Zum 90. Geburtstag von Jorge Semprún

 

Jorge Semprún 1939
Jorge Semprún, im Alter von 16 Jahren

 »Er setzt Lichter, wo wir nur Dunkel vermutet hätten.«
Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung


Am 10. Dezember 2013 wäre der spanische Schriftsteller Jorge Semprún 90 Jahre alt geworden. Das Leben des Autors, 1923 in Madrid geboren, 1939 nach Paris übersiedelt (nach dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg), ist geprägt durch die Opposition von Leben oder Schreiben. 1945 hatten die Amerikaner das Konzentrationslager Buchenwald-Weimar befreit und damit dem Häftling 44 904 die Freiheit und das Leben eröffnet.

Die ersten Versuche, sich mit seiner Zeit als Lagerinsasse literarisch zu verarbeiten, scheiterten. Deshalb entschied er sich gegen das Schreiben und für das Leben, was für ihn bedeutete: im spanischen Untergrund für die kommunistische Partei zu arbeiten.

 

»Im Herbst 1945, mit 22 Jahren, fing ich an, jene Lebenserfahrung literarisch zu verarbeiten: jene Erinnerung an den Tod. Aber es war mir unmöglich. Man verstehe mich: Es war nicht unmöglich zu schreiben - es wäre unmöglich gewesen, das Schreiben zu überleben. … Ich mußte zwischen Schreiben und Leben wählen und entschied mich für das Leben. Aber indem ich mich dafür entschied, mußte ich das Lebensprojekt, Schriftsteller zu werden, aufgeben - ein Vorhaben, das mich sozusagen seit der Kindheit begleitet und mein eigentliches Selbst ausgemacht hatte. Ich mußte mich dafür entscheiden, ein anderer zu sein, nicht ich selbst zu sein, damit ich irgend jemand, irgend etwas sein könne. Denn es war natürlich unvorstellbar, daß ich überhaupt etwas schreiben könnte, nachdem ich den Versuch aufgegeben hatte, literarisch über die Erfahrung in Buchenwald Rechenschaft abzulegen ... Wenn das Schreiben mich in der grauenhaften Erinnerung an die Vergangenheit festhielt, so projizierte mich die politische Tätigkeit in die Zukunft. Das zumindest glaubte ich, bis die Zukunft, die die kommunistische Politik zu gestalten vorgab, ihren unheilvollen Charakter enthüllte: Das war nur eine Illusion der Zukunft.«  (Rede zur Verleihung des Friedenspreises, 1994)

Jorge Semprún Registrierung Buchenwald
Karteikarte Jorge Semprún, KZ Buchenwald

 

Als er in der Partei eine dogmatische Härte feststellte, wandte er sich von der Politik ab: davon berichtet Federico Sánchez verabschiedet sich (1994). Diese Abwendung bedeutete eine Hinwendung zum Schreiben: über das Konzentrationslager, über dessen Insassen, über seine Erlebnisse in Buchenwald-Weimar. So entstanden Die große Reise (1981), Was für ein schöner Sonntag (1994) und Der Tote mit meinem Namen (2002). In dem Buch Schreiben oder Leben (1997) hat er diese Opposition in all ihren Dimensionen reflektiert.

»… je mehr ich schreibe, desto deutlicher kommt mir die Erinnerung zurück. Nach dem jeweils letzten Buch habe ich noch mehr zu sagen als vor dem ersten. Als ob das Vergessen so vollständig gewesen wäre, daß es der Arbeit des Schreibens, der bewußten Erforschung der Vergangenheit bedurft hätte. Bilder, Erinnerungen, Gesichter, Anekdoten, ja selbst Empfindungen kehren zurück. Daher meine Theorie, daß es ein unerschöpfliches Schreiben ist, zugleich möglich und unerschöpflich. Man kann etwas sagen, wird aber nie alles gesagt haben. Man kann jedes Mal mehr sagen.«  (Aus: Jorge Semprún, Elie Wiesel: Schweigen ist unmöglich)

 

 Jorge Semprún, Buchenwald, 1992
Jorge Semprún, Buchenwald, 1992

Als Jorge Semprún im Jahre 1994 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, reflektierte er sein Verhältnis zu Deutschland: von diesem Land verlangte er eine politische soziale und literarische Auseinandersetzung mit den beiden Totalitarismen von Faschismus und Kommunismus und benannte als zentralen Gedenkplatz dafür Buchenwald, »besser gesagt, das Binom Weimar-Buchenwald, ist der historische Platz, der diese doppelte Aufgabe am besten symbolisiert: die der Trauerarbeit, um der Vergangenheit kritisch Herr zu werden; die der Ausarbeitung von Grundsätzen für eine europäische Zukunft, damit die Irrtümer der Vergangenheit vermieden werden können.«

 

2003 ehrt das Goethe-Institut Inter Nationes Jorge Semprún mit der Goethe-Medaille in Würdigung seines unermüdlichen Engagements für Verständigung und Versöhnung in Europa und sein Bekenntnis zu einer europäischen Identität.

In der Nacht zum 8. Juni 2011 stirbt Jorge Semprún  im Alter von 87 Jahren in Paris.


»Schlägt sein Herz nicht mehr?
Nein, ich sag dir’s doch.
Wie ist denn das gekommen?
Wie gewöhnlich.
Was soll das heißen?
Das heißt, dass er lebendig war und gleich darauf war er tot.«
(Aus aus Jorge Semprún: Die große Reise)

Jorge Semprún
© Jerry Bauer

 

 

Die Bilder 1-3 stammen aus dem Buch Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert von Franziska Augstein (Verlag C. H. Beck).