Rainald Goetz
Reich des Todes

Rainald Goetz

Besetzung variabel

UA: Deutsches Schauspielhaus Hamburg
11.09.2020
Regie: Karin Beier

Synopse


»Vive la crise«, dieses Proust-Zitat könnte Goetz seinem neuen Theaterstück voranstellen, denn er beschreibt eine Regierung, die eine solche Situation nutzt, um mit Furor und vermeintlich patriotischem Eifer Demokratiezerstörung zu betreiben. Es geht um den »Krieg gegen den Terror«, den George W. Bush unmittelbar nach den Anschlägen von 9/11 deklarierte. Man kann sich fragen, wieso beschäftigt sich Goetz erst heute mit dem, was im Namen dieses Krieges an Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen in Amerika selbst, vor allem aber auch im völkerrechtswidrigen Irakkrieg und in den amerikanischen Gefangenenlagern geschah? Journalistisch sind diese Ereignisse doch umfassend dokumentiert. Nun, um Dokumentation geht es Goetz ganz offensichtlich nicht: Die realen Personen der Zeitgeschichte, Bush und sein Regierungskabinett sowie die Täter*innen von Abu Ghraib, verbannt er in eine »Hades« betitelte Aufzählung unter sein Personalverzeichnis. Die Stückfiguren nehmen zwar die gleichen Positionen ein, Goetz gibt ihnen aber andere Namen, die auch an Persönlichkeiten aus verschiedenen Zeiten erinnern: Roon, preußischer Kriegsminister des 19. Jahrhunderts, Kelsen, der berühmte Verfassungsrechtler der Weimarer Republik, oder auch Schill, ehemaliger »Richter Gnadenlos« und Innensenator in Hamburg. Das hat System: Ständig fordert Goetz zu neuen Kontextualisierungen auf, zum Teil durch direkte Anspielungen, beispielsweise auf den deutschen Faschismus. Zum anderen setzt er mehr assoziative Impulse durch Motti, Zwischentitel, musikalische Motive, Nebenwelten, die unausgesprochen mitschwingen, dem Stück dennoch eine größere Reichweite verleihen. Goetz versucht – grundsätzlich und spielerisch zugleich – über Strukturen von Machtpolitik und Machtmissbrauch nachzudenken.
Er stellt die finstere Frage: Welche Faktoren müssen zusammenkommen, damit der Exzess, das »Böse, Kaputte«, Oberhand gewinnen kann? Krisen können Sternstunden für Autokraten werden, dafür stehen heute Orbán, Erdoğan oder Kaczyński. Die Geschichte zeigt aber auch, dass manchmal Menschen auf den Plan treten, die die Krise mit neuem Sinn zu füllen wissen.

Rita Thiele, Dramaturgin der Uraufführung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

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