Philipp Sarasin
Darwin und Foucault - Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie
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Erschienen: 26.01.2009
Gebunden, 455 Seiten
ISBN: 978-3-518-58522-1
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Nichts bleibt je, wie es ist von Philipp Sarasin DIE ZEIT, Nr. 3, 8. Januar 2009
Der Historiker Sarasin hat sich übernommen. Er mag zwar ein renommierter Historiker sein, aber er ist weder Evolutionsbiologe noch Philosoph. Deswegen verfügt er weder über die wissenschaftliche Kompetenz noch die akademische Autorität, um Darwins zweites Hauptwerk Die Abstammung des Menschen philosophisch zu interpretieren. Aber selbst wenn er über diese Kompetenz und Autorität verfügen würden, blieben seine Interpretationen unglaubwürdig und seine Konsequenzen falsch.
Die angebliche Konsequenz eines radikalen Historismus, demzufolge es in der Natur angeblich weder etwas Bleibendes gibt, also auch keine Naturgesetze und Naturkonstanten, noch etwas Wesentliches, als auch keine wesentlichen Artmerkmale von Lebewesen, klingt eher nach Michel Foucault als nach Charles Darwin. Seine These, dass das skeptizistische und atheistische Denken angeblich demjenigen von Darwin ähnlich gewesen sein soll, ist aus zwei Gründen falsch: (1.) Darwin war anders als Foucault kein Skeptizist, denn er glaubte, dass es zumindest in den Naturwissenschaften gut begründete objektive Wahrheiten geben kann. (2.) Darwin war anders als Foucault kein Atheist, denn er kannte durchaus noch den Konflikt zwischen seinen evolutionstheoretischen Hypothesen und dem Schöpfungsmythos der jüdischen Thora und der christlichen Bibel. Anders als die jüdische und christliche Theologie des 20. Jahrhunderts hat er jedoch noch nicht verstanden, dass der biblische Schöpfungsmythos zwar eine schöne Geschichte, aber gar keine Alternative zu seiner wissenschaftlichen Theorie darstellt. Deswegen können sie auch nicht in einen Konflikt zwischen Theorien geraten kann, wie sowohl religiöse Fundamentalisten als auch biologische Szientisten meinen.
Man muss nicht gleich das ganze Werk von Darwin lesen, um zu erkennen, dass dessen biologische Theoriebildung über die Entstehung der Arten und die Abstammung des Menschen ziemlich wenig mit Foucaults Skeptizismus und Historismus zu tun hat. Es genügt schon, Darwins "Zusammenfassung und Schluss" zu lesen. Bei der Lektüre kann jeder Laie schnell erkennen, dass Darwin selbstverständlich der Auffassung war, dass es bleibende Naturgesetze und Naturkonstanten gibt, und dass auch die Biologie und Evolutionslehre nicht ganz auf den Begriff des Wesentlichen verzichten kann. Denn ersten kommen Löwen andere phänotypische und genotypische Wesensmerkmale als Tigern zu, obwohl sich beide Arten im Laufe der Evolution entwickelt haben. Zweitens musste Darwin gerade in seiner Theoriebildung ständig zwischen wesentlichen und zufälligen Merkmalen unterscheiden. Außerdem besitzen drittens auch neue Lebewesen, die z.B. aus künstlichen Kreuzungen zwischen Löwen und Tigern entstehen, bestimmte Wesensmerkmale. Sie sind nämlich wesentlich Säugetiere mit den Merkmalen der dazugehörigen Fortpflanzungsweise und sie sind immer noch wesentlich Lebewesen mit den Merkmalen der Selbstbewegung, etc.
Schließlich hat Darwin in seinem Werk über die evolutionäre Abstammung des Menschen auch auf den wesentlichen Differenzen zwischen Menschen und allen anderen irdischen Lebewesen, d.h. Pflanzen und Tieren bestanden. Trotz aller auch schon von ihm zurecht festgestellten Ähnlichkeiten zwischen manchen Affen und Menschen hinsichtlich von Körperbau, embryonaler Entwicklung, Organen, Fortpflanzung, Werkzeuggebrauch und Gehirn, besteht er ausdrücklich auf bestimmten wesentlichen Differenzen zwischen Affen und Menschen. Ausführlich erklärt er diese Differenzen zwischen den geistigen Fähigkeiten des Menschen und der Tiere und verortet sie ganz zutreffend in der Fähigkeit des Menschen zu Abstraktion, allgemeinen Ideen, Selbstbewusstsein, Sprache, Schönheitssinn, Gottesglaube und Religion sowie in der verschiedenen Art von Geselligkeit und sozialen Tugenden.
Übrigens war Ernst Mayr, der große Evolutionsbiologe und Wissenschaftstheoretiker der Biologie des 20. Jahrhunderts, der Auffassung, dass das, was Philosophen wie Aristoteles und Kant über die Sonderstellung des Menschen in der Natur und die Würde des Menschen schon vor Darwin behauptet haben, auch nach Darwin und bis heute immer noch gültig ist. Es gibt also auch in der seit Darwin geschichtlich verstandenen Natur immer noch manches Bleibende, was vom Vergänglichen und Veränderlichen, und manches Wesentliche, was vom Unwesentlichen und Zufälligen zu unterscheiden ist.
