Einar Schleef
Ich kann nur 5 % meines Lebens darstellen, wenn ich 10 % schreiben wollte, müßte ich Romane, Stücke oder Filme machen.
1944
17. Januar: Einar Wilhelm Schleef kommt in Sangerhausen, sieben Jahre nach dem erstgeborenen Sohn Hans-Reiner, zur Welt. Sein Vater, der Architekt Wilhelm Schleef, stammt aus Frankfurt am Main, seine Mutter Gertrud, in Sangerhausen geborene Hoffmann, ist Näherin.
1950
Schleef wird eingeschult, besucht später die weiterführende Geschwister-Scholl-Schule. Während der Schulzeit nimmt er an den Arbeitsgemeinschaften Chor, Zeichnen und Laienspiel teil.
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Ich kann nur 5 % meines Lebens darstellen, wenn ich 10 % schreiben wollte, müßte ich Romane, Stücke oder Filme machen.
1944
17. Januar: Einar Wilhelm Schleef kommt in Sangerhausen, sieben Jahre nach dem erstgeborenen Sohn Hans-Reiner, zur Welt. Sein Vater, der Architekt Wilhelm Schleef, stammt aus Frankfurt am Main, seine Mutter Gertrud, in Sangerhausen geborene Hoffmann, ist Näherin.
1950
Schleef wird eingeschult, besucht später die weiterführende Geschwister-Scholl-Schule. Während der Schulzeit nimmt er an den Arbeitsgemeinschaften Chor, Zeichnen und Laienspiel teil.
1953
17. Juni: Unruhen, Streiks und Demonstrationen in der DDR wegen Erhöhung der Arbeitsnormen. Auch in Sangerhausen löst die Polizei gewaltsam Demonstrationen auf. Zahlreiche Festnahmen. Schleefs Mutter verbirgt ihren Mann vor dem Zugriff der Sowjetischen Militäradministration.
Mein Bruder wurde festgenommen, 5 Tage eingelocht. Drei oder vier Tage später haben viele, auch mein Vater, einen Brief erhalten, daß sie sich auf der sowjetischen Kommandantur melden sollten. Von diesen ganzen Menschen, die sich aus unserem Ort gemeldet haben, ist keiner mehr zurückgekommen. Sie sind alle nach Sibirien oder sonstwohin. Meine Mutter hat meinen Vater eingeschlossen. Das erschien als Ehetragödie. Sie schloß ihn ein, nahm ihm die Kleidungsstücke weg, brachte mich bei meinem Opa unter und ging weg. Tage später tauchte sie erst wieder auf. Sie hatte ihn eingeschlossen, um zu verhindern, daß er sich meldet.
1957
Schleefs Bruder Hans-Reiner flieht in die Bundesrepublik.
Einar Schleef schreibt 2001 im Tagebuch rückblickend über die Beziehung zu seinem Bruder:
Meine Eltern akzeptieren seine Eskapaden, Schulfreundschaften, seine andauernde Ablehnung, mich zu etwas mitzunehmen, ich bin zu jung, ständig am falschen Platz, ich laufe ihm nach, petze und drängle, nichts nutzt, er will mich nicht um sich haben, und so entwickelt sich zwischen uns ein ungutes Verhältnis, das in Dissonanz endet, sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt tiefer frißt. Die wenigen Male, die ich meinen Bruder nach seiner Republikflucht sehe, das erste Mal 1960 nach meinem Unfall, [...] ich erinnere mich nicht. Einmal kommt er nach Ostberlin, vielleicht ein 2. Mal, Weihnachten 77 sehe ich ihn im Westen wieder, später nochmal, danach zu Mutters Beerdigung. Unsere Begegnungen in über 40 Jahren lassen sich an 2 Händen abzählen. Eine politische Situation ist in voller Härte ertragen worden?
Bei gelegentlichen Nach-Wende-Besuchen vermochte es Mutter nicht, Frieden zu schaffen, dumm beförderte sie weiteren Streit, und, so zwischen ihren Söhnen zerrieben, starb sie.
1960
13. Februar: Schleef stürzt aus einem fahrenden Zug. Achtmonatiger Krankenhausaufenthalt in Hettstedt, Schleef soll ein Arm amputiert werden, doch seine Mutter verweigert den Ärzten die dazu notwendige Einwilligung.
Mit 16 kam ich für ein Jahr ins Krankenhaus. In den ersten Wochen nahm ich meine Umgebung nicht wahr, meine Augen waren verbunden, ich wurde gefüttert, Kot lief aus dem Körper, ich war nur Schmerz [...] Ich lag im 8 Bettzimmer eines Bergarbeiterortes, meine Nachbarn, Männer fortgeschrittenen Alters, spielten Karten, schlugen auf die zu den Betten schiebbaren Eßtische, daß Geschirr und Bestecke krachten [...] Unser Zimmer hieß Himmelfahrtskommando. Überlebt habe nur ich.
1961
August: Schleefs Eltern bereiten ihre Republikflucht vor. Einar Schleef fährt mit seinem Vater zu Bekannten nach Berlin Siemensstadt, wo der Sohn vorübergehend untergebracht werden soll, bis die Eltern nachkommen. Der Plan scheitert. Wenige Tage später, am 13. August, läßt Ulbricht die Mauer bauen.
Ich brülle: Hier ist meine Zukunft! Ich bleibe hier, ich haue nicht ab! Ich will nicht mit! Vater sabbert und schlägt zu: Du Verbrecher. Mutter schreit: Willy! Willy! und sortiert Bettwäsche. Abends sitzt sie an meinem Bett: Du mußt Vater verstehen, der kann nicht mehr. Ich laufe weg. Junge, Junge, sie streichelt meine Hand. Das haben die dir im Malzirkel gesagt, daß du hier bleiben sollst? Ja. Sie nickt, steht auf, geht nach unten.
Vater jeden Tag am Radio: Noch nicht zu spät. Die Volkskammer einberufen. Wir warten ab. Mutter packt die Koffer. Betten. Vater und ich fahren nach Berlin zu Bekannten. Unterwegs hält der Zug. Ausweis- und Gepäckkontrolle.
1963
18. Februar: Schleef wird bei der Musterung als untauglich eingestuft.
Am Rosenmontag notiert Schleef in seinem Tagebuch: Ich möchte tanzen, lachen, wenig trinken, tanzen. Nichts mehr. Dann alleine heim, etwas schlafen, malen, malen. Keiner kann so gut Charleston wie ich. Twist im Radio Klasse. Was soll ich zu unserer Politik, zur Schule, zu meinem Leben sagen: Scheiße. Ich will nicht so viele Worte dazu schreiben, es muß einer sehen, Scheiße, Scheiße, wo ist der Ausweg? Wo? Wo? Es gibt kein Glück, keine Liebe, keine Wahrheit! Oder gibt es sie? Wo? Für wen? Auch für mich?
