
Zur Entstehung von Heike Geißlers Roman Michaela Kohlhaas
Letztendlich bin ich meiner Figur gefolgt. Michaela Kohlhaas hat den Takt vorgegeben. Ich habe ehrlich gesagt nicht den Eindruck, viele Entscheidungen getroffen zu haben. Ich musste ihr nachgeben, das war die Hauptaufgabe, die komplizierteste Entscheidung. Den Regeln der Figur zu folgen fiel mir anfangs sehr schwer. Sie war widerborstig und stand quer zu meinem Konzept. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit am Buch war es also, loszulassen, mich auf die Abweichung von Kleists Text einzulassen und mich von der Figur mal tragen, mal in doppelter Hinsicht mitreißen zu lassen. Dabei war ich alle Zeit in Kleists Textlandschaft. Ich hatte und habe den Text verinnerlicht. Es ist ein sonderbarer Zustand: Ich könnte schwören, ich kenne Kleists Michael Kohlhaas auswendig und zugleich kommt es mir vor, als hätte ich ihn nie gelesen. Ähnlich ist es mit der Arbeitszeit: Ich habe jahrelang an diesem Buch gearbeitet, in der Zwischenzeit auch andere Bücher geschrieben, aber die finale Fassung, die sich letztendlich deutlich von allem vorherigen Text unterschied, entstand in drei, vier Monaten.

Anders als Kleists Kohlhaas reagiert Michaela Kohlhaas nicht auf ein konkretes Ereignis. Auch das war ein Umstand, den ich zuerst schwer zulassen konnte. Ich habe viele Seiten geschrieben, Seiten voller Ereignisse, die die Figur auf- und ausbrechen lassen, die sie zu einer sich rächenden, wütenden Zerstörerin machen. Aber irgendwann war mir klar, so ist diese Figur nicht. Sie hat, wie die meisten Menschen, Unrecht erfahren. Ich weiß mehr über ihre Vergangenheit, als ich im Buch erzähle. Ich legitimiere ihren Ausbruch nicht mit konkret erfahrenem Unrecht, Michaela Kohlhaas entwischt der Welt und stellt sich ihr in den Weg, weil diese zutiefst ungerecht eingerichtet ist und, den Regeln des Kapitalismus folgend, Ungerechtigkeiten in jedweder Hinsicht belohnt. Sie könnte sich an Details des Unrechts abarbeiten, aber sie hat, in ihrem tiefsten Inneren, das ungerechte Ganze im Blick.
Was unterscheidet Michaela Kohlhaas von Kleists Michael Kohlhaas – und was haben beide gemeinsam?
Beide sind entschlossene und radikale Figuren, die ihre Handlungen genau begründen können, das beispielsweise eint sie. Michaela Kohlhaas ist eine Frau, bedauerlicherweise erzeugt das noch immer Unterschiede in Fragen der gerechten Behandlung oder der Sicherheit. Anders als er hat sie zudem keine Kinder. Ich brachte es letztendlich nicht übers Herz, sie ihre Familie aufgeben zu lassen, was Kleists Kohlhaas ja getan hat, wenngleich er auch als sehr fürsorglicher Vater geschildert wird. Sie, die kein Heer hat, keine gewaltigen Waffen, ist eine einzelne, partiell müde auftretende Kriegerin, die nicht als Gefahr betrachtet wird. Sie ist dabei eine subtilere Gefahr als Kleists Kohlhaas. Ich würde sagen, sie ist seine konsequente Weiterentwicklung. Auf jeden Fall ist sie seine Verbündete. Wie er mag sie die große Geste und hat ein weiches, liebendes Herz.


