John Dewey
Erfahrung und Natur

Aus dem Amerikanischen von Martin Suhr
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Erschienen: 17.10.1995
Gebunden, 465 Seiten
ISBN: 978-3-518-58158-2

Inhalt Inhaltsverzeichnis

John Dewey (1859-1952) ist in Deutschland hauptsächlich als Klassiker der Pädagogik bekannt. Viele Jahre lang war Demokratie und Erziehung (1916) das einzige auf deutsch zugängliche seiner Werke. Diese Situation beginnt sich langsam zu ändern. Denn so ehrenvoll es auch ist, ein Klassiker der Pädagogik zu sein - Deweys Denken auf die Philosophie der Erziehung einzuschränken wäre ungefähr so, als wollte man Platons oder Rousseaus Philosophie auf ihren Beitrag zur Pädagogik reduzieren. Dewey hat ein umfangreiches philosophisches Werk hinterlassen, und seine wichtigsten philosophischen Bücher sind alle nach der Veröffentlichung von Demokratie und Erziehung geschrieben worden. Sein letztes bedeutendes Buch, die Logik, erschien 1938, als Dewey fast achtzig Jahre alt war.
Vor allem Erfahrung und Natur (1925), nach Ansicht vieler Kritiker das Hauptwerk Deweys, ist geeignet, dieses einseitige Bild von Dewey zu korrigieren und gleichzeitig einem weitverbreiteten Mißverständnis seiner Philosophie als einer Philosophie des industriellen Zeitalters und des - speziell amerikanischen - » collective enterprise« entgegenzuwirken, einer Philosophie, die den Geist der »bestehenden Geschäftskultur« widerspiegele. Gewiß hat zu dem Mißverständnis beigetragen, daß Dewey seine Philosophie mit dem Namen »Instrumentalismus« bezeichnet hat. Doch bedeutet der Ausdruck »Instrumentalismus« bei Dewey eher so etwas wie ...

Inhalt Inhaltsverzeichnis

John Dewey (1859-1952) ist in Deutschland hauptsächlich als Klassiker der Pädagogik bekannt. Viele Jahre lang war Demokratie und Erziehung (1916) das einzige auf deutsch zugängliche seiner Werke. Diese Situation beginnt sich langsam zu ändern. Denn so ehrenvoll es auch ist, ein Klassiker der Pädagogik zu sein - Deweys Denken auf die Philosophie der Erziehung einzuschränken wäre ungefähr so, als wollte man Platons oder Rousseaus Philosophie auf ihren Beitrag zur Pädagogik reduzieren. Dewey hat ein umfangreiches philosophisches Werk hinterlassen, und seine wichtigsten philosophischen Bücher sind alle nach der Veröffentlichung von Demokratie und Erziehung geschrieben worden. Sein letztes bedeutendes Buch, die Logik, erschien 1938, als Dewey fast achtzig Jahre alt war.
Vor allem Erfahrung und Natur (1925), nach Ansicht vieler Kritiker das Hauptwerk Deweys, ist geeignet, dieses einseitige Bild von Dewey zu korrigieren und gleichzeitig einem weitverbreiteten Mißverständnis seiner Philosophie als einer Philosophie des industriellen Zeitalters und des - speziell amerikanischen - »collective enterprise« entgegenzuwirken, einer Philosophie, die den Geist der »bestehenden Geschäftskultur« widerspiegele. Gewiß hat zu dem Mißverständnis beigetragen, daß Dewey seine Philosophie mit dem Namen »Instrumentalismus« bezeichnet hat. Doch bedeutet der Ausdruck »Instrumentalismus« bei Dewey eher so etwas wie »Vermittlung«: für Dewey sind Erkennen und Wissen eine Vermittlung zwischen einer »früheren, weniger organisierten, verworren-eren und fragmentarlscheren und einer geordneteren, wahreren, freieren, reicheren und hinsichtlich seines Vorkommens besser beherrschbaren Form des Erfahrungsgegenstandes«.
Diese »Philosophie der Vermittlung« hat eine gute alte europäische Verwandtschaft, zu der Hegel wie Green, Schopenhauer wie Bergson zählen, aber sie ist dennoch nichts weniger als revolutionär. Erkennen ist Umgestalten, es läßt die Welt nicht so, wie sie ist, ist nicht Theorie = Anschauung, sondern Praxis = Tun, Handeln, Machen. Nur in einer schon fertigen Welt könnte das Erkennen Anschauen sein. In unserer Welt, einer Welt im Werden, hat das Erkennen eine vermittelnde Funktion, es ist ein Experiment, das versucht, eine problematische Situation beherrschbar zu machen. Eine solche veränderte Auffassung vom Erkennen und vom Wiss-en hat nicht nur umstürzende Folgen für den traditionellen Wahrheitsbegriff, die adaequatio des Geistes an einen bestehenden Sachverhalt, sondern auch für die traditionelle Auffassung von Realität als -schon fertigem -Ge-genstand der Erkenntnis: wenn der Erkenntnisvorgang selbst dazu beiträgt, die Welt überhaupt erst zu schaffen, dann ist der Gegenstand der Erkennt-nis kein fertiges Objekt, sondern besteht in den Konsequenzen der Handlung. Die Vorstellung einer Trennung des - betrachtenden - Subjekts von einer an sich bestehenden objektiven Welt ist nichts anderes als der Ausdruck einer dualistischen Ideologie vorwissenschaftlicher, vortechno-logisch-industrieller und vordemokratischer Klassengesellschaften, die tiefe Spuren in der Philosophie hinterlassen hat, in all den Dualismen, die das Subjekt vorn Objekt trennen, den Geist von der Welt, die Erfahrung von der Natur, die Seele vom Körper, den Zweck vom Mittel, den Intellekt vom Gefühl, das Denken vom Tun usf.
Deweys »Instrumentalismus«, wie er ihn in Erfahrung und Natur darlegt, deckt nicht nur die historischen Ursprünge unserer dualistischen Ideologien und Institutionen (unserer dualistischen Metaphysik) auf, sondern setzt ihnen auch ganz explizit eine eigene »Philosophie der Vermittlung« entgegen, seinen »naturalistischen Humanismus«. Die grundsätzlich veränderte Position gegenüber dem Erkennen und der Realität hat ebenso grundsätzliche Veränderungen in der Auffassung vom Leib-Seele-Problem wie von der Rolle der ästhetischen Erfahrung, von der menschlichen Sprache wie der Geschichte zur Folge -alle traditionellen Probleme der Metaphysik müssen einer Revision unterworfen werden.

 

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