Lidia Ginsburg
Aufzeichnungen eines Blockademenschen

Aus dem Russischen von Christiane Körner Mit einem Nachwort von Karl Schlögel
Leseprobe » Bestellen »


D: 22,95 €
A: 23,60 €
CH: 32,90 sFr

Erschienen: 10.03.2014
Bibliothek Suhrkamp 1482, Gebunden, 240 Seiten
ISBN: 978-3-518-22482-3
Auch als eBook erhältlich

Inhalt

900 Tage war Leningrad von der deutschen Wehrmacht eingeschlossen, bevor die Rote Armee am 27. Januar 1944 den Belagerungsring sprengte. Mehr als eine Million Bürger kamen in der Stadt um – ein Kriegsverbrechen, das noch immer nicht Teil der deutschen Erinnerungskultur geworden ist.

Anders als viele Künstler und Intellektuelle, die sich evakuieren ließen, harrte Lidia Ginsburg in Hunger und Kälte aus, weil sie ihre alte Mutter nicht allein lassen wollte. Erst Jahrzehnte später veröffentlichte sie ihre Aufzeichnungen eines Blockademenschen − ein Bericht, der weniger an ein Tagebuch als an die Arbeitsskizzen eines Verhaltensforschers denken lässt.

Was ist ein Blockademensch? Es ist jemand, der langsam und in vollem Bewusstsein an Hunger und Kälte zugrunde geht: nicht im Lager, sondern in der Stadt, unter Arbeitskollegen, im Kreis der Familie, in den Wohnungen, wo »die Menschen wie erfrierende Polarforscher um ihr Leben kämpfen«.

Wie der verhungernde Mensch seinen fremd werdenden Körper als sterbende Materie erlebt, wie er im Kreis zu rennen beginnt, wie seine Gereiztheit in Grobheit gegen seine Nächsten umschlägt, wie ihn die eigene Niedertracht quält und reut − das alles beschreibt Ginsburg mit einer Scharfsicht, die an Simone Weils logische Untersuchungen des Schmerzes erinnert. 2006 tauchte im Nachlass − eine Sensation − die »Erzählung von Mitleid und Grausamkeit« auf. Ein Text, der als narrativer Kern der »Aufzeichnungen« gelten kann. Nach den Lektüre-Erfahrungen mit Schalamow und Agamben liest man das Buch heute als ein weiteres Lehrstück in negativer Anthropologie.

Aus dem Buch:

 »Wenn ihr nur wüßtet, was Kälte und Finsternis bedeuten, sobald sie keine Metaphern sind.«

Pressestimmen

»Lidia Ginsburg hat ein phantastisches Buch der Moderne geschrieben aus einer Zeit, die vergangen ist. Der Blockademensch ist eine Figur wie bei Beckett oder Camus, ist der Bruder von Sisyphus und Molloy.«

Süddeutsche Zeitung

»Bei der Lektüre dieser ganz und gar außergewöhnlichen Aufzeichnungen fühlt man mit Erschrecken die tiefe innere Wahrheit dieser Worte und ahnt, dass man sich unter derart extremen Umständen wahrscheinlich genau so verhalten hätte. Lidia Ginsburg, die das bedrückende Geschehen nicht verdrängt, sondern schonungslos aufgeschrieben und analysiert hat, gebührt Achtung und Bewunderung. Die Erzählung von Mitleid und Grausamkeit ist viel mehr als eine detailgenaue historische Schilderung des Leidens während der Leningrader Blockade. Es ist ein einzigartiges Sprachdokument über das Wesen des Menschen in seiner Erbärmlichkeit wie auch in seiner Größe.«

Karla Hielscher, Deutschlandfunk

»Ihre [Ginsburgs] Aufzeichnungen eines Blockademenschen verbinden den phänomenologischen Tiefenblick der ausgebildeten Psychologin mit der innovativen Ambition der renommierten Literaturwissenschafterin. So unerbittlich ist die Beobachtung, so gnadenlos die Reflexion, so drastisch die Gestalt der Wahrheit, als hätten Benjamin und Simmel, Beckett und Camus zusammen ein Werk verfasst.«

Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung

»Dass wir Beobachtungsgabe und Scharfsinn der Ginsburg so erleben dürfen, liegt gewiss auch an der Übersetzerin Christiane Körner.«

saarkurier-online, de

»Erschütternd, brutal, wahr – und literarisch meisterlich zugleich ... Was die Zeitzeugin Lidia Ginsburg von der grausamen Blockade Leningrads berichtet, macht sprachlos.«

Mathias Schnitzler, Berliner Zeitung

»Eine der ergreifendsten authentischen Textsammlungen über diese Zeit ... Ginsburg hat ihr literaturwissenschaftliches Instrumentarium und ihre enorme literarische Gestaltungskraft genutzt, um dem Blockademenschen ein außergewöhnliches Denkmal zu setzen.«

Claus Baumgart, ekz.bibliotheksservice 2014/27

Bildergalerien

Kommentieren