Nachruf auf den Theaterautor Mehdi Moradpour von seiner Lektorin Ruth Feindel

Nachricht
18.10.2026
Beitrag zu Nachruf auf den Theaterautor Mehdi Moradpour von seiner Lektorin Ruth Feindel
GOODBYE GIGANTEN oder DIE VERHANDLUNG DER TRÄUME
Nachruf auf den Theaterautor Mehdi Moradpour von seiner Lektorin Ruth Feindel

»Ich muss hier beginnen, damit Sie das Ganze besser verstehen können«, sagt Terra zu der Richterin Mira, in der Gerichtsverhandlung, die über ihren Aufenthaltsstatus und damit über ihre Zukunft bestimmen wird. Denn Terra beantwortet nicht einfach die Frage der Richterin, sondern erzählt stattdessen von einem Initiationsmoment.
Dieser Moment taucht als erzählte Szene bei Mehdi Moradpour immer wieder auf, leicht variiert, in drei seiner insgesamt acht Theaterstücke. Für mich als seine Lektorin ist sie eine Art Urszene seines Schreibens, ein Urknall seines motivischen Erzählens in Bildern. Aus ihr leitet sich eine dramaturgische Bewegungsenergie ab, die sich dann in unterschiedlichste Erzählrichtungen ausbreitet. Die Szene geht in etwa so:

Urknallszene seines Erzählens

Die Blicke zweier sehr junger Menschen treffen zufällig aufeinander, inmitten einer religiösen Prozession oder inmitten einer Demonstration, das variiert, atmosphärisch aufgeladen durch die dichte Präsenz anderer Körper, durch Trommelschläge, sie bewegen sich aufeinander zu, ein Zusammenprall, ein Blutstropfen im Mundwinkel, sie setzen ihren Weg gemeinsam fort, schlagen sich in die Büsche, einmal küssen sie sich, einmal nicht, und werden von motorradfahrenden Milizen aufgespürt, gewaltsam auseinandergerissen und niedergeprügelt.

Die Szene taucht in ein körper für jetzt und heute (UA 2018, Schauspielhaus Wien) auf zwischen Elija und Mela, Cousin und Cousine, die politische Verbündete werden und zusammen nach Europa aufbrechen. Aber auch bereits 2016 in türme des schweigens (noch nicht uraufgeführt), für das Mehdi Moradpour den Exil-Dramatiker:innenpreis der Wiener Wortstätten bekommen hat. Da finden Sepi und Sperber in einer Variante dieses Ereignisses zueinander, gehen zusammen in den kommunistischen Widerstand, überleben Folter, bekommen zwei Töchter und geben ihr Trauma transgenerationell weiter. Und eben in Die Verhandlung der Träume, seinem letzten Theaterstück, das das Schauspielhaus Wien in der Regie von Marie Bues im Herbst 2025 zur Uraufführung gebracht hat, was ein Glücksfall für Stück und Autor war. Darin sagt Terra ergänzend:
»Hätte ich nicht erlebt, wie es ist, sich als Teenagerin gegen diese zwanzigjährigen Jungs zu wehren, die für die Miliz arbeiten, wäre ich jemand anderes geworden. … und ganz wichtig: Hätte ich diese magischen Knallgeräusche am Ende unserer kleinen persönlichen Schlacht nicht gehört, wäre alles anders gekommen … Ich habe mich danach so lebendig gefühlt, wie nie zuvor.«

Es handelt sich um einen doppelten, körperlich-sinnlichen Initiationsmoment, einen der intimen Nähe und zugleich der politischen Gewalt. Die Richterin wollte eigentlich nur kurz und faktisch hören, warum Terra aus Afghanistan geflüchtet ist. Mehdi Moradpour lässt Terra und weitere Figuren in der Verhandlung systematisch aus- und abschweifen, sie werden von Backflashs heimgesucht, die in ihrem Körpergedächtnis eingelagert sind – nicht in faktisch abrufbarem Wissen. Ihr mäanderndes, sinnliches, unökonomisches Erzählen, sprengt den Rahmen der Verhandlung, Miras juristisches Verwaltungsdeutsch wird von der hereinbrechenden Erzählgewalt der Vergangenheit platt gemacht, die Situation entgleitet ihr zusehends, sie selbst wird immer defokussierter.
Eine interessante Rolle nimmt in dieser Dynamik der Dolmetscher Caliban ein, neben Mira die zweite Hauptfigur des Stücks. Er erweist sich formal gesehen als überflüssig, da die Klägerin Terra Deutsch perfekt beherrscht und nicht übersetzt werden muss. Aber die Richterin besteht auf seine Präsenz, sie braucht ihn mental, für ihre eigene innere Sicherheit.

