Bücher und Beiträge zur aktuellen Situation in Belarus
 

Die Lage in Belarus, der »letzten Diktatur Europas«, eskaliert zusehends. Die Repressionen gegen die Protestierenden, die mit bewunderungswürdigem Mut für eine demokratische und rechtstaatliche Zukunft ihres Landes kämpfen, werden immer brutaler. Von den sieben Mitgliedern des Koordinationsrates, dem leitenden Gremium der Protestbewegung, wurden zwei des Landes verwiesen und vier verhaftet, darunter Maria Kolesnikowa, die am helllichten Tag entführt wurde und sich ihrer Zwangsexilierung in die Ukraine widersetzt hat.

Auch die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, das letzte Ratsmitglied in Freiheit, wird bedroht. Nur die Anwesenheit von Journalisten und europäischer Diplomaten hat verhindert, dass sie verhaftet wurde. Jüngst musste sie nun nach Berlin ausreisen. Sie ist als einziges Mitglied des Führungsgremiums des oppositionellen Koordinationsrats noch auf freiem Fuß.

Seit Beginn der Proteste wurden 13.000 Menschen in Belarus verhaftet. Die unabhängige Berichterstattung wird massiv behindert. Seit letzter Woche steigt die Welle der Repressionen massiv an. Alle Menschen, die sich in Belarus für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit engagieren, begeben sich in große Gefahr. Begleiten wir sie mit den Mitteln, die wir haben – hinsehen, hinhören, vermitteln.

Swetlana Alexijewitsch, die in ihren Werken wie keine andere jenen eine Stimme verleiht, die gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt aufbegehren, trotzt dem Terror.

(Katharina Raabe, Janika Rüter: Lektorat Osteuropa)

Links zur aktuellen Situation in Belarus
 

»Wir brauchen keine starken Anführer – wir brauchen eine starke Gesellschaft« – Gespräch mit Olga Shparaga, Philosophin und Mitglied des Koordinierungsrats, vor ihrer ersten Verhaftung am 4. Oktober 2020 in Minsk.

»Fokus Belarus« der Zeitschrift OSTEUROPA bringt aktuelle Interviews und Hintergrundanalysen zur Lage. Das Team von www.dekoder.org veröffentlicht laufend Artikel und Analyse erster Hand aus dem Russischen. »Stimmen aus Belarus« dokumentiert aktuelle Erfahrungsberichte aus Belarus in deutscher Übersetzung.

Am 12. Oktober 2020 wurde unsere Autorin Olga Shparaga in Minsk zu 14 Tagen Haft verurteilt »

Der 57. Tag der Proteste, zugleich der 9. Sonntag der Massendemonstrationen, wurde zum »Tag der politischen Gefangenen« ausgerufen. Die Leute zogen vor die Gefängnisse, um die Inhaftierten zu unterstützen. Im ganzen Land kam es zu teils brutalen Festnahmen. In den sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie eine 13jährige in Grodno von Einsatzkräften in einen Gefangenentransporter geschleift wird. Ein englischer Reporter hat einige der Protestteilnehmerinnen porträtiert »

Wer sind die Frauen, die gegen Alexander Lukaschenko aufstehen? Radio Liberty stellt sie vor und zeichnet eine Chronik der Proteste nach. Eine Vertiefung dieser Informationen findet sich hier »

Silvia Sasse dokumentiert Briefe an Swetlana Alexijewitsch »

Verschiedene Friedenspreisträger:innen drängen in einer von Karl Schlögel formulierten Solidaritätsadresse auf ein sofortiges Ende der Repressionen gegen Alexijewitsch und die belarussische Bevölkerung.

