Zum Tod von George Steiner

04.02.2020

Am 3. Februar 2020 ist George Steiner im Alter von 90 Jahren im britischen Cambridge verstorben. Der Literaturwissenschaftler und Universalgelehrte wurde 1929 in Paris geboren. 1940 verließ seine Familie Europa mit dem letzten Schiff, das aus Genua nach Amerika fuhr. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Steiner nach Europa zurück, lehrte vergleichende Literaturgeschichte in Genf und Cambridge und ab 1994 Komparatistik in Oxford. George Steiner wurde vielfach ausgezeichnet und war Träger zahlreicher Ehrendoktorwürden. Er befasste sich in seinem Werk mit den Themen Religion, Musik, Malerei und Geschichte.

»Klingt Melancholie auf, wenn Steiner schreibt ›Vielleicht sind selbst die bedeutendsten metaphysischen Mutmaßungen oder dichterische Funde komplexe Formen der Molekularchemie‹? Ich glaube nicht. Teilt er nicht die Leibnizsche Hoffnung auf eine Universalsprache? Und ist diese Universalsprache nicht die Mathematik, die Sprache jener Welt vor der Welt und jener Welt um die Welt herum, in der Gott, wenn er singt, Algebra singt? Schafft die Mathematik nicht einen Ausdruck für Verhältnisse, die alle Erfahrung übersteigt wie die Musik und die Poesie – und ist die Poesie nicht eben und überhaupt das Vehikel, um die Geheimnisse in die Welt zu bringen, ohne sie zu verletzen?
Als ich George Steiner im Frühling 2004 in Cambridge besuchte, um mich mit ihm über meine Idee zur edition unseld zu beraten, war von Melancholie im Zusammenhang solcher Thematik nichts zu spüren, eher Euphorie und ein Gottvertrauen, daß irgendwo, so wie er am Ende von Gedanken dichten schreibt, ›ein rebellischer Sänger, ein Philosoph trunken vor Einsamkeit ›nein‹ sagen wird. Eine Silbe, erfüllt vom Versprechen der Schöpfung.‹« Ulla Unseld-Berkéwicz

Weitere Stimmen von und über George Steiner haben wir hier gesammelt »