Thomas Köck
atlas

Thomas Köck
© Max Zerrahn

NEU

3 Damen, 1 Herr, Besetzung variabel

UA: Schauspiel Leipzig
27.01.2019
Regie: Philipp Preuss

Synopse

Vor dem Zyklus der Pariser Kommune des Malers Bernhard Heisig stehen der Mann und die Frau aus Vietnam und er liest ihr etwas vor über »die endlich entdeckte politische Form«. Draußen versammeln sich die Leute und wollen ein Volk sein, ein neues »wir«. Kennengelernt haben sich die beiden bei der ersten ärztlichen Untersuchung der Frau im Bruderstaat DDR. Er, der Dolmetscher, übersetzt für die Ärztin irgendetwas, zu der Frau sagt er: »woher kommst du / seit wann bist du hier / wo lebst du jetzt / wo arbeitest du / und überhaupt warum / sind wir uns noch nicht früher begegnet.« Sie lacht, was sie nicht darf, die beiden werden ein Paar. Und als sie schwanger wird, darf sie eigentlich nicht in der DDR bleiben, denn, das weiß jeder, Hilfsarbeiterinnen dürfen nicht schwanger werden und wenn doch, müssen sie selbst weg oder das Kind. Aber ihr Kind kommt zur Welt, und weg ist von einem Tag zum anderen die DDR.

Thomas Köck erzählt in atlas eine Geschichte von Arbeitsmigration in den 80er-Jahren, vom Untergang des sozialistischen Staates DDR und von einem Kind, das sich auf dem Weg nach Vietnam macht, um den Weg seiner Vorfahren nachzuzeichnen: Über drei Generationen entfaltet sich eine komplexe Familiengeschichte: Die Großmutter floh kurz nach dem Ende des Vietnamkriegs 1975 mit ihrem Kind aus Saigon auf die Flüchtlingsinsel Pulau Bidong. Sie gehören zu den »Boatpeople«, auf der Überfahrt kenterte das Schiff, Mutter und Tochter wurden getrennt. Die Großmutter wurde schließlich als Kontingentflüchtling von der Insel gerettet und nach Westdeutschland gebracht. Nach einigen Jahren kehrte sie aus der BRD zurück nach Vietnam. Die Tochter hingegen ertrank entgegen der Annahme ihrer Mutter nicht und wuchs als Adoptivkind auf. Als junge Erwachsene bewarb sie sich als Vertragsarbeiterin und wurde in die DDR entsandt, die ab 1980 vietnamesische GastarbeiterInnen aufnahm.

Köck, der virtuos Bilder von Bootsflüchtlingen oder Wirtschaftsfragen im Gestern und Heute verschränkt, die Geschichten der Vergangenheit mit der hochtechnisierten Gegenwart, entwickelt eine ungewöhnliche und mitreißende Perspektive auf die politische Wende 1989 und eine vietnamesische Familiengeschichte, die in der DDR wie in der Bundesrepublik ihre Spuren hinterließ.

 

 

Pressestimmen

»DDR und BRD, Nord- und Südvietnam, Tochter, Mutter und Großmutter bespiegeln sich stets gegenseitig in Thomas Köcks „atlas“. Und entwickeln so, völlig unaufdringlich, eine kluge Reflexion über historische Bedingungen und Wiederholungsstrukturen. (…) Und der Gegenwartskommentar, den Thomas Köck hier über den Umweg exemplarischer Vergangenheitsbiografien gibt, gehört sowieso zu den erhellendsten seines Genres.« (Der Spiegel, 28.1.2019)
 

»Köcks Arbeiten treffen einen Nerv. Sie werden, im Gegensatz zum Großteil der neuen Dramatik, nach der Uraufführung an weiteren Theatern inszeniert, zuletzt sogar in Mexiko und Brasilien. Es ist wohl der richtige Zeitpunkt, um tradierte Erzählungen und allzu simple Welterklärungen mit den Mitteln der Kunst zu hinterfragen.« (Süddeutsche Zeitung, 30.1.2019)

 

atlas von Thomas Köck am Schauspiel Leipzig

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