»Tears of Belarus« – unter dieser Überschrift wurden kürzlich Bilder in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, die weinende Menschen zeigen. Sie sind fassungslos angesichts der Gewalt, die sich immer brutaler gegen die konsequent friedlichen Protestierenden richtet. Unsere Autorin Katja Petrowskaja hat eines dieser Fotos in einem bewegenden Text kommentiert »

Die belarussische Menschenrechtsorganisation »Vjasna« (Frühling) führt eine Liste der politischen Gefangenen in Belarus, die sie fortlaufend aktualisiert. OSTEUROPA hat sie übersetzt und online gestellt »

Der belarussische Journalist Franak Viačorka verfolgt die Ereignisse von Warschau aus und hat am 22. September eine trotz aller Rückschläge optimistische Bilanz gezogen »

 

Weitere Links und Artikel zum Thema:

»Der Sound des Protests« Ein Gespräch mit dem Dirigenten Vitali Alekseenok von Volker Weichsel
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»Belarus, Striking: Voices from the Belarusian Uprising« Podiumsdiskussion mit Darya Zhuk, Andrei Zavalei, Vitali Alekseenok, Tanya Kapitonova und Olga Shparaga, moderiert von Valzhyna Mort
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»Belarus: Warum schweigt ihr?« von Swetlana Alexijewitsch
Zum Artikel »

Pen International, 9. September 2020
Zum Artikel »

Masha Gessen über Swetlana Alexijewitsch, The New Yorker:
Zum Artikel »

»Sehen Sie hin!?« von Iryna Herasimovich
Zum Artikel »

Erklärung des Koordinationsrats vom 7. September 2020
Zur Erklärung »

»The Pandemic Was Supposed to Be Great for Strongmen. What Happened?« von Ivan Krastev
Zum Artikel »

»Spitzentitel« - Volker Weidermann spricht mit Serhij Zhadan über die Situation in Belarus (ab 25:00 Min)
Zum Video »

»Macht und Gewalt« - Ein Gespräch mit dem Soziologen Lev Gudkov von Manfred Sapper
Zum Artikel »

»Russia may not need invade Belarus. Its already there« von Hanna Liubakova
Zum Artikel »

»Wie der Dialog in Belarus aussehen sollte« von Artyom Shraibman
Zum Artikel »

»Belarus – auf Messers Schneide« von Aleksandr Morozov
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Die Philosophin Ol’ga Šparaga und der Direktor des European College of Liberal Arts Aljaksandr Adamjanc im Gespräch mit der Zeitschrift Osteuropa
Zum Beitrag »

Artur Klinaǔ im Gespräch mit der Zeitschrift Osteuropa
Zum Interview »
Zum Interview (englische Version) »

»My Country Is Under Attack« von Valzhyna Mort
Zum Artikel »

Astrid Sahm über die Präsidentschaftswahlen in Belarus
Zum Artikel »

»After a Rigged Election, Belarus Crushes Protests Amid an Information Blackout« von Masha Gessen
Zum Artikel »

»Belarus: Wie eine späte DDR mit Highspeed-Internet« von Felix Ackermann
Zum Artikel »

»Four scenarios for the crisis in Belarus«: Policy Paper der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik
Zum Policy Paper »

Buchempfehlungen

 
 

Stimmen unserer Autorinnen und Autoren zur Situation in Belarus

© Susanne Schleyer

Juri Andruchowytsch

»Dass viele Aktionen dezentral stattfinden, dürfte interessant sein, aber erfolgreich sind die Proteste erst dann, wenn sie die Gebäude und die Logistik der zentralen Machtorgane außer Funktion setzen. Dazu braucht es einen konsolidierten und eben doch zentralisierten Massenprotest in der Hauptstadt ...« Weiterlesen »
© Ostap Kin

Polina Barskova

»Die Kulturgeschichte von Belarus im 20. Jahrhundert ist auf vielfache und komplexe Weise mit dem sowjetischen Imperium verbunden. Es ist sehr schwierig, diese Beziehung zu beenden. Die sowjetische und postsowjetische Welt hat im Leib von Belarus zu viele ›Wurzeln‹ hinterlassen. Die Trennung wird schrittweise erfolgen, eine schnelle und vollständige Scheidung wird es nicht geben. ...« Weiterlesen »
© Greg Bal

