Robert Pfaller
Die Illusionen der anderen - Über das Lustprinzip in der Kultur

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Erschienen: 26.08.2002
edition suhrkamp 2279, Taschenbuch, 325 Seiten
ISBN: 978-3-518-12279-2
Auch als eBook erhältlich

Inhalt

Unter den diversen Einbildungen gibt es zunächst jenen vertrauten Typ, den manche Leute stolz als ihre Überzeugung für sich reklamieren - etwa wenn sie sagen, daß sie an ein Leben nach dem Tod, an die Vernunft der Menschen oder an die Selbstregulierung der Märkte glauben. Daneben aber existiert noch ein zweiter, selten beachteter und viel weniger greifbarer Typ: nämlich jene Einbildungen, die oft anderen Leuten (zum Beispiel den Vorfahren, den Kindern, oder "Wilden", Naiven etc.) zugeschrieben werden, zu denen aber niemals irgendjemand sich selbst bekennt, indem er etwa sagt: "Ich glaube an den Weihnachtsmann, und dazu stehe ich". Da solche Einbildungen sozusagen ohne Eigentümer auskommen müssen und ihre Präsenz immer nur dann zeigen, wenn sie anderen Leuten unterstellt werden, erscheinen sie als "Illusionen der anderen".
         Diese prinzipiell nur den anderen unterstellten Einbildungen werden in dieser Studie als das allgemeine Lustprinzip in der Kultur kenntlich gemacht: Sie sind in der Kunst, in der Alltagskultur, in sämtlichen Spielen, im Sport, in der Erotik sowie in therapeutischen Glückstechniken am Werk. Überall dort, wo große (mitunter exzessive) Mengen an Lust entstehen, hat man es mit solchen "anonymen" Illusionen zu tun. Durch eine Analyse ihrer Faszinationskraft wird in der Folge erklärt, weshalb diese Einbildungen regelmäßig eine so extreme, zwingende Macht gerade auf jene Leute ausüben, die nicht an sie glauben.
         Schließlich wird jene Tendenz in der Kultur untersucht, die bewirkt, daß die Einbildungen ohne Eigentümer ...

Inhalt

Unter den diversen Einbildungen gibt es zunächst jenen vertrauten Typ, den manche Leute stolz als ihre Überzeugung für sich reklamieren - etwa wenn sie sagen, daß sie an ein Leben nach dem Tod, an die Vernunft der Menschen oder an die Selbstregulierung der Märkte glauben. Daneben aber existiert noch ein zweiter, selten beachteter und viel weniger greifbarer Typ: nämlich jene Einbildungen, die oft anderen Leuten (zum Beispiel den Vorfahren, den Kindern, oder "Wilden", Naiven etc.) zugeschrieben werden, zu denen aber niemals irgendjemand sich selbst bekennt, indem er etwa sagt: "Ich glaube an den Weihnachtsmann, und dazu stehe ich". Da solche Einbildungen sozusagen ohne Eigentümer auskommen müssen und ihre Präsenz immer nur dann zeigen, wenn sie anderen Leuten unterstellt werden, erscheinen sie als "Illusionen der anderen".
         Diese prinzipiell nur den anderen unterstellten Einbildungen werden in dieser Studie als das allgemeine Lustprinzip in der Kultur kenntlich gemacht: Sie sind in der Kunst, in der Alltagskultur, in sämtlichen Spielen, im Sport, in der Erotik sowie in therapeutischen Glückstechniken am Werk. Überall dort, wo große (mitunter exzessive) Mengen an Lust entstehen, hat man es mit solchen "anonymen" Illusionen zu tun. Durch eine Analyse ihrer Faszinationskraft wird in der Folge erklärt, weshalb diese Einbildungen regelmäßig eine so extreme, zwingende Macht gerade auf jene Leute ausüben, die nicht an sie glauben.
         Schließlich wird jene Tendenz in der Kultur untersucht, die bewirkt, daß die Einbildungen ohne Eigentümer zunehmend von den bekenntnishaften Überzeugungen überlagert und verdeckt werden: Einbildungen, zu denen man sich bekennen kann, treten in den Vordergrund; die Einbildungen ohne Eigentümer dagegen werden mehr und mehr verkannt (darum bemerken die Zivilisierten z. B. nicht, daß sie zaubern). Da nun die Einbildungen ohne Eigentümer das Lustprinzip in der Kultur darstellen, bedeutet deren Verkennung zugleich eine Verkennung der eigenen Lust. Die Überlagerung der lustbringenden Einbildungen durch Bekenntnisse führt somit zu Unbehagen in der Kultur sowie zu Lustfeindlichkeit und Lustunfähigkeit (wie sie derzeit an der US-amerikanischen Kultur exemplarisch beobachtet werden kann) - zu einem Einbruch asketischer Ideale in die Kulturen. Dieser hat fatale politische Folgen: Wer die Fähigkeit verloren hat, seine Lust als lustvoll zu erleben, wird im politischen Leben die eigene Misere begehren und sie - nach dem Prinzip der "trübsinnigen Leidenschaften" - sogar wie einen kostbaren Schatz noch gegen jeden Befreiungsversuch verteidigen. Darum empören sich asketisch gestimmte Bevölkerungen immer nur nach unten - gegen Schwächere, von denen sie fürchten, beraubt zu werden -, anstatt nach oben, d. h. gegen jene starken Kräfte, welche tatsächlich die weltweite Verelendung, gegenwärtig mit wachsendem Tempo, herbeiführen.
         Die Studie zeigt demgegenüber, daß Kulturen denkbar sind, in denen die Einbildungen ohne Eigentümer ohne jede Überlagerung das alleinige Prinzip des gesellschaftlichen Imaginären bilden. Dies bedeutet nicht weniger, als daß es Kulturen ohne Unbehagen und Gesellschaften ohne trübsinnige Leidenschaften geben kann.
         Für dieses Buch wird Robert Pfaller mit dem Preis für Psychoanalyse des Psychologischen Seminars Zürich ausgezeichnet. Die Preisverleihung findet am 1. Dezember in Zürich statt. Weitere Informationen auf der Homepage des Seminars.

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