Constantin Lieb über Wildboden

Beitrag zu Constantin Lieb über <i>Wildboden</i>
Constantin Liebs Debütroman erzählt von der außergewöhnlichen Beziehung zwischen Erna Schilling und dem Maler Ernst Ludwig Kirchner. Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwebend, zeigt Wildboden, wie aus schmerzhaftem Verlust beeindruckende menschliche Stärke erwachsen kann – und welche befreiende Kraft in einem selbstbestimmten Leben liegt. In unserem Interview spricht Constantin Lieb über die Entstehung des Romans, seine Faszination für Erna Schilling und gibt Einblicke in seinen Schreibprozess.

Der Roman

Wildboden
eBook 21,99 €

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1936, Frauenkirch, inmitten der Schweizer Alpen, unweit von Davos: Umgeben von majestätischen Bergen und wortkargen Bauern führen Erna Schilling und Ernst Ludwig Kirchner ein Leben in enger Verbundenheit. Dass die politische Situation in Deutschland immer dunklere Schatten wirft und ihre Existenz auf dem Wildboden zu zerstören droht, wird vor allem für Erna zur fast unerträglichen Zerreißprobe. Trotz aller Anstrengungen, sich gegen die äußere Gefahr sowie die inneren Dämonen und die Morphiumsucht ihres Partners zu stemmen, kann sie die Tragödie nicht verhindern: Als sie mit Kirchner den Menschen, dem sie sich bedingungslos verbunden fühlt, endgültig verliert, muss sie ihr Leben radikal überdenken und selbstbestimmt um die eigene Zuversicht und Zukunft kämpfen.

»Ich freue mich sehr auf Wildboden von Constantin Lieb! Endlich wird die wilde Liebesgeschichte von Ernst Ludwig Kirchner und Erna Schilling neu erzählt.«

Florian Illies


Constantin Lieb, Wildboden spielt größtenteils in den 1930er Jahren in den Schweizer Alpen, im unmittelbaren Umkreis des Malers Ernst Ludwig Kirchner. Erna Schilling war die Frau, die lange im Schatten ihres berühmten Mannes stand. Was genau hat Sie an ihr fasziniert?
Erna Schilling hat über 25 Jahre mit Ernst Ludwig Kirchner gelebt, gearbeitet und ihn vor allem in den letzten Jahren seines Lebens in seinen dunklen psychischen Episoden umsorgt und gepflegt. Die Perspektive jener Frau, die beim bisherigen Blick auf Kirchners Kunst und Leben eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, wollte ich näher betrachten. Im Gegensatz zu Ernst Ludwig Kirchner, der 1880 in ein wohlhabendes Elternhaus geboren wurde, wuchs Erna Schilling im Berliner Prenzlauer Berg auf, damals ein extrem dicht besiedeltes Arbeiterviertel mit äußerst prekären Lebensverhältnissen. Der frühe Verlust der Mutter ließ sie schon während der Kindheit Verantwortung gegenüber ihren beiden Geschwistern übernehmen. Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Gerda lernte sie dann auch 1911/12 Ernst Ludwig Kirchner kennen und ging mit ihm eine Beziehung ein, die bis zu seinem Suizid im Jahr 1938 hielt. Darin lebte sie ein völlig anderes Leben, geprägt von äußerer Stille, aber innerlich mit unvorstellbaren Höhen und Tiefen. Kirchner zog sie als immer wieder beschworene »Lebenskameradin« mit in seine Welt und das Werk. Sie kümmerte sich aber auch aufopferungsvoll um ihn, folgte ihm in die Einsamkeit der Schweizer Berge, in die Nähe von Davos-Frauenkirch, wo sie große Probleme hatte, sich als Stadtmensch wirklich heimisch zu fühlen. Sie litt selbst unter depressiven Episoden, musste aber vor allem für Kirchner unterstützend da sein, dessen psychische Verfassung vor allem in den letzten Jahren extreme Züge annahm. Diese Position der Angehörigen eines labilen, extremen Charakters hat mich sehr berührt und interessiert. Zugleich war es mir wichtig, diese so bedeutende Position sichtbar zu machen und Erna Schilling als eigenen Persönlichkeit auszuleuchten, sie – und sei es in der Fiktion – aus dem Schatten ihres Mannes treten zu lassen, sie als letztlich selbstermächtige Person zu zeigen.