Alissa Ganijewa

»Nichts dauert ewig, erst recht nicht autoritäre Macht. Irgendwann bricht sie unweigerlich zusammen. Und der Sommer dieses schwierigen Jahres könnte der Anfang des triumphalen Sieges sein ...« Weiterlesen »
© Isolde Ohlbaum

Valzhyna Mort

»Während des Zweiten Weltkriegs wurden bei uns an vielen Orten Dorfbewohner in eine Scheune gepfercht und die Scheune in Brand gesetzt. Heute fühlt es sich an, als sei das ganze Land eine einzige Scheune geworden, in der die Menschen von der Gnade eines Wahnsinnigen und seinen Holzsoldaten abhängig sind. In einem gesetzlosen System, das ihnen die menschliche Würde und die Grundrechte abspricht, machen die Belarussen eine Revolution, die auf Einhaltung der Gesetze besteht ...« Weiterlesen »
© Heike Steinweg

Sasha Marianna Salzmann

»Was mir Sorgen bereitet, ist, dass die meisten, mit denen ich dazu spreche (einem Historiker, mit Autor*innen, Journalist*innen) die Bewegung gegen Lukaschenko bereits für gescheitert erklären. Sie sagen: Putin hat kein Interesse an demokratischen Verhältnissen in seinem Vorzimmer. Sie sagen: Europa wird sich auch für Belarus, so wie auch damals für die Ukraine, nur halbherzig einsetzen ...« Weiterlesen »
© Valery Shibanov, Seledka Newspaper

Maria Stepanova

»Was mir in all diesen Tagen keine Ruhe lässt, ist eine Mischung aus Begeisterung und Schrecken. Die Begeisterung muss ich wahrscheinlich nicht lang erklären: Trotz der anhaltenden, rabiaten Gewalt, mit der die Staatsorgane in Belarus auf die Proteste reagieren, trotz Verhaftungen, Schlägen, Folter und Erniedrigung bleiben die Demonstrationen immer noch friedlich ...« Weiterlesen »
© Brigitte Friedrich

Andrzej Stasiuk

»Wozu braucht Europa Belarus? Vielleicht als Abnehmer der ›europäischen Werte‹? Damit wir uns einreden können, dass sie noch etwas bedeuten, dass jemand sie benötigt ...« Weiterlesen »
© Susanne Schleyer

Jáchym Topol

»Friedliche Demonstrationen, bei denen man sich sicher fühlt, eingehüllt in die Wärme der Freundschaft und Solidarität; doch in dem Moment, in dem die Polizei angreift, werden die Knie weich; Angst, blanke Panik brechen aus. Das ist so schrecklich und so beschämend, dass man es später gern vergessen würde ...« Weiterlesen »
© Susanne Schleyer

Tomas Venclova

»Die Belarussen praktizieren eine neue Form der Revolution. Sie könnte ein Prototyp für unser Jahrhundert werden. Eine Revolution, die sich der digitalen Medien bedient und ohne Anführer und Entscheidungsmomente auskommt. Ich denke an den Begriff des rhizom von Gilles Deleuze und Félix Guattari: ›Ein Rhizom kann sich an jeder beliebigen Stelle mit jedem anderen verbinden und muss es auch … es kann gebrochen und zerstört werden, aber es wuchert entlang seiner eigenen oder anderen Linien weiter ...‹« Weiterlesen »

© Meridian Czernowitz

Serhij Zhadan

»Konkret beeindruckt mich in Belarus vor allem die Einigkeit der Menschen. Es handelt sich wirklich nicht um Proteste bestimmter Parteien, sondern um eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. So etwas muss Folgen haben. Ich bin sicher, dass Belarus nie mehr so sein wird wie vor diesen Wahlen ...« Weiterlesen »