Im April reist Schleef nach Berlin und besteht die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Abends Theaterbesuche im Berliner Ensemble.
1964
Abitur auf der Geschwister-Scholl-Schule in Sangerhausen. Aus der offiziellen Beurteilung der Schule: Seine künstlerische Begabung stellte er sehr oft zur Verfügung. Seine gesellschaftliche Tätigkeit geht über den Rahmen der Schule hinaus. So nimmt er an einem Malzirkel teil und ist Mitglied einer Theatergruppe in Leipzig.
September: Umzug nach Berlin. Schleef beginnt an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Malerei zu studieren.
1965
11. Februar: nach einem Semester wird Schleef der Hochschule verwiesen. Relegation wegen "Disziplinlosigkeit und mangelhaftem studentischen Gesamtverhalten". - Schleef hatte einen Hochschullehrer beleidigt.
Meine Eltern waren unsicher, in welchem Ausmaß die Bestrafung durch die Hochschule einsetzen würde, Horrormeldungen gab es genug, man würde diese Personen zwingen, die DDR zu verlassen. Noch ein Kind im Westen, das wollten meine Eltern nicht, sie hätten mich denunziert, wäre ich mit dieser Absicht gekommen.
Reise nach Prag. Sein Antrag für ein Auslandstudium im Bereich Puppenspiel wird aus "objektiven Bedingungen" von der Kunsthochschule abgelehnt, ihm wird ein Platz als Malerhelfer beim Fernsehfunk Adlershof, Berlin zugewiesen.
Fernsehfunk Adlershof: Malerhelfer: Ich stehe um 5 auf und bin um 19 Uhr 30 zu Hause. Dazwischen schrubbe ich Farbeimer, laufe durch die Studios, bleibe unbeholfen gegenüber der Technik. Ich darf für ein Fernsehspiel das Bücherregal streichen. Ich packe die Bücher um, sortiere die Rücken, meist Fehldrucke, dazwischen RASKOLNIKOW. Ich lese die ersten 50 Seiten, um mich ist nichts mehr, alles was mich umgibt, hört auf, Gesichter, Gegenstände, ich fahre abends nach Hause, das Buch zwischen meinen feuchten Arbeitsklamotten. Ich bin wie betäubt, wie unter Drogen.
Schleef beginnt, das Schreiben für sich zu entdecken.
1. Januar 1966, Prag
Schreiben wird für mich Ausdruck. Jedoch zeige ich bei der Formung meiner Gedanken keine Ausdauer. Im Gegenteil. Wenn ich durch die Stadt träume, am Zugfenster lehne, die Menschen anblicke, beschreibe ich sie, halblaut in mich hineindenkend. Leider kann ich nur unzusammenhängende Sätze stammeln, holprig, klobig, angefangene Sätze, die einer weiteren Fortführung bedürfen, breche ich ab, um meine Zuhörer nicht zu langweilen. Manchmal, selten, dringen sie auf eine Entwicklung, aber dann bringe ich sie zu ihrer Enttäuschung äußerst knapp, verzweifelt, unmöglich.
1967
Im Herbst wird Schleef für das Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee wieder zugelassen, jetzt im Fachbereich Bühnenbild bei Heinrich Kilger, Abschluß am 19. Januar 1971.
Im Februar wird er als Meisterschüler bei Karl von Appen an der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin aufgenommen. Wegen besonderer Studienleistungen erhält er sein Diplom bereits ein Jahr früher, im Februar 1973.
1971
30. April: Schleefs Vater stirbt.
1972
DON GIL VON DEN GRÜNEN HOSEN von Tirso de Molina. Erste Arbeit als Bühnen- und Kostümbildner. Premiere am 28. Juni an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin. Regie Brigitte Soubeyran. Von der Berliner Zeitung erhält Schleef den Kritiker-Preis.
Meine erste Arbeit als Bühnenbildner brachte mir am Abend der Premiere die fristlose Entlassung und Wochen später den Kritikerpreis für die beste Ausstattung der Spielzeit. Mit diesem Preis in der Tasche begann die Zusammenarbeit mit Tragelehn.
10. November: Premiere von Erwin Strittmatters KATZGRABEN am Berliner Ensemble, Bühnenbild und Kostüme Einar Schleef; Regiearbeit gemeinsam mit B. K. Tragelehn, der ihn für die "republikflüchtige Bühnenbildnerin" Ilona Freyer an das Theater holt.
Minuten nach der Premiere, ich hatte gerade die Bühne verlassen, mich umgezogen, wartete meine Mutter im Hof. Sie war extra nach Berlin gekommen. Sie tobte. Wer ihr gesteckt, daß der Text unmittelbar vor dem 17. Juni entstand (Uraufführung 23.5.53, Regie: Brecht, Bühne: Appen), wußte ich nicht, noch ob das zutraf. Berghaus und Müller kamen hochbefriedigt, daß diese Premiere gerade zeitlich richtig, so glimpflich abgegangen wäre, Mutter schrie ihnen entgegen: Das war Rübenverziehen durch den Operngucker. Eine Unverschämtheit, sie heulte, Junge du mitgemacht, kommst doch vom Dorf, mußt es besser wissen, denen hätte ich bescheid gestochen, wissen Sie überhaupt was da vor sich geht! Berghaus und Müller hier eins: Beruhigen Sie sich!, so als hätten sie eine Verrückte vor sich. Mutter warf eine Tasche erbost zu Boden: Bück dich!, fuhr sie mich an, um erstmal die Herrschaftsverhältnisse klarzubekommen. [...] Mutter war nie im Theater gewesen, vor dem Krieg im Kino, wo sie es wegen der Enge und Dunkelheit nicht aushielt. Ich sah sie zum ersten Mal so, einem solchen politisch fundierten Angriff waren ihre beiden Gegenüber nicht gewachsen, Verrat am Arbeiter und Bauern, am schuftenden Volk, eine einzige politische Lüge, am liebsten würde sie dem Alten aufs Grab "seichen".
1973
Schleef beginnt seine Arbeit an seinem ersten Dramentext, EIN KESSEL BUNTES, der 1978 in der Zeitschrift Filmkritik erscheint und 1983 unter dem Titel BERLIN EIN MEER DES FRIEDENS uraufgeführt wird.
Fotoreportage für den DEFA-Film DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ. Regie Konrad Wolf. Erstaufführung 1974.
1974
FRÜHLINGS ERWACHEN von Frank Wedekind. Premiere am 1. März am Berliner Ensemble, Bühnenbild und Kostüme Einar Schleef, Regie gemeinsam mit B. K. Tragelehn.