Ein Dolmetscher für die innere Sicherheit

Mehdi Moradpour hat selbst viele Jahre als Gerichtsdolmetscher für Farsi, Dari und Spanisch gearbeitet, häufig war sein Auftraggeber das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die herausfordernde Rolle des Dolmetschers, der zum sprachlichen Medium wird für Menschen in einer existenziellen Situation, die über Duldung oder Abschiebung, in der Konsequenz dessen oftmals über Leben oder Tod entscheidet, war ihm vertraut und suspekt zugleich. Der Dolmetscher als Figur und die Gerichtsverhandlung als szenische Grundsituation, tauchen nicht nur in seinem letzten Stück auf, sondern auch in seinem allerersten, in reines land, das 2014 mit dem Christian-Dietrich-Grabbe-Preis ausgezeichnet wurde, aber bis heute nicht uraufgeführt ist. Hier ist er noch eine Nebenfigur und kann seiner Aufgabe ebenfalls nicht nachkommen, weil die Antragstellerin selbst Deutsch spricht. Er wird als ergänzendes Lexikon benutzt und als ein Assistent der zwischenmenschlich herausfordernden Grundsituation. Die Richterin führt zwei Gespräche parallel: eines mit der Antragstellerin Tara und dem Dolmetscher und ein weiteres mit ihrem Diktiergerät, zur protokollarischen Dokumentation. Es kommt zu einem absurden Verwirrspiel der Perspektiven, zu einem Sprechen mit und über zugleich.

Dem Dolmetscher Mehdi Moradpour war aus eigener Erfahrung heraus klar, dass diese institutionalisierte öffentliche oder halböffentliche Kommunikationssituation, in der intime, sensible, kulturell und sprachlich codierte Lebenserfahrungen auf einen bürokratisch hochgerüsteten Justizapparat treffen, mit einem unzugänglichen Verwaltungsdeutsch, per se zum Scheitern verurteilt ist. Selbst wenn alle Beteiligten sich um Verständigung bemühen, bleibt diese immer nur ein Modus der Annäherung. Das hat Moradpour auch sehr anschaulich herausgearbeitet in seinem Essay Ihr Schritt auf meine Augen (https://www.logbuch-suhrkamp.de/mehdi-moradpour/ihr-schritt-auf-meine-augen/). Bei der Verhandlung der Träume verweist bereits der Titel selbst auf dieses unauflösbare Spannungsfeld. Als Dramatiker öffnet er die Grundsituation ins Ausufernde, ins Absurde, und nutzt Sprache als assoziativen und emotionalen Erinnerungsspeicher. Am Ende des Stücks wenden sich die Richterin Mira und der Dolmetscher Caliban von ihren Berufen ab und öffnen sich füreinander.

Die Gegenwart der Vergangenheit

Es ist auch Caliban, der einen Satz sagt, der für Moradpours Schreiben insgesamt als ein Schlüsselsatz verstanden werden kann: »Ich lebe in einer Gegenwart, in der die Vergangenheit nicht vergeht«. Es ist zum einen die politische Last der Vergangenheit, das Zwischen-die-Lager-Geraten-Sein, die Erfahrung von Folter, Verlust und Flucht, der seine Figuren nicht entkommen, von der sie eingeholt werden wie ein Riss in der Zeit, der sich allzeit auftuen kann, wie bei Tara in reines land, bei den Eltern und Töchtern in türme des schweigens, bei Terra und Caliban in der Verhandlung der Träume. Es ist zum anderen das feinnervige Bewusstsein für die Gleichzeitigkeiten von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem in den Menschen selbst, in ihren Körpern, ihrem Empfinden, ihren Wahrnehmungen, ihren Erinnerungen, Träumen, Sehnsüchten, die Mehdi Moradpour in seinem Schreiben in ein und derselben Situation zusammenbringt, aufleuchten lässt, wie ein synaptisches und synästhetisches Feuerwerk der Simultanität.