Wie sind Sie eigentlich auf den Stoff gestoßen?
In den vergangenen Jahren habe ich mich immer wieder mit sehr verschiedenen Künstler:innenbiografien auseinandergesetzt. Gerade in der Bildenden Kunst faszinieren mich die Lebenswirklichkeiten hinter Werk und Kanon, die Zusammenhänge und Entstehungsgeschichten, die zum Mythos einer Künstlerpersona führen, aber auch die menschlichen und gesellschaftlichen Dynamiken, die dabei eine Rolle spielen. Ein Freund, der Filmproduzent Felix von Boehm, hatte mich schließlich auf Ernst Ludwig Kirchner angesprochen. Ich arbeitete zu dieser Zeit an einem anderen Roman, hatte mich dort aber ein wenig verrannt. Als ich dann begann, mich in Kirchners Biografie und seine Kunsttheorie einzulesen, wuchs meine Faszination immer mehr. Vor allem kristallisierte sich heraus, dass ich gar nicht so sehr an dem Kirchner Interesse habe, der im öffentlichen Bewusstsein bereits präsent war – Kirchner als Mitbegründer der Künstlergruppe »Brücke«, die Reisen nach Fehmarn, seine berühmten Dresdener und Berliner Straßenszenen – sondern vor allem an seiner Zeit in der Schweiz, den letzten Jahre seines Lebens und seiner Partnerin Erna Schilling.

Sie arbeiten auch als Drehbuchautor und kennen das Erzählen in Bildern, in Szenen, in Dialog. Wie hat das Ihr Schreiben als Romanautor geprägt?
Ehrlich gesagt unterscheide ich für mich gar nicht so sehr zwischen dem Schreiben fürs Kino und dem prosaischen Schreiben, es sind für mich unterschiedliche Formen des Erzählens. Ich verstehe mich in dieser Hinsicht ganz einfach als Erzähler. Die in Deutschland immer wieder vorgenommene Hierarchie der unterschiedlichen Erzählformen halte ich für unnötig und einengend. Das ist sicher nicht der übliche Fall, aber ich persönlich betrachte und verfasse auch meine Drehbücher mit einem literarischen Blick. Ich liebe es, in Bildern und Szenen zu schreiben, Dialog auch in seiner Musikalität zu denken, manchmal zugespitzt, manchmal lose kreisend. Natürlich gibt es aber auch Unterschiede oder Synergieeffekte: Im Roman ist mir der Rhythmus der Kapitelabfolge etwa sehr wichtig, das kann eine Folge der Drehbucharbeit sein. Vor allem aber ist es das Handwerk des Erzählens, das mich interessiert. Und als Drehbuchautor ist man hier natürlich ständig gefordert, auch was Umschreiben, Neuschreiben, Verdichten und geduldiges Reagieren auf Feedback angeht. Was ich bei der Arbeit an dem Roman auf jeden Fall gelernt habe: ein Ende finden. Bei der Drehbucharbeit kann man lange Zeit immer weiter anpassen, je nachdem in welcher Phase der Filmproduktion man sich gerade befindet und letzten Endes übergibt man an die Regie und nimmt als Autor für die weiteren Phasen der Produktion eher eine Art Beratungsfunktion ein. Beim Roman tat es unwahrscheinlich gut, irgendwann selbst zu sagen: »Gut, das ist es jetzt und es bleibt meine Vision«. Besonders schön aber ist, dass ich bei Wildboden beides umsetzen konnte, also auch eine Filmversion entwickeln durfte, die sich bereits in Finanzierung befindet, und noch einmal einen eigenständigen dramaturgischen Aufbau und Fokus hat. Da ich mich in beiden Genres wohlfühle und arbeite, wollte ich das unbedingt selbst probieren.

Kirchners Morphiumsucht ist ein zentrales Element des Romans. Wie geht man mit dem Scheitern einer realen Figur um – zwischen historischer Verantwortung und literarischer Freiheit?
Ich denke, in dieser Hinsicht liegt die Verantwortung darin, die innere Zerrissenheit der Figur ernsthaft und glaubhaft darzustellen. Im Gegensatz zu einem Sachbuch besitzt der Roman aber natürlich die Freiheit der Fiktion, also die Möglichkeit zu erweitern, zu pointieren, literarisch zu spekulieren. Diese Vorgänge habe ich versucht auf gründlichen Recherchen aufzubauen und dabei gewissenhaft vorzugehen, ohne dabei jedoch die Lust des Erzählens dem Druck der akkuraten Historizität zu unterwerfen. Dennoch sollte man sich ganz klar vor Augen halten, dass der Roman eine fiktive Geschichte erzählt.