1975
FRÄULEIN JULIE von August Strindberg. Premiere am 10. April am Berliner Ensemble, Bühnenbild und Kostüme Einar Schleef, Regie gemeinsam mit B. K. Tragelehn. Mit Jutta Hoffmann und Jürgen Holtz. Öffentlicher Streit über Konzeption und Spielweise. Die Vorstellung wird auf Anweisung von Kulturfunktionären nach zehn Vorstellungen abgesetzt.
KORREKTUR, HERAKLES 5 von Heiner Müller. Schauspielschule Berlin, Bühnenbild und Coregie Einar Schleef.
Schleef schreibt und inszeniert eine eigene Fassung von DER FISCHER UND SEINE FRAU nach den Gebrüdern Grimm am Staatlichen Puppentheater Dresden. Uraufführung - trotz Schwierigkeiten mit den Kulturfunktionären, da Schleef die Puppenspieler anstelle der Puppen spielen ließ - am 14. April.
1.-Mai-Kundgebung. Die Intendantin des Berliner Ensembles, Ruth Berghaus, veranlaßt Schleef, als Mitarbeiter des Hauses an der Demonstration teilzunehmen.
Ich erschien und suchte nach dem Schild meiner Inszenierung, aber weder KATZGRABEN noch FRÜHLINGS ERWACHEN waren da, gar nichts. Ruth Berghaus kumpelhaft, da sei ein Versehen passiert, nur Beruhigung, eine Rote Fahne sei da, die solle ich nehmen, ich sortierte ganz in Ruhe aus, auch Tragelehn roch den Braten, wir waren umsonst da, die Intendantin hatte uns angelogen, diese fehlenden Schilder hätte ich selbst noch zu Hause pinseln können, nein, eine Rote Fahne jetzt, ich prüfte den Schaft, rollte eine vom Laster auf, überlegte, spürte die anderen in meinem Rücken, sah die verordnete, die damals noch echte 1.-Mai-Freude und kippte um, ich lag am Bordstein, als mir das Blut aus der Nase schoß, da war nichts mehr zu machen, Rettungswagen ab nach Hause, so was brauchte man nicht, das mußte weggeschoben werden. Mein 1. und einmaliger Versuch, mich in Ostberlin zu integrieren, war fehlgeschlagen.
Buchillustrationen und Plakate für mehrere Verlage und Theater in Berlin (Ost). Ausstellungen (Bühnenbild und Malerei) in der CSSR, der Sowjetunion, Finnland, Frankreich, Ungarn.
1976 Oktober: Schleef erhält die Erlaubnis, außerhalb der DDR zu arbeiten, und bereitet gemeinsam mit B. K. Tragelehn Frank Wedekinds SCHLOSS WETTERSTEIN am Burgtheater Wien vor. Schleef fährt in die Bundesrepublik und wird für republikflüchtig erklärt. Das Inszenierungsvorhaben am Burgtheater wird abgebrochen.
Niemand weiß, wie ich lebe. Ich lüge. So geht es besser. Hinter das Gesicht sehen, wozu. Ich erwarte keine Antwort mehr. Ich will mir weismachen, ich könne von vorn anfangen. Lobenswert. Ich weiß, es ist falsch. Es gibt keinen neuen Anfang für mich. Ich kaufe Teppichboden. Ich hasse Teppichboden. Teppichboden auf Parkett.
In Wien zum ersten Mal mit nackten Füßen auf Teppichboden. Dunkelbraun. Lieb an den Füßen. Haare und Hautfetzen. Zwischen den Zehen eingerissen. Ich mag nicht mehr an meinem Buch schreiben. Meine Mutter hängt mir zum Hals raus. Seit wieviel Wochen keinen Brief. Jeden Tag warte ich. Wie viele Abmachungen zwischen uns, keine gilt.
Schleef lebt in der Folgezeit als Autor, Maler und Fotograf in Frankfurt am Main und Berlin (West).
Beginn seiner Arbeit an dem Roman GERTRUD.
In den neun Jahren, die ich zwischen 1976 und 1984 nicht am Theater arbeitete oder höchst eingeschränkt, festigten sich meine Formvorstellungen, die ich in unterschiedlichen Texten ausprobierte. Teilweise fertigte ich mehrere Fassungen eines Textes an, um Ausdrucksvermögen und Herahngehensweise zu verbessern. Die ersten 250 Seiten von GERTRUD schrieb ich in drei Fassungen: Eine in der 3. Person ohne Ich-Texte und Fremdeinschlüsse, eine in der 3. Person mit Ich-Texten und Fremdeinschlüssen, eine Monologfassung, die spätere Druckfassung. Daß sich für GERTRUD der Monolog, die Ich-Form herauskristallisierte, ist keine Erinnerung an meine Mutter, die bekloppt vor sich hinbrütet, sondern der Monolog ist die Reaktion auf die Vielzahl von vor sich hin sprechenden Menschen, denen ich im Westen begegnete, denen ich nachlief, um sie zu verstehen, meinte ich doch zunächst, ich sei angesprochen und solle antworten.
1978 bis 1982 Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (West).
Erste Texte Schleefs werden im Radio ausgestrahlt: das Feature REPUBLIKFLUCHT im Hessischen Rundfunk und das Hörspiel DIE BANDE im ORF. Arbeit an GERTRUD. In einem Brief vom 22.3.1978 an Siegfried Unseld, den Leiter des Suhrkamp Verlages, stellt er erstmals sein Romanvorhaben vor.
