Jurij Mamlejew

Jurij Mamlejew
© Eberhard Schorr

Jurij Mamlejew, 1931 in Moskau geboren, war Sohn eines Psychiaters, der 1937 während des Großen Terrors, der stalinistischen Säuberungen, verhaftet wurde und verschwand. Mamlejew studierte am forstwissenschaftlichen Institut und arbeitete danach als Mathematiklehrer. In den 60er Jahren begann er zu schreiben. Seit Ende der fünziger Jahre war seine Wohnung Treffpunkt eines literarisch-philosophischen Geheimzirkels, dessen Mitglieder sich "sexuelle Mystiker" nannten und okkulte Lehren, indische Philosophie, Psychoanalyse und Theosophie erforschten. In den Erzählungen und dem 1966-68 entstandenen Hauptwerk Der Mörder aus dem Nichts ...

Jurij Mamlejew, 1931 in Moskau geboren, war Sohn eines Psychiaters, der 1937 während des Großen Terrors, der stalinistischen Säuberungen, verhaftet wurde und verschwand. Mamlejew studierte am forstwissenschaftlichen Institut und arbeitete danach als Mathematiklehrer. In den 60er Jahren begann er zu schreiben. Seit Ende der fünziger Jahre war seine Wohnung Treffpunkt eines literarisch-philosophischen Geheimzirkels, dessen Mitglieder sich "sexuelle Mystiker" nannten und okkulte Lehren, indische Philosophie, Psychoanalyse und Theosophie erforschten. In den Erzählungen und dem 1966-68 entstandenen Hauptwerk Der Mörder aus dem Nichts entwickelte Mamlejew seinen "metaphysischen Realismus", wonach "die Kenntnis des sichtbaren Lebens (eine weit profundere Kenntnis als die, über die ein Realist des 19. Jahrhunderts verfügen mußte) nur der erste Schritt ist; danach gilt es, zu einer weit schrecklicheren Realität vorzustoßen". Unnötig zu sagen, daß in der Sowjetunion keine Zeile dieses Autors erscheinen konnte, diese Prosatexte kursierten nur im Untergrundverlag Samizdat. Malmejews literarische Welt ist eine Welt des Abnormen und Perversen, makaber und ungeheuerlich, bevölkert von monströsen, degenerierten Gestalten, darunter Satanisten, Nekrophile, Scheintote, religiöse Mystiker und Egosexisten. Die Figuren treibt immer wieder die Unbegreiflichkeit des Todes, den sie schänden und zugleich anbeten, das Geheimnis des jenseitigen Lebens und der Unsterblichkeit, die Suche nach unbekannten Formen des menschlichen Daseins. Mamlejew ist ein polemischer Vertreter einer Ästhetik des Bösen, die in grellen Farben die finstere, vernunftabgewandte Seite der menschlichen Seele beleuchtet: "Gerade eine Welt des Leiden und der Verneinung ermöglicht den Durchbruch zum Abgründigen." 1974 emigrierte er in die Vereinigten Staaten, wo er an der Cornell University als Nachfolger von Vladimir Nabokov Literatur lehrte. 1983 ging er nach Paris. In Russland wurde er erst im Zuge der Perestroika einem breiteren Publikum bekannt. Von jungen Moskauer Schriftstellern - Vladimir Sorokin oder Viktor Jerofejew etwa - wurde er als Erbe DeSades und Batailles, Gogols und Dostojewskijs verehrt, als radikaler Avantgardist, als polemischter Vertreter einer Ästhetik des Bösen. 1991 folgte er der Einladung Gorbatschows, nach Rußland zurückzukehren. Er lehrte indische Philosophie an der Moskauer Staatsuniversität. Heute lebt er als freier Autor in Moskau und Paris. Mamlejew erhielt im Jahr 2000 den Puschkin-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung.
Auf deutsch erschienen Mörder aus dem Nichts (1992), Die letzte Komödie (1994) und Der Tod des Erotomanen (1998), alle im Residenz Verlag. "Mamlejew hat mit diesem einen grimmig-verrückten Werk die russische Literatur umgewälzt", schrieb Le Monde über Mörder aus dem Nichts, der erst 20 Jahre später in Rußland erscheinen konnte. Der Protagonist Fjodor Sonnow tötet, um in das Geheimnis der Seele der Ermordeten und damit der jenseitigen Welt einzudringen, er versammelt um sich eine Gruppe von "Metaphysikern", die sich in einer verhaßten, dreckigen Welt auf ihre finstere Weise auf die Suche nach dem "Ich" und der Enthüllung des rätselhaften Jenseits begeben. Dabei geraten sie in einem metaphysisch-okkulten Karussell in den Taumel der narzißtischen Sexualität und der Grausamkeit, der Roman erforscht enzyklopädisch die negativen Möglichkeiten der Entmenschlichung des Menschen.

 

 

 

 

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