Foto vom Wilbodenhaus

Foto vom Wilbodenhaus

Im Roman stehen Gegenwarts- und Vergangenheitsebene in engem Austausch. Welche Bedeutung kommt der Gegenwartsebene in diesem Zusammenspiel zu?
Das war für mich eine sehr frühe, wichtige Entscheidung, die ich im Verlauf des Schreib- und Lektoratsprozesses auch immer verteidigt habe: Der Blick aus der Gegenwart auf die Vergangenheit, das langsame Annähern an die Geschichte und – an einigen entscheidenden Stellen – das Interagieren der Zeitebenen. Diese erzählerische Bewegung ist für mich auch eine Art Legitimierung über die Vergangenheit zu schreiben. Das Geschehene ist nicht abgeschlossen, sondern wirkt ins Heute hinein. Und gleichzeitig ist es dadurch mein subjektiver Blick, der gar nicht den Anspruch darauf erhebt, zu sagen: »Genau so ist es gewesen«. Es ermöglicht mir die besagte Freiheit der literarischen Spekulation und eröffnet plötzlich auch ganz neue Fragen nach einer sich stets verändernden Gegenwart, die das Vergangene und das zukünftig Mögliche in sich trägt.

Sie sind in die Schweiz gereist, nach Frauenkirch und zum Wildbodenhaus selbst. Wie haben Sie diesen Ort erlebt und was hat Sie dort besonders beschäftigt?
Recherchereisen sind für mich extrem wichtige Ausgangspunkte, um mich einem Thema oder einer Figur zu nähern. Zu erleben, welche Geräusche und Gerüche an einem Ort existieren, welche Blicke und alltäglichen Routen und Hindernisse. All das hilft mir, zu verstehen und zu imaginieren, was Figuren möglicherweise gefühlt, gedacht oder erlebt haben. Ich hatte das große Glück, durch die Großzügigkeit der heutigen Besitzer auch im Wildbodenhaus sein zu dürfen, in den Räumen, in denen Ernst Ludwig Kirchner und Erna Schilling zuletzt gelebt haben. Dort befinden sich sogar noch einige Ölfarbflecken auf den Holzdielen, was natürlich eine ungeheuer schöne Begegnung mit der Vergangenheit ist. Besonders beschäftigt hat mich vor Ort aber die Vehemenz der Natur. Die Berge, die ich als bedrückend und durchaus auch bedrohend wahrgenommen habe, ebenso das unaufhaltsame Plätschern des Sertigbachs, das man überall hört, sowie das stete Knarren der Dielen. Erna hat das in ihren Briefen auch beschrieben und diese Selbsterfahrung half mir ungemein, ihr näher zu kommen.

Gibt es Bücher oder Kunstwerke, die Sie beim Schreiben von Wildboden besonders begleitet haben – und die Sie Ihren Leser:innen ans Herz legen möchten?
Julio Cortázars Der Verfolger ist ein Roman, der mich in den letzten Jahren begleitet hat und zu dem es lose thematische Parallelen gibt. Djuna Barnes' Nachtgewächs wiederum ist eines jener Bücher, die mich ausdauernd faszinieren und an dem ich mich ungebrochen erfreuen kann. Ohnehin sollte jeder Djuna Barnes lesen. Zudem waren es die Publikationen von Kunsthistoriker:innen zum Werk von Kirchner, die ich allen Interessierten sehr empfehlen kann. Hans Delfs etwa hat Großartiges geleistet, in dem er den Briefwechsel Kirchners editorisch aufgearbeitet und publiziert hat. Ebenso die Kirchnerbücher von Lucius Grisebach und natürlich Eberhard Kornfeld, ohne den unser Verständnis von Kirchner ganz sicher ein anderes wäre. Ein besonderes Highlight ist auch die allererste Kirchner-Monographie von Eberhard Grisebach aus dem Jahr 1917. Darüber hinaus gibt es leidenschaftliche Kirchnerexpert:innen und Institutionen, durch deren Arbeit man wertvolle Einblicke in Kirchners Werk bekommen kann, beispielsweise das tolle Brücke Museum in Berlin, das hervorragende Kirchner Museum in Davos oder auch das Kirchner Archiv der Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach/Bern. Letzten Endes aber seien vor allem Kirchners vielseitige Werke selbst empfohlen, die in so gut wie allen wichtigen Museen auf dieser Welt vertreten sind.

Foto vom Wilbodenhaus

Foto vom Wilbodenhaus

Constantin Lieb studierte Philosophie und Deutsche Literatur sowie Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin. Er arbeitet als Autor und Dramaturg, war u. a. Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles und ist Mitglied der Deutschen sowie Europäischen Filmakademie. Für seine Arbeit an der TV-Serie Eden wurde er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Für die von Dominik Graf inszenierte Erich Kästner-Adaption Fabian oder Der Gang vor die Hunde wurde Constantin Lieb als Drehbuchautor für den Deutschen Filmpreis nominiert. Wildboden ist sein erster Roman.
Constantin Lieb studierte Philosophie und Deutsche Literatur sowie Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin. Er arbeitet als Autor und Dramaturg,...

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Zuletzt aktualisiert am 24.07.2026