- INHALT
Nach dem Tod des Ehemanns beginnt für die 64jährige Frau ein 2. Leben. die Ehe ist aus, die beiden Söhne weg. Sie muß allein leben. In den ersten Jahren zeiht sie sich völlig zurück, will sterben. Die Beziehung zu ihren beiden Schwestern, deren Ehen auch vom Krieg gezeichnet sind, wie die der Eltern, festigt sich. Am Ort schließt sie sich zwei alten Schulfreundinnen an. Die sexuelle Situation der drei Frauen führt zu Spannungen. Die jüngste (54) heiratet einen 20 Jahre älteren Mann, die älteste (68) lehnt ein Heiratsangebot ab, bleibt Jungfrau, die mittlere, meine Mutter, nimmt Beziehungen zu verheirateten Männern auf, will dreimal heiraten, den Ort verlassen. Die Männer, den Ausbruch wünschend, verbleiben aber in ihren Ehen. Den, der sich direkt anbietet, lehnt sie ab, er war der Feind ihres Mannes. Im Ort ist sie geächtet. Die Beziehung zu ihrem Sohn in Ostberlin intensiviert sich, sie macht Zugeständnisse. Jahrelang konnte sie die Intimbeziehungen ihrer Söhne nicht akzeptieren, da für sie nur materielle Werte existent waren, die sie jedoch in ihren Ausbruchsversuchen, Heiratsplänen ununterbrochen in Frage stellt. Sie argumentiert gegen die Männer wie der Sohn früher gegen sie. Jetzt wendet sie seine Argumente auch gegen ihn an. Sie beginnt ein Tagebuch, notiert jede Veränderung ihrer Beziehungen, kämpft. Mutter und Sohn gestehen sich, angesichts der Veränderungen in der DDR, ihr Scheitern ein, der Sohn verläßt die DDR. Daß er sie, die Mutter verläßt, will sie nicht wahrhaben. Über ihr und der Freundin ihres Sohnes bricht alles zusammen. Die Frauen stoßen sich ab, finden keinen Zugang mehr. Die staatlichen Sanktionen gegen die Mutter bedrohen existentiell. Die Familie der Freundin steht verängstigt abseits. Die Freundin flieht unvorbereitet. Verhaftung. Meine Mutter rund ihre Familie verdächtigen sich. Nach 1 Jahr entdeckt die Mutter familiäre Zusammenhänge und Schuld auf, die sie jahrelang unterdrückt und geleugnet hat. Sie weiß, wovon der Sohn und die Freundin eigentlich bedroht sind. Mit 70 formuliert sie das gemeinsame Scheitern positiv, der aufgestaute Sozialhaß treibt sie. Die Zerstörung ihrer Illusion und Prinzipien machen Kräfte frei, die sie konsequent einsetzt: Nicht nachgeben, bis ich umfalle.
Parallele zur Identifizierung mit der Freundin des Sohnes, verläuft die Ehe des anderen Sohnes, der seit langem in der BRD ist. In 2 Besuchen erlebt sie den Zerfall einer Ehe, die für sie vorbildlich geworden war.
1980 GERTRUD, der erste Teil des Romans, erscheint - wie fast alle weiteren Veröffentlichungen von ihm - beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main. Schleef schreibt bereits an dem zweiten Band des Romans.
Wenn Mutter etwas passiert, muß das Buch fertig sein, passieren heißt tot sein. Wenn sie tot ist, muß das Buch da sein, sie muß es mit runter nehmen. Oder wenn ich sterbe, ich will ja nicht mehr, nur dieses Buch Ich. Gleichzeitig glaubte ich, wenn ich es nicht schaffen würde, wenigstens den 1. Band zu bringen, müßte ich mir das Leben nehmen.
Der Hessische Rundfunk strahlt das Feature TOD DES LEHRERS aus.
1981 ZUHAUSE, ein Band mit 100 Fotos, die Schleef in Sangerhausen zwischen 1970 und 1975 aufgenommen hatte, wird veröffentlicht und mit dem Kodak-Fotopreis ausgezeichnet. Weitere Preise für Drehbuchentwürfe und Buchillustrationen, darunter der Preis der Jürgen Ponto-Stiftung.
1982 DIE BANDE. Zehn Geschichten von deutscher Gegenwart, erscheint.
Sangershausen am 11. Juni 1979
Einar
warum schreibst Du mir nicht, die 8. Woche ohne Nachricht, kannst Du Dir das überhaupt vorstellen, völlig abgeschnitten von allem oder kommt Deine Post nicht an, manchmal weiß ich mir keinen Rat mehr. Eine Karte aus Italien und dann war Stille. Denkst Du denn überhaupt nicht an Deine Mutter. Etwas erfreuliches, Dein ehemaliger Zeichenlehrer Herr Richter ist Verdienter Lehrer des Volkes geworden. Sein Foto heute in der Freiheit, ich schicke Dir den Ausschnitt sobald ich ihn nicht mehr benötige.
Ich habe mir schon alles zurecht gelegt, ich bring ihm einen ordentlichen Strauß, hoffentlich ist die Tür nicht am Abend in der Siedlung verschlossen. Einmal habe ich ihn getroffen, da grüßt er mich doch nicht, wo meine beiden Jungen bei ihm, hätte ihm sofort die Hand gegeben, daß er vor mir weggelaufen, kann ich nicht sagen. Meine Beine sind ganz dick und geschwollen, der Arzt schimpft mich aus, da liege ich flach. Der Balkon voller Fuchsien, wenn die erst blühen. Zu Vati geh ich früh und abend raus, hilft keiner die schweren Kannen schleppen. Eh ich wieder heim, ist dunkel, an der Gonna die Weiden, unheimlich wie zu meiner Kinderzeit.
Von Deinem Bruder auch kein Wort, angelt in Dänemark sagt seine Freundin, die letzte Nachricht von ihm wohl vor einem viertel Jahr, was denkt Ihr Euch überhaupt.
[...] Eine Frau die früh 4 bis abends 11 stramm gearbeitet hat verkommt. In ersehnter Rentenruhe den Lebensabend genießen. Davon macht Ihr Euch kein Bild, schreib und schärf das auch Deinem Bruder ein. Ich meckere nicht, aber wenn ich auf dem Schragen liege, wer kümmert sich um mich, beide einfach abhauen.
Wer fragt nach mir.
Ich nummeriere meine Briefe, aber was machst Du. Ich habe Deine ganze Reise auf der Karte verfolgt, Dein Schulatlas liegt auf dem Schreibtisch genau vor Vatis Bild, kann er auch sehen wo Du Dich rumtreibst. Einfach fabelhaft. Manchen Abend blättere ich drin rum, überall der Stempel der Oberschule, daß Du Dich nicht schämst, wenn man den Atlas bei mir findet. Die Feierlichkeiten für die Lehrer sollen schon vorbei sein, da klingle ich einfach heute Abend, steh vor der Tür. Ich habe herrliche weiße Gladiolen. Vati hab ich auch seine rausgetragen. Wieviel Jahre du mich vertröstet, wir kümmern uns gemeinsam um einen Stein, es ist bis jetzt keiner draußen. Rings alles pompös, keiner denkt, ich kann den mir nicht leisten, das ist lächerlich, man denkt, ich will ihn nicht. Vati wünschte sich einen Findling, den soll er erhalten aber woher. Ich tigere durch die Umgebung, rauf zur Schachthalde, nirgendswo ein geeigneter zu entdecken, ja wär ich früher drauf gekommen, den Friedhofsgärtner mit Intershop eingepackt, hätte der Vati einen, hinten die alte Schrift ab und die unsere neu. In Gold oder Natur. Oder einfach Schwarz. Ich habe soviele Fragen an Dich und kein Mensch ist da. Aber daß ich so völlig von der Welt abgeschnitten, wer sich das denken können. Jammern, ich kann hier nicht weg, müßte ja den Vati ausbuddeln und wo sollte ich hin, euch folgen, nein der Vati hält mich fest, das ist auch besser so.
