Newsletter: 30 JAHRE DEUTSCHE WENDE

01.03.2019

Vier besondere Bühnentexte zu 30 Jahren deutsche Wende zum neu- und wiederentdecken:

Wir sind auch nur ein Volk nach den gleichnamigen Drehbüchern von Jurek Becker in der Bühnenfassung von Kerstin Behrens und Tom Kühnel
Melken von Jörn Klare
Und dann von Wolfram Höll
Berlin ein Meer des Friedens von Einar Schleef


WIR SIND AUCH NUR EIN VOLK nach den gleichnamigen Drehbüchern von Jurek Becker

Bühnenfassung von Kerstin Behrens und Tom Kühnel
Wenn Ossis und Wessis einander nicht verstehen, hilft nur eins: das Fernsehen. Also beschließen dessen Chefs, die Serie zur Einheit zu produzieren. Für das Drehbuch wird der angesagte Autor Steinheim verpflichtet. Blöd nur, dass der nie im Osten war. Ein Crashkurs soll ihn auf Vordermann bringen. Als Studienobjekt dient das ostdeutsche Schlitzohr Benno Grimm nebst Familie. Die Grimms sind angeblich »Osten pur» und sollen die Rolle von Insekten spielen, die sich Autor Steinheim unter der Lupe ansehen kann. Doch die Grimms wissen, dass das gut honorierte Dasein als Insekten nur so lange funktioniert, wie sich das Fernsehen für sie interessiert. Also inszenieren sie ihr Ost-Dasein, dass dem Wessi Hören und Sehen vergeht.
Jurek Becker hat bereits einige Jahre nach der Wende eine schonungslose Komödie über den mentalen Zusammenprall von Ost und West geschrieben. Becker wurde durch den Roman Jakob der Lügner international bekannt. Mit Liebling Kreuzberg gelang ihm acht Jahre nach der Ausreise 1985 auch in der BRD der Durchbruch. (Besetzung variabel)

Einen Einblick in die Dresdener Inszenierung (Regie: Tom Kühnel) finden Sie hier: TRAILER

Neben der Bühnenfassung von Kerstin Behrens und Tom Kühnel ist auch eine eigene Fassung der Theater möglich.


MELKEN von Jörn Klare

Ein alter Mann, der sein Leben als Melker in der DDR verbracht hat, soll zu seiner Adoptivtochter in den Westen ziehen. Er wartet auf sie, auf gepackten Koffern, und denkt, dass er ohnehin nicht in den Westen gehört. Seine Heimat ist ihm lange schon abhandengekommen. Die Zeit des Kollektivs, der Ordnung und der Feste – Betriebsfest, Brigadefest, Erntefest – ist vorbei. Jetzt kommen die Fremden in das fast verlassene Dorf. Sie sind ihm genauso so wenig geheuer wie die wenigen Jungen, die geblieben sind und von den ›guten alten Zeiten unter Adolf‹ sowie der Verteidigung der Heimat schwafeln. Melken ist das genaue soziale Psychogramm eines Menschen, der sich widerstandslos in drei Gesellschaftssysteme gefügt hat und am Ende so erstaunt wie ratlos vor der eigenen Biografie steht. (1 H)


UND DANN von Wolfram Höll

Und dann (uraufgeführt am Schauspiel Leipzig) ist das vielfach ausgezeichnete Theaterdebüt von Wolfram Höll, mit dem der Dramatiker durch die Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises 2013 über Nacht bekannt wurde. Höll erzählt darin vom Verlust der Mutter. Eingebettet ist diese sprachlich aufregende Familiengeschichte in die Zeit der politischen Wende von 1989.
Mit »kluger Zartheit« (Palmetshofer) hat Höll einen Text verfasst, der ein tief berührendes Familienporträt vor dem Hintergrund der großen, historischen Wende entwirft. (Besetzung variabel)


BERLIN EIN MEER DES FRIEDENS von Einar Schleef

Lustvoll satirisch antizipiert und überbietet Berlin ein Meer des Friedens (uraufgeführt 1983 im Theater Heidelberg) die deutsche Vereinigung mithilfe einer großen Flut, die sich aus dem Fernseher einer Ostberliner Plattenbauwohnung ergießt. Einar Schleef hat eine wüste, genaue Groteske geschrieben, wie es in der DDR zuging. Das allabendliche Zusammengesperrtsein vor der flimmernden Mattscheibe wird zum verzerrten Abbild des reibungslos funktionierenden Apparates draußen. Schleef wütet weniger gegen den Mauerstaat als gegen »die Mauer in jedem von uns«; dieses Leben, eine absurde Fehlkonstruktion, hüben wie drüben. (3 D, 1 H)