Rashid al-Daif, Joachim Helfer
Die Verschwulung der Welt - Rede gegen Rede. Beirut – Berlin

Aus dem Arabischen von Günther Orth. Mit einem Nachwort von Joachim Sartorius
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CH: 14,90 sFr

Erschienen: 17.10.2006
edition suhrkamp 2477, Taschenbuch, 199 Seiten
ISBN: 978-3-518-12477-2

Inhalt

Zwei Männer auf einem Diwan: Das Austauschprogramm »West-östlicher Diwan« bringt Schriftsteller aus Deutschland und der arabischen Welt paarweise zusammen, um durch ihr Kennenlernen dem vielbeschworenen ›Kampf der Kulturen‹ entgegenzuwirken. Joachim Helfer und Rashid al-Daif haben die Aufforderung zum Gespräch ernstgenommen. So entstand ein verblüffendes Buch: Der libanesische Autor schreibt ein Protokoll, dessen Gegenstand sein deutscher Kollege ist – und zwar als Privatperson. Er kommentiert dessen gleichgeschlechtliche Lebensweise, beschreibt Ansichten zu Sexualität, Liebe und Moral, die ihm fremd sind. Der deutsche Autor reagiert darauf mit radikaler Offenheit, schildert die Begegnung aus seiner Sicht und zeigt am Text des libanesischen Kollegen dessen eigene, zwischen Tradition und Moderne hin und her gerissenen Vorstellungen von Männer- und Frauenrollen auf. Am Ende macht der auf beiden Seiten mit dem Mut zur Selbstentblößung geführte Dialog erschreckend deutlich, wie sehr im Verhältnis zwischen Orient und Okzident das Private das Politische ist.

»Ich glaube wirklich an Freiheit. Und Freiheit kann ja nur Ritenlosigkeit heißen. Ich habe es einmal die ›Verschwulung‹ der Welt genannt: in einer paradiesisch-feuchten unschuldigen Weise alle diese rituellen Schranken aufzuheben.« Hubert Fichte

Hier finden Sie einen Text (PDF) von Rashid al-Daif, ohne die im Buch eingefügten Erwiderungen von Joachim Helfer.
 

Kommentare

Rashid al-Daif / Joachim Helfer
>Die Verschwulung der Welt. Rede gegen Rede. Beirut – Berlin<
edition suhrkamp
199 Seiten, 10 €