Sie erfährt hauptsächlich Ablehnung. Ich kann das der Gesellschaft nicht unbedingt vorwerfen. Unsere Gegenwart ist so gebaut, dass es naheliegend ist, das, was stört und die, die unsere gewohnten Abläufe stören, die uns das Leben schwerer machen, meiden oder ausgrenzen zu wollen. Der Hass, die Wut und die Abscheu, die die Kohlhaas treffen, sind ein struktureller Fehler, sie sind quasi versehentlich gegen sie gerichtet, sind aber eigentlich ein Hass auf die zerstörerische Einrichtung der Welt, auf diese Wirtschaftsordnung, die alle gegen alle stellt.
Gibt es (weitere) Literaturklassiker, die Sie Ihren Leser:innen besonders ans Herz legen möchten?
Kürzlich bekam ich den Heinrich-Böll-Preis verliehen und habe im Vorfeld nochmals Böll gelesen. Ich war erstaunt, wie aktuell und stark beispielsweise sein Buch Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann ist. Und ich wurde daran erinnert, wie hilfreich es ist, sich aufzuraffen und manche angebliche Nachrichten-Plattform zu verurteilen, zu hassen, zu meiden und nicht länger mit dieser Mischung aus Empörung und Neugier zu begutachten und mit den immergleichen Worten und Gefühlen zu kritisieren. Weniger bekannt ist Denn sie wissen was sie tun von Ernst Ottwald. Das ist ein 1931 veröffentlichter Justizroman, der darüber erzählt, wie der Nationalsozialismus die Rechtssprechung korrumpierte, pervertierte. Der Titel sagt eine Menge, und es kann natürlich davon ausgegangen werden, dass dies auch jetzt der Fall ist: Mitläufer:innen und Verantwortliche wissen häufiger als sie es jetzt oder später glauben machen wollen, sehr genau, was sie tun. Oder was sie nicht tun. Beides sind keine wirklichen Klassiker, da kann ich aktuell nur mit Shakespeare dienen, dessen Stücke ich derzeit immer mal wieder anschaue oder höre. Aber tatsächlich hat mich der Kohlhaas-Stoff noch nicht verlassen. Ich schreibe Michaela Kohlhaas gerade als Theaterstück, und es ist toll, noch mehr Zeit mit dieser energischen Figur zu verbringen. Sie will auf die Bühne und sagen, wofür im Buch noch kein Platz oder kein Platz mehr war.


DAS BUCH

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»Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder.« So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem Unrecht blutige Vergeltung übt. Sein Rachefeldzug ist noch zweihundert Jahre später Vorbild und Handlungsanweisung für Michaela Kohlhaas, eine stellvertretende Friedhofsverwalterin. Befeuert von erfahrener Willkür und Ohnmacht, wird sie zur Aufsässigen. Doch wo Michael Kohlhaas mordet und brandschatzt, agiert sie vorrangig mit Worten: mit Zuspitzung, Übertreibung, Sabotage und Show. Einer vermeintlichen Hexe gleich, zieht sie fluchend und Verwünschungen aussprechend durchs Land. Und muss feststellen: Es ist von Nachteil, eine Frau zu sein. Es ist von Nachteil, sich zu wehren. Doch selbst wenn alle Welt sie für wahnsinnig erklärt – sie geht »mit wehenden Fahnen« ihrem Ende entgegen, auf ein gutes Ende hoffend, und doch ahnend: Ein solches Ende wird es vielleicht nicht geben.
Heike Geißlers Michaela Kohlhaas ist eine Schimpfende, eine Stinkende, eine Zärtliche. Eine große Liebende, die nicht bloß Verbesserung will – sie verlangt Wiedergutmachung und Sühne. Und eine gänzlich andere Einrichtung der Welt.
VERANSTALTUNGEN
Heike Geißler
Lesung aus Michaela KohlhaasModeration: Marie Schoeß
Veranstalter: Literaturhaus Berlin
Heike Geißler
Lesung aus Michaela KohlhaasGespräch mit Heide Lutosch und Alexander Solloch
Moderation: Katharina Teutsch
Veranstalter: Literarisches Colloquium Berlin
KLEISTS »MICHAEL KOHLHAAS«
Bis heute hat Kleists berühmteste Erzählung über den Kampf eines betrogenen und wutentbrannten Mannes gegen korrupte Rechtsverdreher und Staatsklüngel nichts an Aktualität eingebüßt.