Schreib Deinem Lehrer. Wieoft warst Du bei ihm. Kannst Du das einfach vergessen. Ich bin ja unwichtig. Die Laster donnern am Gaswerk vorbei, jeden Tag, die Lampe zittert, der Schreibtisch wackelt. Ich bin alt geworden, muß mich jedesmal festhalten. Abends stiebt der Qualm durch die Mogkstraße, rote Funken mache sofort die Fenster zu, früh sitzen trotzdem dicke, schwarze Noppen in der Gardine.
Hoffentlich erreicht Dich mein Brief und antworte sofort.
Dich lieb grüßend
Deine Mutter.
Das Feature BERLIN BEGEGNUNGEN wird im Hessischen Rundfunk ausgestrahlt.
Stadthauspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes für WITTENBURGPLATZ. Veröffentlichung des Textes in der Anthologie: Klagenfurter Texte 1982.
1983 WEZEL. Erstmals erscheint ein Schauspiel Schleefs als Buch. Ein Stück über die letzten Jahre des Sondershausener Dichters im 18. Jahrhundert, der zuletzt dem Wahnsinn verfiel.
Schleefs WEZEL ist das Drama einer Figur auf der Schattenseite der deutschen Klassik: eines Propheten, der auf taube Ohren stößt, eines wilden Tieres, das in seinem Gehege beglotzt und verhöhnt wird. Am Fuß des Kyffhäusers hält der Gescheiterte Gericht. Später verstummt er.
4. November: BERLIN EIN MEER DES FRIEDENS. Das Drama, das Schleef zehn Jahre zuvor unter dem Titel EIN KESSEL BUNTES begonnen hatte, wird im Zimmertheater des Theaters der Stadt Heidelberg uraufgeführt. Regie Sigrid Wiegenstein.
Meine fast 20jährige Beschäftigung mit diesem Theater (dem BERLINER ENSEMBLE), mit den Arbeiten Brechts und seiner Nachfolger, mündete nicht in einer Brecht-Inszenierung, sondern 1974 in meinen 1. Theatertext BERLIN EIN MEER DES FRIEDENS, der den Untergang der geteilten Stadt in einer braunen Flut beschreibt. Die Abwicklung der Nazi-Altlasten verdeckt jahrelang das Wiederstehen einer faschistischen Welt. Die Stück-Figuren ergeben sich aus dieser Flut, sie wissen, daß ein Entkommen unmöglich ist. Im Untergang setzen sie sich ein Ziel, sie wollen verantwortungsbewußt zum Humus der neuen Gesellschaft werden.
Zwei Jahre nach der Uraufführung, am 27.8.1985 wird das Stück als Hörspiel vom SFB gesendet, 1987 von der BBC in einer englischen Version in London.
Weitere Hörspiele: DIE EINLADUNG (ORF) und ABSCHLUSSFEIER (HR).
Schleefs Fotoausstellung ZUHAUSE wird in Graz gezeigt, 1984 in Wilhelmshaven.
1984 DAS LUSTIGSTE LAND. Stück von Einar Schleef. Uraufführung am 3. Februar an der Landesbühne Wilhelmshaven. Regie Georg Immelmann.
Der zweite Teil des Romans GERTRUD erscheint: Die deutsche Kritik hat ihn mit dem Dublin-Roman von Joyce und der Danziger Trilogie von Grass verglichen. Damit ist die sprachliche Spannweite und die stilistische Ebene bezeichnet, aber die Eigenart des Buches nicht eingefangen. Groß und unhandlich wie es ist. Eines der Art Naturphänomene, die nicht in die vorhandenen literarischen Schubladen passen, aber die unumgänglich sind und neue Kategorien schaffen für die Bücher, die vorher kamen und die später kommen.
Schleef tritt als Schauspieler in dem ZDF-Spielfilm ZUFALL in der Regie von Hans Peter Böffgen auf.
1985 Günther Rühle, Intendant am Schauspiel Frankfurt, engagiert Schleef als Regisseur.
In Frankfurt installierte ich mit der 1. Inszenierung meinen Formenkanon und versuchte ihn in den Folgejahren auszubauen. Es war ein großer Gewinn, eine Produktion allein zu organisieren, die divergierenden Interessen vereinigt zu haben.
DIE BANDE. Die Titelerzählung wird am Freien Theater München dramatisiert und am 27. Juli uraufgeführt. Regie George Froscher.
GEWÖHNLICHER ABEND. Hörspiel im Südwestfunk.
1986 MÜTTER. Antikenprojekt nach Euripides und Aischylos von Einar Schleef und Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Uraufführung am 23. Februar am Schauspiel Frankfurt. Inszenierung und Ausstattung Einar Schleef.
Seht, wer diese bittflehenden Mütter sind, was sie betreiben, bewirken und dabei selbst andere werden. Er führte sie vor als Trauernde, Klagende, als Hüterinnen des Todes, als erhabene, Ehrfurcht gebietende Frauen, dann aber auch als Unterwürfige, Dienerinnen, Putzfrauen, Kriegstreiberinnen und schließlich, in den grauen Kitteln von Arbeiterinnen in Munitionsfabriken, als Marschiererinnen, scharf gemachte Kolonnenmenschen. So durchgreifend bis zur Gegenwart zerstörte er den Mythos der Mutter, zerlegte er ihr Bild in viele Facetten. Er griff ein in unsere innere Bildwelt, die "die Mütter" heilig hält.
Das Stück DIE SCHAUSPIELER und die Bildbände SCHLANGEN und ARTHUR erscheinen, letzterer ein Erzählband mit 10 Originalzeichnungen Schleefs in einer auf 100 Exemplare limitierten Auflage in Berlin.
1987 VOR SONNENAUFGANG von Gerhart Hauptmann. Am 3. April am Schauspiel Frankfurt. Die Inszenierung von Einar Schleef wird im Jahr darauf zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen.
WAFFENRUHE, ein Band mit Fotos von Michael Schmidt und dem Fragment des Prosatextes ZIGARETTEN von Einar Schleef, erscheint in Berlin.
Vorbereitungen zu der Uraufführung DIE NACHT (nach Mozart) beim Festival Spoleto.
Das Rathaus Schöneberg in Berlin zeigt Schleefs Ausstellung GERTRUD - FAMILIENLEBEN IN DER PROVINZ.
Womit ich mich beschäftige, hat weder mit Heimatgefühlen noch mit Vertriebenenvorstellungen zu tun, in dieser Landschaft haben entscheidende Entwicklungen stattgefunden, die mehr oder weniger unser Gedankengut geprägt haben. Müntzer, Luther, Nietzsche, Ranke, Klopstock, Bürger, Goethes Vorfahren, Wezel, Novalis, um nur einige zu nennen, sie alle sind ohne diese Umgebung undenkbar. Meine Ausstellung versucht diese Landschaft abzubilden, in ihrem Mittelpunkt eine Frau, die die besonderen lokalen Eigenheiten verkörpert.