Dr. Ulrich Diehl, Philosophisches Seminar der Universität Halle-Wittenberg
Der Historiker Sarasin hat sich übernommen. Er mag zwar ein renommierter Historiker sein, aber er ist weder Evolutionsbiologe noch Philosoph. Deswegen verfügt er weder über die wissenschaftliche Kompetenz noch die akademische Autorität, um Darwins zweites Hauptwerk Die Abstammung des Menschen philosophisch zu interpretieren. Aber selbst wenn er über diese Kompetenz und Autorität verfügen würden, blieben seine Interpretationen unglaubwürdig und seine Konsequenzen falsch.
Die angebliche Konsequenz eines radikalen Historismus, demzufolge es in der Natur angeblich weder etwas Bleibendes gibt, also auch keine Naturgesetze und Naturkonstanten, noch etwas Wesentliches, als auch keine wesentlichen Artmerkmale von Lebewesen, klingt eher nach Michel Foucault als nach Charles Darwin. Seine These, dass das skeptizistische und atheistische Denken angeblich demjenigen von Darwin ähnlich gewesen sein soll, ist aus zwei Gründen falsch: (1.) Darwin war anders als Foucault kein Skeptizist, denn er glaubte, dass es zumindest in den Naturwissenschaften gut begründete objektive Wahrheiten geben kann. (2.) Darwin war anders als Foucault kein Atheist, denn er kannte durchaus noch den Konflikt zwischen seinen evolutionstheoretischen Hypothesen und dem Schöpfungsmythos der jüdischen Thora und der christlichen Bibel. Anders als die jüdische und christliche Theologie des 20. Jahrhunderts hat er jedoch noch nicht verstanden, dass der biblische Schöpfungsmythos zwar eine schöne Geschichte, aber gar keine Alternative zu seiner wissenschaftlichen Theorie darstellt. Deswegen können sie auch nicht in einen Konflikt zwischen Theorien geraten kann, wie sowohl religiöse Fundamentalisten als auch biologische Szientisten meinen.
Man muss nicht gleich das ganze Werk von Darwin lesen, um zu erkennen, dass dessen biologische Theoriebildung über die Entstehung der Arten und die Abstammung des Menschen ziemlich wenig mit Foucaults Skeptizismus und Historismus zu tun hat. Es genügt schon, Darwins "Zusammenfassung und Schluss" zu lesen. Bei der Lektüre kann jeder Laie schnell erkennen, dass Darwin selbstverständlich der Auffassung war, dass es bleibende Naturgesetze und Naturkonstanten gibt, und dass auch die Biologie und Evolutionslehre nicht ganz auf den Begriff des Wesentlichen verzichten kann. Denn ersten kommen Löwen andere phänotypische und genotypische Wesensmerkmale als Tigern zu, obwohl sich beide Arten im Laufe der Evolution entwickelt haben. Zweitens musste Darwin gerade in seiner Theoriebildung ständig zwischen wesentlichen und zufälligen Merkmalen unterscheiden. Außerdem besitzen drittens auch neue Lebewesen, die z.B. aus künstlichen Kreuzungen zwischen Löwen und Tigern entstehen, bestimmte Wesensmerkmale. Sie sind nämlich wesentlich Säugetiere mit den Merkmalen der dazugehörigen Fortpflanzungsweise und sie sind immer noch wesentlich Lebewesen mit den Merkmalen der Selbstbewegung, etc.
Schließlich hat Darwin in seinem Werk über die evolutionäre Abstammung des Menschen auch auf den wesentlichen Differenzen zwischen Menschen und allen anderen irdischen Lebewesen, d.h. Pflanzen und Tieren bestanden. Trotz aller auch schon von ihm zurecht festgestellten Ähnlichkeiten zwischen manchen Affen und Menschen hinsichtlich von Körperbau, embryonaler Entwicklung, Organen, Fortpflanzung, Werkzeuggebrauch und Gehirn, besteht er ausdrücklich auf bestimmten wesentlichen Differenzen zwischen Affen und Menschen. Ausführlich erklärt er diese Differenzen zwischen den geistigen Fähigkeiten des Menschen und der Tiere und verortet sie ganz zutreffend in der Fähigkeit des Menschen zu Abstraktion, allgemeinen Ideen, Selbstbewusstsein, Sprache, Schönheitssinn, Gottesglaube und Religion sowie in der verschiedenen Art von Geselligkeit und sozialen Tugenden.
Übrigens war Ernst Mayr, der große Evolutionsbiologe und Wissenschaftstheoretiker der Biologie des 20. Jahrhunderts, der Auffassung, dass das, was Philosophen wie Aristoteles und Kant über die Sonderstellung des Menschen in der Natur und die Würde des Menschen schon vor Darwin behauptet haben, auch nach Darwin und bis heute immer noch gültig ist. Es gibt also auch in der seit Darwin geschichtlich verstandenen Natur immer noch manches Bleibende, was vom Vergänglichen und Veränderlichen, und manches Wesentliche, was vom Unwesentlichen und Zufälligen zu unterscheiden ist.
Dr. Ulrich Diehl, Philosophisches Seminar der Universität Halle-Wittenberg
Dr. Ulrich Diehl, 05.05.2009



