Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang - Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang
D: 39,90 €
A: 41,10 €
CH: 53,90 sFr
Erschienen: 15.11.2010
Gebunden, 859 Seiten
ISBN: 978-3-458-71026-4
»Der verkannte Koran«, Angelika Neuwirth spricht in »Lettre International« mit Adalbert Reif
Reif: Worauf beruht die „Eigengesetzlichkeit“ des Korans als „mündlicher Schrift“?
Neuwirth:…Die Mündlichkeit des Korans mag aus unserem Erwartungshorizont fremd erscheinen; ihre positive Wertung ist aber nicht abwegig. Auch im Judentum hat sich die jeweils ›zeitgemäße‹ Neudeutung der biblischen Texte bewährt. In einer Zeit, als das Hebräische nicht mehr als bekannt vorausgesetzt werden konnte, wurde in sogenannten Targumim eine ›theologische Übersetzung‹ – eine Wiedergabe der biblischen Texte im Licht ihrer inzwischen erreichten Deutung – unternommen; es entstand eine ›Neuschreibung‹ der biblischen Texte, die auch im Gottesdienst zur Verlesung kam. Die schubweise Mitteilung von koranischen Texten an die Gemeinde ist damit vergleichbar: Auch im Fall des Korans wurden bekannte Mitteilungen im Licht einer neu erreichten Weltsicht neu formuliert und mit neuen Fragen in Verbindung gebracht. Die am Koran so oft beanstandeten Wiederholungen ähnlicher Erzählungen und Argumentationen haben hier ihren Ursprung: Sie stellen jeweils neue Reflexionen eines Gegenstands im Licht veränderter Einsichten dar.
Reif: Spielt die Mündlichkeit des Korans heute eine Rolle?
Neuwirth: Der Koran blieb vorwiegend mündlich. In einem islamischen Gottesdienst fehlt das im ostkirchlichen oder jüdischen Kontext in den Mittelpunkt gestellte Buch vollständig. Die Rezitation des Korans erfolgt auswendig. Auch der Beter in der Moschee hat – anders als der in der Synagoge – kein Buch in der Hand. Das Buch spielt nur im Lehrbetrieb eine Rolle, wo es um die rechtlichen und dogmatischen Implikationen des Textes geht. Im Kultus begegnet der Koran nur als gesprochenes Wort.
© »Lettre International« Heft 93
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