Als Goethe seinen >West-östlichen Diwan< komponierte, dessen Ghaselen sich an den sinnlich-übersinnlichen Vorgaben des arabischen Dichter Hafez orientierten und zwischen dessen Buchdeckel er unkenntlich die Verse einer von ihm verschwiegenen und geliebten Frau aufnahm, konnte er nicht wissen, dass im Jahr 2003 unter diesem Titel der Austausch eines libanesischen und deutschen Dichters stattfinden würde. Zumindest hat er während seiner Zugfahrt von Beirut nach Berlin nicht nachweislich darüber nachgedacht.
Ein weiteres Zitat findet sich im Titel des kleinen roten Bandes aus der edition suhrkamp. Es stammt von Hubert Fichte, der Scheitern literarisch variierte wie kaum ein anderer. Es wurde zum Titel eines interkulturellen Diskurses zweier Schriftsteller aus Ost und West: Rashid al-Daif aus Beirut trifft Joachim Helfer aus Berlin und umgekehrt. Der Titel des Buches ist wohl als Wunsch des Fichte-Kenners Helfer zu verstehen, das sich dahinter verbergende Freiheitsverlangen – eine Welt, in der die Menschen zärtlicher miteinander umgehen und ihre Unterschiedlichkeit zu respektieren – hier betont weltumspannend umgesetzt zu sehen. Soll der reißerische Titel nun aber auf ein Scheitern dieser Begegnung verweisen oder wird hiermit Fichtes Wunsch einer Utopie, alle Menschen in empfindsamere und zärtlichere Wesen zu wandeln, aufgegriffen? Kaum ein Leser wird sich diese Frage stellen können, wenn er den Ursprung des Zitates nicht kennt.
Liest man den Text von Rashid al-Daif mit den Kommentaren von Joachim Helfer, scheint trotz aller anfänglich betonten und gerade darin aufgesetzt wirkenden Freundschafts- und Toleranzbekundungen des ausgewiesenen literarischen Freundes das Scheitern zu überwiegen. Nicht nur fürchtet sich al-Daif anfangs vor sexuellen Übergriffen des Kollegen, denn er ist sich sicher, dass die über seinen Körper reichlich verteilte männliche Behaarung, anziehend auf den schwulen Deutschen wirken muss, er versucht auch, Begegnungen des Kollegen mit Gleichgesinnten zu verhindern und stellt ihn stets als einen homosexuellen Schriftsteller aus Deutschland vor. Am Schluss ist er dann so begeistert über die vermeintlich eingetretene Heilung – eine gewiss nur durch seinen Einfluss mögliche Bekehrung –, dass er diese gebührend zu würdigen weiß.
Zunächst fragt man sich nach solch einem Text aus Rede und Gegenrede, was sie bringt an neuen Erkenntnissen, außer einer Bestätigung aller westlichen Vorurteilen über die islamische Welt mit ihren Machos und ihrer Doppelmoral, festgeschrieben durch die Bestrafung von explizit homosexuell lebenden Männern einerseits und die vor der Ehe zweifellos stattfinden zwischenmännlichen so ganz und gar nicht unsensuellen Befriedigungsbegegnungen tolerierenden Gesellschaft andererseits, somit den Fingerzeig auf die vertraute Horde stumpfsinniger Grobiane und blindwütiger Fanatiker?
Mit einer solchen Lesart und darinliegend unserem westlichen Hang zu einer Wahrhaftigkeit – die Kommentare Helfers spiegeln es deutlich wider –, gehen wir einem islamisch geprägten Autor, so ist zumindest ist zu hoffen (denn die für diese Lesart entscheidenden ironische Brechungen sind kaum auszumachen), ganz gehörig auf den Leim. Rashid al-Daif kennt seine Kultur, er kennt die Literaturgeschichte seines Landes und weiß genau, wes Geistes Kind seine Pappenheimer sind. Er weiß um die Ängste und Vorurteile seiner Landsleute und ganz sicher auch um jene seines eigenen inneren Schweinehundes, und er kann sich sicher sein, das mit Verständnis allein nichts, aber auch gar nichts zu wollen ist, das ein Umdenken in Sachen Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft bewirken könnte. Daher erwähnt er solche für uns banal scheinenden Beobachtungen nach dem Besuch der Berliner Wohnung von Helfer und seinem Lebensgefährten: Ein alleinig von Männern geführter Haushalt kann durchaus sauber und geschmackvoll eingerichtet sein. Er reagiert hier nicht anders als jeder westliche Vorurteilsträger.
