierung ihren Fahrplan für die Energiewende vor. Demzufolge sollen bis 2022 alle Atomkraftwerke vom Netz genommen werden.

 

»Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch«

Ulrich Beck gehört weltweit zu den bedeutendsten Soziologen und ist einer der anerkanntesten Risikoforscher. Sein 1986 erstmals veröffentlichtes Buch Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne wurde zu einem Bestseller. Der darin geprägte Begriff der Risikogesellschaft machte ihn international und weit über akademische Kreise hinaus bekannt. In der Risikogesellschaft geht es, so Beck 1986, »nicht mehr oder nicht mehr ausschließlich um die Nutzbarmachung der Natur, um die Herauslösung des Menschen aus traditionalen Zwängen, sondern es geht auch und wesentlich um Folgeprobleme der technisch-ökonomischen Entwicklung selbst. Der Modernisierungsprozeß wird ›reflexiv‹, sich selbst zum Thema und Problem.«

Die Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 bestätigte diesen Befund im Erscheinungsjahr von Becks in mehr als dreißig Sprachen übersetzten Klassikers auf beklemmende Art und Weise. Der Soziologe schrieb – aus gegebenem Anlaß – in seinem Vorwort: »Vieles, das im Schreiben noch argumentativ erkämpft wurde – die Nichtwahrnehmbarkeit der Gefahren, ihre Wissensabhängigkeit, ihre Übernationalität, die ›ökologische Enteignung‹, der Umschlag von Normalität in Absurdität usw. –, liest sich nach Tschernobyl wie eine platte Beschreibung der Gegenwart. Ach, wäre es die Beschwörung einer Zukunft geblieben, die es zu verhindern gilt!« Diese Zeilen stammen aus dem Mai 1986, Beck schrieb sie wenige Tage nach dem Reaktorunglück. Zwanzig Jahre später erneuerte und erweiterte er seine Zeitdiagnostik in dem Buch Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit im Zeichen von Terrorismus, Klimakatastrophen und Finanzkrisen.

Das Werk von Ulrich Beck, das über zwanzig Monographien und zahlreiche Herausgeberschaften umfaßt, erscheint im Suhrkamp Verlag.

Ulrich Beck im Suhrkamp Verlag

 
 

Im Gespräch mit Joachim Wille erklärt Ulrich Beck, warum der Atomausstieg zum entscheidenden Testfall für die Politikfähigkeit von Angela Merkel werden wird.
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Ulrich Beck, geboren 1944, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und lehrt an der London School of Economics and Political Science sowie an der Harvard University.