WITTENBERGPLATZ. Hörspiel im SFB.
KLAGE. 14 Telefonzellen, Ausstellung in Frankfurt am Main.
1988 Schleef inszeniert sein Stück DIE SCHAUSPIELER nach Motiven von Gorkis "Nachtasyl". Uraufführung am 12. März im Bockenheimer Depot am Schauspiel Frankfurt.
UNRUHE. Hörspiel im Hessischen Rundfunk.
1989 GESCHICHTE GOTTFRIEDENS VON BERLICHINGEN MIT DER EISERNEN HAND DRAMATISIERT von Goethe. Textfassung Einar Schleef und Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Premiere am 19. April im Bockenheimer Depot am Schauspiel Frankfurt. Inszenierung und Ausstattung Einar Schleef.
Alfred-Döblin-Preis für den ersten Teil des Prosatextes ZIGARETTEN, verliehen von dem Literarischen Colloquium Berlin.
1990 NEUNZEHNHUNDERTACHTZEHN ODER SKLAVENKRIEG. Textfassung Einar Schleef und Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Uraufführung nach Lion Feuchtwanger am 14. Januar im Bockenheimer Depot am Schauspiel Frankfurt. Inszenierung Einar Schleef.
FAUST von Goethe. Premiere am 30. Juni im Bockenheimer Depot am Schauspiel Frankfurt. Inszenierung und Ausstattung Einar Schleef.
Fritz-Kortner-Preis an Einar Schleef und B. K. Tragelehn für deren "Radikalität, Genauigkeit und Wahrheitsbesessenheit in der Theaterarbeit".
Mein Grund, die beiden Preisträger für die richtigen zu halten, in diesem Jahr: Ich glaube, eine Voraussetzung für lebendiges Theater ist ein gewisser Überschuß an krimineller Energie. Und Einar Schleef sind eigentlich von allen deutschen Kritikern mit zwei bis drei Ausnahmen schon die Fingerabdrücke abgenommen worden; die sind also nicht mehr zu übersehen. Ich meine, diese kriminelle Energie muß gefördert werden.
1991 Teilnahme an der Prager Quadrienale mit FAUST.
FAUST von Goethe. Inszenierung und Bühnenbild an der Hochschule der Künste Berlin.
TRÜMMER von Heine. Inszenierung und Bühnenbild am Tanztheater Bochum.
1992 23. Mai - 12. Juli: REPUBLIKFLUCHT WAFFENSTILLSTAND HEIMKEHR, Ausstellung in den Galerien der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz, am Pariser Platz und am Marx-Engels-Platz (Marstall) in Berlin.
1993 HEIMKEHR von Einar Schleef. Lesung am 26. Januar im Berliner Ensemble. Mit Schauspielern des Ensembles aus WESSIS IN WEIMAR zeigt Schleef seinen Text. Veröffentlicht in Drucksache 2, Berliner Ensemble.
10. Februar: WESSIS IN WEIMAR von Rolf Hochhuth. Uraufführung am Berliner Ensemble. Inszenierung Einar Schleef. Nach einem Probenbesuch Hochhuths kommt es zum Eklat zwischen Autor und Regisseur. Der Autor wird schließlich von der Theaterleitung dazu bewegt, die Premiere nicht zu verbieten. Im Gegenzug verpflichtet sich das Theater, an das Premierenpublikum kostenlos Hochhuths Buch abzugeben.
Im Berliner Ensemble probierte ich WESSIS IN WEIMAR. Meine Mutter tobte: Begreifst du noch immer nicht, daß deine ehemaligen Kollegen, die in der DDR verbliebenen, dich jetzt genauso verraten wie die, die aus dem Westen kommen, neu die Theaterherrschaft antreten!
Der Autor des Stücks saß im Parkett mit Verlagsvertretern, Rechtsbeiständen, Sekretärin und Anwalt und ließ in dieser Besetzung sich sein Stück vorspielen. Den von ihm verwendeten Begriff "Okkupation" sah ich im Parkett direkt vor mir sich flezen. Während ich von der Bühne mich gegen seine ungerechtfertigten Unterstellungen verteidigte, saß die gesamte Theaterleitung im 1. Rang, nahm einen Überlebenskampf zur Kenntnis.
Entschied danach, mich nicht mehr zu beschäftigen.
WESSIS IN WEIMAR wird zum Berliner Theatertreffen eingeladen.
Im März unterzeichnet Schleef einen mehrjährigen Vertrag als Regisseur mit dem Berliner Schiller Theater.
Schleef beginnt mit den Proben zu Goethes FAUST. Mehrere Monate bereitet er seine Inszenierung im Schiller Theater vor. Als das Haus im Oktober auf Beschluß des Berliner Senats geschlossen wird, gelingt es Schleef, die Proben im leerstehenden Theater fortzusetzen.
27. August: Schleefs Mutter Gertrud stirbt.
16. Oktober: Nachdem Schleef eine Premiere im Schiller Theater verweigert wird, zeigt er seine Inszenierung um Mitternacht vor dem Haus - auf den Treppen zum Schiller Theater.
1995 TOTENTROMPETEN von Einar Schleef. Uraufführung am 28. Januar am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Regie Ernst M. Binder. Mit Gretel Müller-Liebers, Lore Tappe und Ute Kämpfer. Koproduktion mit forum stadtpark theater, Graz: Österreichische Erstaufführung am 7. Februar.
Schleef erhält den Mühlheimer Dramatikerpreis und wird in der Zeitschrift "Theater heute" zum Autor des Jahres gewählt.
WEZEL. Uraufführung 7. Oktober am Theater Nordhausen. Regie: Peter Staatsmann.
1996 HERR PUNTILA UND SEIN KNECHT MATTI von Bertolt Brecht am 17. Februar am Berliner Ensemble. Inszenierung und Titelrolle Einar Schleef.
1997 DREI ALTE TANZEN TANGO (TOTENTROMPETEN 2) von Einar Schleef. Uraufführung am 22. Februar am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Inszenierung Ernst M. Binder. Koproduktion mit dem forum stadtpark theater, Graz: Österreichische Erstaufführung am 16. Juli.
Im Mai erscheint der monumentale Essay DROGE FAUST PARSIFAL und wird mit dem Bremer Literaturpreis 1998 ausgezeichnet.