Al-Daif übertreibt, er überhöht abschließend die Erlebnisse zu einem Höhepunkt wie für eine vorabendliche Soap Opera, deren Quintessenz allen ehemaligen Bravo-Lesern bekannt vorkommen mag. In der jahreszeitlich festgeschriebenen Doktoren-Ecke lasen sich bis vor wenigen Jahren unter Überschriften wie: »Ich masturbiere gern mit meinem Mitschüler, bin ich jetzt schwul?« die Ratgeberworte: Keine Panik, dies ist eine pubertäre Phase, die wieder vergeht. Du probierst Dich nur aus usw. Quintessenz: Alles wird schon wieder >gut< werden, Du gehörst >nicht< dazu! Welchen Rat die Onkel und Tanten Doktoren heute geben, mag man selbst anfragen, der Online-Ratgeber verzichtet auf derlei Fragen und Antworten auf seiner aktuellen Homepage.
Derlei zelebriert al-Daif in epischer Breite, feiert die Bekehrung des schwulen Kollegen zur vermeintlichen Heterosexualität schlussendlich, wie Helfer zurechtrückt, in einer von der Realität weit entfernten Hochzeitsfeierlichkeit, denn ganz unerwartet hat der Homosexuelle die richtige Frau fürs Leben gefunden und mit ihr, durch die Mehrfachversuche schon fast demonstrativ, ein Kind gezeugt. Alle Männlichkeit ist wiederhergestellt, der materielle Akt der göttlichen Vorsehung ist eingetreten, eine abseitige Lebensphase scheint überwunden. Was einer weniger aufgeschlossenen Gesellschaft hiermit gewiss durch ein zwar grobschlächtiges aber Erfolg versprechendes Hintertürchen vermittelt werden soll: Regt euch nicht auf, wenn euer Kind homosexuell ist, es ist nur eine Lebensphase, die vorbeigeht; wenn die richtige Frau kommt, wird sich alles (auf)richten. Und Rashid al-Daif wird nicht naiv genug sein, das wirklich zu glauben. Oder doch? Er kennt hoffentlich genug Beispiele von Männern und vielleicht auch Frauen, die sich anders entschieden haben oder sich nie so entscheiden werden und damit wäre möglicherweise der erste Schritt zu einem unverkrampfteren und toleranteren Umgang mit Homosexualität getan. In diesem Zusammenhang könnte ein anderes Zitat von Hubert Fichte ein mögliches Ziel dieses Textes von Rashid al-Daif auf den Punkt bringen, nämlich dessen Verweis auf den Impuls, »in Grazie das Mörderische zu verwandeln«, mithin auf auf die gesellschaftlichen Verhältnisse abgestimmten literarischen Versuch, die menschenverachtende, in diesem Fall nicht selten tödliche Homophobie in einer konservativ geprägten Gesellschaft zu überwinden.
Helfers Gegenrede unterbricht den Fluss des Textes von Rashid al-Daif. Man mag sich daran stören, wie die Figur des Daniel, Helfers jugendlicher Liebhaber und Freund, der die Einschübe im Text zurecht beklagt. Denn sie zerstören diesen sich immer mehr in die Fiktion hineinsteigernden Fluss des Erzählens, und dabei erscheinen die Zurechtrückungen Helfers z. T. wie der erhobene Zeigefinger oder als von Minderwertigkeitskomplexen gefärbte Rechtfertigungen, auch wenn er beides oft zu unterdrücken weiß. Dass sich durch diesen nur scheinbaren Dialog dem aufmerksamen Leser auch und vor allem Einblicke in unsere eigene kulturelle und geistige Welt erschließen bzw. dass Helfer dadurch unseren übertriebenen Hang zur Wahrhaftigkeit als ein ohnehin nur scheinbares Objektivitätsstreben festschreibt, ist sicherlich bewusste Nabelschau.
Dabei vermeidet Helfer ein arrogantes Herabblicken, hält die Waage, versucht zu verstehen, warum der Andere so und nicht anders reagiert, um zu entdecken, was und warum er etwas verschweigt und ist dabei klug genug, zu wissen, dass auch er in dieser Begegnung Fehleinschätzungen unterliegt. Ja, man mag zuerst nicht glauben, dass die anfänglichen Diskrepanzen zweier so ungleicher Männer, die trotz der eingangs übertrieben betont wirkenden Freundschaft, sich schließlich tatsächlich aufzulösen scheinen, denn das Gespräch, der hinter dem Buchtext verborgene wochenlange Dialog, präsentiert zwei unterschiedliche Denkungsarten, um sie einander anzunähern. Hoffen wir, dass dem wirklich so ist und dass sich das hinter dem Fichte-Wort aufblitzende Scheitern nicht bewahrheitet, denn wie viel schöner wäre unsere Welt, wenn derlei Begegnungen häufiger, vielfältiger und in dieser Weise auch für die Leserschaft in Ost und West erhellend stattfänden.

>Mario Fuhse<
mario fuhse, 19.01.2007

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