Tankred Dorst
Auf dem Chimborazo

Tankred Dorst
© Isolde Ohlbaum

Ursendung: 01.01.1974
BR/RIAS Berlin/SDR
Regie: Ulrich Gerhardt

Synopse

Im Grundvertrag von 1972 zwischen Bonn und Ost-Berlin wurde die Abkehr von der Hallsteindoktrin und die Anerkennung der DDR als eigenständiger Staat festgeschrieben. Mit dieser politischen Entspannung gab es nun auch Raum für neue künstlerische Herangehensweisen. Die deutsch-deutsche Grenze wird in Tankred Dorsts (unter Mitarbeit von Ursula Ehler verfasstem) Hörspiel »Auf dem Chimborazo« zum Schauplatz einer Familiengeschichte. Ein Stück Alltag aus der Geschichte der Bundesrepublik: Mehrere Personen besteigen einen Berg nahe der Grenze zur DDR. Wenn es dunkel wird, will man da oben ein Feuer anzünden - als Gruß für die Freunde »drüben«, in dem ebenfalls nahe der Grenze liegenden Heimatort, den man vor Jahren verlassen hat. Das gemeinsame Vorhaben regt zu Gesprächen an. Eine ganz normale deutsche Familie, so scheint es. Berta, die Mutter, schwärmt von einer erlebnisreichen Vergangenheit. Ihre beiden Söhne, Tilman und Heinrich, haben es im Leben zu etwas gebracht, sie tragen Verantwortung, wie es sich für Männer in ihrem Alter gehört. Nur Klara, die Freundin Bertas, scheint ein wenig zu kurz gekommen. Doch allmählich zerbröckelt die harmonische Fassade. »Auf dem Chimborazo« handelt von der verlogenen Normalität einer gutbürgerlichen Familie und dem literarischen Kardinalthema Schein und Sein. Die idyllische Bergtour wird zur Offenbarung. Indem die Personen sich ihre tatsächlichen Biographien kundtun, werden die Lebenslügen offensichtlich. Die Suche nach persönlichem Glück und privatem Erfolg ist gescheitert. Dorsts Interesse gilt diesen privaten Lebensläufen vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus im Dritten Reich und des Kommunismus in der DDR
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