Eine Einar Schleef genannte Figur sitzt in einem tiefen, gewaltigen Steinbruch, und um sie herum türmen sich die lebens- und arbeitsbestimmenden Themen wie hohe Felsen: die Gewalt und die Kraft der antiken Stücke, der Kampf zwischen Chor und Individuum, den Schleef publikumsspaltend in jeder Inszenierung austragen läßt.
Der Kampf zwischen den sogenannten Gegenwartsstücken und den antiken Formen, der Kampf zwischen Schleef und seinen Eltern, der Kampf zwischen seinen Eltern und der Ost-Ideologie, das verteufelt Ähnliche zwischen der Stasi-Sprache und der formalisierten West-Kritiker-Sprache, der Kampf zwischen Schleef und dem Feuilleton, zwischen Schleef und dem Berliner Ensemble, zwischen Schleef und Faust und Parsifal, vor allem aber und am höchsten aufgetürmt der Kampf zwischen dem Schleef-Körper und der Schleef-Sprache, die seit einem Unfall in der Kindheit anders will als der Körper und oft nur zögerlich, stockend, stotternd ans Tageslicht kommt. Von all diesen Themen ist die Figur haushoch umgeben, schützend einerseits, aber andererseits natürlich auch quälend, lähmend und immer mit dem Gefühl, gewissermaßen im falschen, gehaßten Selbst zu stecken, das erst zum wahren, geliebten Schleef-Selbst werden kann, wenn all diese Themen mit dem Sprachmeißel kleingeschlagen, in Schleefs eigener Metaphorik "schwanzwütig" niedergeschrieben sind.
SALOME nach Oscar Wilde am 21. Juni am Düsseldorfer Schauspielhaus, Inszenierung Einar Schleef. Einladung zum Theatertreffen Berlin.
1998 SPORTSTÜCK von Elfriede Jelinek. Uraufführung am 23. Januar am Burgtheater Wien. Inszenierung und Schlußmonolog Einar Schleef. Verleihung der Josef-Kainz-Medaille der Stadt Wien. 3sat-Innovationspreis. Aufführung des Jahres. Einladung zu den Mülheimer Theatertagen und zum Theatertreffen Berlin, die Fernsehübertragung am 21. Mai ist die längste live-Theaterübertragung der Fernsehgeschichte.
ZIGARETTEN erscheint in Frankfurt und wird am 26. Februar von Thomas Thieme in einer Lesung im Vestibül des Burgtheaters vorgestellt.
Das Stück LANGE NACHT erscheint. Fünf Jahre zuvor hat Schleef auf dem Stückemarkt des Theatertreffens Berlin ein Drama unter dem gleichen Titel vorgestellt.
Das Buch VOM LEICHTFUSS mit Collagen wird vom Literaturhaus Berlin herausgegeben.
1999 WILDER SOMMER von Einar Schleef nach Goldoni. Uraufführung am 2. Januar am Burgtheater Wien. Inszenierung Einar Schleef.
DER GOLEM IN BAYREUTH von Ulla Berkéwicz, Musik Lesch Schmidt. Uraufführung am 12. Mai im Akademietheater in Wien. Inszenierung Einar Schleef.
Im Sommer Poetikvorlesung DEUTSCHER MONOLOG in der Universität Frankfurt am Main. Schleef spricht über FAUST, PUNTILA und seine Tagebücher.
2000 2. März: Einar Schleef liest anläßlich Nietzsches 100. Todesjahrs aus "Ecce Homo" im Akademietheater in Wien.
Aber es war keine "Lesung". Es war die Umsetzung der luzid klaren und musikalisch-rhetorisch strukturierten Sprache durch das Orchester Einar Schleef. "Ihnen ist", sagte Schleef angesichts des großen Schlussapplauses, "diese protestantische Strenge wahrscheinlich fremd. Aber ich komme aus einer Gegend, ich höre den Predigtton des Pfarrhauses bei Lützen (Sachsen). Es ist der Ton der revolutionären Reformation Thomas Müntzers. Es ist mir leider nicht gelungen, in allem exakt zu sein." Doch.
29. Mai: VERRATENES VOLK von Einar Schleef nach Texten von Alfred Döblin ("November 1918"), Edwin E. Dwinger ("Armee hinter Stacheldraht"), John Milton ("Das verlorene Paradies"), Friedrich Nietzsche ("Ecce Homo"). Uraufführung am Deutschen Theater Berlin. Inszenierung Einar Schleef. Schleef selbst übernimmt die Rolle des Nietzsche Satan.
So tritt nun Schleef allein vor in den weißen Raum und rezitiert, stehend, mit der Rechten den Rhythmus seines Redens unterstreichend, fast eine Stunde lang, aus Nietzsches Ecce Homo. Und zwar so, als wäre das ein Text von ihm, nur gelegentlich sich unterbrechend und in den Seiten eines mitgebrachten Manuskripts blätternd. Man versteht sofort, dass Nietzsches Forderungen an das Ideal des "wahren Menschen" wie die Selbstbeschreibungen des Philosophen - "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit" - von Schleef als seine eigenen angenommen werden: Nietzsche - das bin heute ich.
Es ist nicht zu hochgegriffen, dieses Solo Schleefs als Nietzsche einen Auftritt zu nennen, wie es ihn auf einer Theaterbühne wahrscheinlich noch nie gegeben hat. Eine disziplinierte Raserei, ein Bekenntnis als ein einziger Ausbruch, der gleichwohl in sich exakt strukturiert und moduliert ist, ein Irrwitz sondersgleichen, erschreckend und hinreißend ineins, betäubend und als rhetorisches Meisterstück höchster Bewunderung wert.
14. Juni: An der Hochschule der Künste in Berlin hält Schleef seinen Vortrag STOTTERN UND SPRECHEN - NACKT UND ANGEZOGEN.
DEUTSCHE SPRACHE SCHWERE SPRACHE (TOTENTROMPETEN 3) von Einar Schleef. Premiere am 16. November am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Regie Ernst M. Binder. Koproduktion mit dem forum stadtpark theater, Graz. Dort österreichische Erstaufführung neun Tage später.
2001 Januar: Einar Schleef erkrankt. Die für den 27. Januar geplante Uraufführung von Elfriede Jelineks MACHT NICHTS: EINE KLEINE TRILOGIE DES TODES am Berliner Ensemble wird zunächst auf den Herbst verschoben.
Krankenhausaufenthalt. Seine Auftritte bei den Wiener Festwochen - BRECHT WUOLIJOKI PUNTILA SCHLEEF vom 21.-23. Mai sagt er ab. Die für den 21. Juni im Akademietheater des Burgtheaters Wien geplante Uraufführung NIETZSCHE TRILOGIE, bei der Schleef die Titelrolle spielen und Regie und Ausstattung übernehmen sollte, wird mehrfach verschoben. Als Nietzsches Schwester ist Edith Clever vorgesehen.
