Hg.: Oliver Lepsius, Reinhart Meyer-Kalkus
Inszenierung als Beruf - Der Fall Guttenberg

Herausgegeben von Oliver Lepsius und Reinhart Meyer-Kalkus edition suhrkamp Sonderdruck
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CH: 14,90 sFr

Erschienen: 22.08.2011
Broschur, 215 Seiten
ISBN: 978-3-518-06208-1
Auch als eBook erhältlich

Inhalt

Als »das langsame Bohren harter Bretter« definiert Max Weber den Beruf des Politikers. »Langsam« impliziert, dass es sich hier um Prozesse handelt, die eine gute Weile dauern. Die Karriere Karl-Theodor zu Guttenbergs hingegen verlief kometenhaft: Im Oktober 2008 betrat er die bundespolitische Bühne, im Februar 2009 wurde er Wirtschafts-, im Oktober 2009 Verteidigungsminister. Manchem Beobachter wurde es dabei schwindelig. Wie er die Kluft zwischen Bewunderung und Bilanz auf Dauer werde schließen können, fragte noch im Januar 2011 Die Zeit. Die Antwort: durch »Inszenierung und Imagebildung«. Tatsächlich setzte sich kaum ein Politiker derart virtuos ins Bild: in Sinatra-Pose auf dem Times Square, im Kampfanzug in Afghanistan.
Welche Sehnsüchte sprach zu Guttenberg an? Warum reüssierte ausgerechnet dieser Mann in der Politik, der sich selbst als Anti-Politiker bezeichnete? Wie verändert das Internet die Dramaturgie politischer Skandale? Die Antworten der Autorinnen und Autoren werfen über den Einzelfall hinaus ein Licht auf die Mechanismen postdemokratischer Politik. Mit Beiträgen von Tilman Allert, Peter von Becker, Heinrich Detering, Hanne Detel, Sebastian Diziol, Petra Gehring, Luca Giuliani, Oliver Lepsius, Nils Minkmar, Reinhart Meyer-Kalkus, Johannes von Müller, Bernhard Pörksen, Uwe Pörksen, Gustav Seibt und Thomas Steinfeld.

Kommentare

Ich hatte das Buch zugegebenermaßen eine Weile im Schrank stehen und habe es jetzt erst gelesen. Wie mit dem Skalpell wird darin die öffentliche Person zu Guttenberg und ihre Auftritte seziert. Indirekt bekommt der geneigte Leser damit das Rezept, wie man im konservativen Politikmilieu schnell zum Star aufsteigen kann. Die Zutaten, die offensichtlich zum Erfolg führen sind: adlige Herkunft, würdiges unaufgeregtes Auftreten, ein gewisser Glamour-Faktor und die verbale und non-verbale Betonung von gerade den Werten, die an den Stammtischen der politischen Kaste traditionell in Abrede gestellt werden (Anstand, Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit, Würde ...).

Wie in dem Buch sehr anschaulich dargestellt wird, kommt es ihm dabei auf die tagespolitischen Inhalte und Zusammenhänge nicht so sehr an. Jede Gelegenheit zur Betonung eben jener Werte wird genutzt. Zuschauern und Zuhörern vermittelt er beständig: Ich stehe für das, was EUCH (liebe Mehrheit der deutschen konservativen Wählerschaft) wichtig ist, nämlich für eben jene Werte. Dafür wurde er geliebt. Wenn man ihn allerdings an seinem konkreten politischen Handeln (z.B. Gorch Fock-Affaire, Kundus-Affaire, Vorbereitung der Bundeswehr-Reform) misst, wird man bestenfalls nicht mehr als durchschnittliche Ergebnisse wahrnehmen. Insofern sollte die Person KTG in keinem Lehrbuch über Blendertum fehlen.

Dieses Buch ist somit allen zu empfehlen, die sich vor solchem Blendertum schützen möchten. Denn nicht immer kommt eine abgeschriebene Dissertation zu Hilfe.
Sven Kratz, 16.07.2012

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