21. Juli: Einar Schleef stirbt in Berlin und wird in Sangerhausen beerdigt.
Verleihung des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises.
13. Oktober 2001, 24 Uhr bis zum 14. Oktober, 24 Uhr GERTRUD IST IN DER VOLKSBÜHNE 24 Stundenlesung von Einar Schleefs Roman "Gertrud" im Roten Salon der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Eröffnung der Ausstellung ZUHAUSE.
11. November: FRAGMENT SCHLEEF. Zur Erinnerung an seine letzte Arbeit zeigt das Berliner Ensemble in einer Matinee Spuren von Schleefs Inszenierung MACHT NICHTS. EINE KLEINE TRILOGIE DES TODES.
2002 NIETZSCHE TRILOGIE von Einar Schleef. Uraufführung am 24. April an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin. Regie Thomas Bischoff.
Einar Schleef kannte die Wahrheit. Seine Interpretationen von Aischylos, Goethe, Wagner und Brecht waren die einzig richtigen, die einzig möglichen. Er war ein Auserwählter, ein Prophet. Dieses für Normalmenschen schwer erträgliche Selbstverständnis des Künstlers, der einfach kraft seines besonderen Daseins immer Recht hat, verbindet ihn mit Nietzsche.
1944, hundert Jahre nach Nietzsche, in Sangerhausen, 50 Kilometer entfernt von dessen Sterbeort Weimar, geboren, finden sich auch in Schleefs Biographie zahlreiche Parallelen zu dem "gefährlichen" Denker: Beginn des Studiums 1864/1964, erstes Erscheinen in der Öffentlichkeit 1872/1972, "Schicksalsjahr" 1876/1976: Nietzsches Trennung von Wagner, Schleefs Flucht in den Westen, 1889/1989: Nietzsches Zusammenbruch in Turin, Zusammenbruch der DDR, Mauerfall. So kann man das weiter konstruieren und lediglich beim Todesjahr ist eine Abweichung zu verzeichnen, Nietzsche stirbt am 25. August 1900 in Weimar, während Schleef das neue Jahrhundert elf Monate länger überlebt. Er stirbt am 21. Juli 2001 und wird genau 101 Jahre nach Nietzsches Tod am 25. August 2001 in Sangerhausen begraben, wie Nietzsche in Röcken, neben seiner Mutter.
Schleefs letztes Lebensjahr kulminierte in einer Symbiose der beiden Jahrhundertfiguren. "Ich bin Dynamit." Seine Präsentation von Ecce Homo, dem letzten Werk Nietzsches vor dessen Zusammenbruch, zog die Summe aus dem Schaffen beider. Unter den Überschriften "Warum ich so weise bin. Warum ich so klug bin. Warum ich so gute Bücher schreibe. Warum ich ein Schicksal bin." Für Schleef war das nicht nur eine nun auch physische Aneignung Nietzsches, sondern auch eine Abrechnung mit seinem von ihm selbst als "Vorbild" bezeichneten Wahlverwandten. Denn Nietzsches Wahrheit war die Abschaffung der Wahrheit, ein sich selbst vernichtendes Denken, ein unheimlicher und gleichzeitig heiterer Sturz in "ein unendliches Nichts".
In seiner NIETZSCHE-TRILOGIE, an der er seit Anfang der achtziger Jahre bis in die frühen neunziger gearbeitet hat, entwickelt Schleef eine Perspektive, die den perspektivistischen Philosophen überbietet, indem sie ihn unterläuft. Schleefs Wahrheit liegt in den tägIichen Zwängen des gescheiterten Menschen, dem von Gott Verlassenen, der zwar den Übermenschen verkünden kann, der aber in seiner Kreatürlichkeit existentiell auf Mutter und Schwester angewiesen ist, dem täglichen kontingenten Leben genauso ausgeliefert wie alle Sterblichen. Streit um Geld und um das Erbe, eine kaputte Schreibmaschine, ein beschissener Klodeckel, die Unordnung und die Hackordnung: das sind profane Themen, die letztlich entscheidender sind für die ewig wiederkehrende Frage, wie man den Tag überstehen soll, als die gedankliche Entwicklung des Todes Gottes und seiner Substitute. Schon die Titel "Gewöhnlicher Abend" und "Messer und Gabel" verweisen
Sehr geehrter Herr Dr. Unseld
Beim Empfang zum Dramaturgentreffen stellte mich Dr. Rach Ihnen vor. Wir vereinbarten, daß ich meinen Text, an dem ich arbeite, vorlege. Ich hoffe, daß ich bis Mitte April Ihnen eine größere Leseprobe, vielleicht das fertige Manuskript schicken kann. Herrn Müller-Schwefe habe ich über Inhalt und Fortgang der Arbeit informiert und er unterstützt mich.
In drei größeren Abschnitten behandle ich das Leben meiner Mutter:
Kind und Frau (spielt in Großdeutschland)
Ehefrau und Witwe (spielt in der DDR)
Oma und Rentner (spielt in der DDR und BRD)
Im Hintergrund steht die Auflösung einer Familie, an der Deutsche Geschichte demonstriert wird, im Vordergrund eine Frau, die allein auf den Tod zugeht. An Material verwende ich: von mir beschriebene und erzählende Texte, von ihr Briefe (Auszüge, wenn nötig kommentiert), Tagebuchaufzeichnungen, Gesprächsmitschriften und Gedichte. Zunächst dachte ich daran, das unterschiedliche Material einzubetten, durchgehend nachzuerzählen. Es zeigte sich aber, daß erst durch den Materialkontrast, die wechselnde, unterschiedliche Sicht, die Personen authentisch und kritisch erscheinen. Anbei ein Überblick, der aber nur Bruchstücke der Vorgänge deutlich macht. Für Ihr Interesse dankend, mit freundlichen Grüßen
Da meine Eltern wiederholt meine Sachen untersuchten, mein Vater zerriß vieles davon, ist aus dieser Zeit wenig erhalten. [...] Manchmal schrieb meine Mutter direkt in mein Tagebuch, las sie es heimlich, was sie von einer unrichtigen Formulierung hielt, daß ich mich bei Vater und anderen Personen entschuldigen solle, da mein Verhalten strafbar sei. Diesem Terror steht eine andere Haltung meiner Mutter gegenüber, es ist nur ihr zu verdanken, daß sich meine Aufzeichnungen überhaupt erhalten haben, sie sicherte sie, ohne ihre Bedeutung für mich einzuschätzen, Mutter meinte nur, Erinnerungen an die Schulzeit seien gut, das habe mit DDR wenig zu tun, das vergesse man sein Leben nicht, daran müsse ich mich erinnern, schon um auf dem Teppich zu bleiben.