Auch seine eigene, biografische Vergangenheit ist nie vergangen, sondern hat sich auf faszinierende Weise in sein Schreiben, in seine Sprache transportiert. Er ist 1979 als Sohn aserbaidschanischer Eltern in Teheran zur Welt gekommen und dort aufgewachsen. Im Nordiran hat er mit 19 Jahren Physik und Industrietechnik studiert, v.a. um dem Militärdienst zu entgehen. 1998/99, als die großen Studierendenproteste stattfanden, entschloss er sich zur Flucht aus dem Iran. Dass er dabei final in Deutschland gelandet ist, war Zufall. Moradpour hat ab 2004 Hispanistik, Informatik, Soziologie und dann Amerikanistik und Arabistik in Leipzig und Havanna studiert und angefangen als Übersetzer für Persisch (Farsi & Dari) und Spanisch zu arbeiten.
Dass Deutsch – das er erst mit Anfang zwanzig lernt – schließlich zu seiner Schreibsprache wurde, ist wiederum ein Glücksfall für das Deutsche. Moradpour hat die deutsche Sprache erweitert, großräumiger, großzügiger gemacht, eine unvorhersehbare Bildlichkeit in sie eingeladen, ihre metaphorischen Einzugsgebiete erweitert, in die Einflusszone altpersischer Lyrik geholt, wie er selbst einmal bemerkt hat. Die eingangs beschriebene »Bewegungsenergie« hat er in nahezu allen seinen Stücken in die raum-zeitliche Fortbewegung seiner Figuren gebracht: Es ist immer ein sich aufeinander-zu-Bewegen aus denkbar unterschiedlichen Richtungen und landschaftlichen wie sozialen Umgebungen, wie etwa bei Elija in ein körper ohne ort, der sich vom Land in einem Kleinbus dem Häusermeer der Metropole nähert. Gleichzeitig bricht seine Cousine Mela im SUV auf, durch die weitläufigen, leeren Räume der Privilegierten auf dem Weg ins selbe urbane Häusermeer. Dabei lädt Moradpour in einer rauschhaften Sprachbildkaskade mit weit geöffneten Wahrnehmungsfiltern alles ein, was Elija streift:
»schreitet am kadaver der tradition vorbei, an ideologischen trümmern, watet durch einen schlammigen feldweg … sieht neugierige köpfe von geteerten dachterrassen herabblicken … hört das krächzen der sich in die tiefe stürzenden dohlen, erreicht die bushaltestelle oder was davon übrig ist, steigt ein in den roten kleinbus, überwindet silberne sanddünen, bringt die ödnis eines schlächterladens hinter sich, fühlt ziellose windstöße in sein gesicht blasen, richtet den blick auf den kadaver einer robbe, und auf das von ihrem körper tropfende öl, in seinem rücken schreien die möwen.«

Arbeit im Sprachprachtgarten

Mit Mehdi an Theatertexten arbeiten bedeutete immer, im üppigen Sprachprachtgarten nach den Handlungsspuren zu suchen, die seine Figuren hinterließen, diese freizulegen wie überwucherte Trittsteine. Sein erstes uraufgeführtes Stück mumien. ein heimspiel (2016 am Theater Konstanz, Preis des 3. Autorenwettbewerbs der Theater Konstanz und St. Gallen) hat ein ausgeklügeltes Handlungsgefüge, das sich eng um die Figuren legt, alle dringlich miteinander verknüpft, in diesem »heim für asyl und soziales«, das zum Schauplatz wird für sexuelle und psychische Gewalt in asymmetrischen Machtverhältnissen zwischen dem Heimleiter, dort arbeitenden Frauen und mehreren jungen, männlichen Heimbewohnern. Auch reines land und die türme des schweigens arbeiten noch mit einem starken, konsequent konstruierten Handlungsrahmen. Für seine schreibtechnischen Fähigkeiten war sicherlich der Lehrgang Forum Text (Drama Forum) von uniT in Graz von 2014-2016 prägend, in der Folge dann der künstlerische Austausch im Rahmen des NIDS (Neues Institut für Dramatisches Schreiben) ein wichtiger Impulsgeber.

In allen Stücken Moradpours ist es der Körper, der politische Realitäten spiegelt, erträgt, an dem sie in letzter Instanz ausagiert werden. Die Körper seiner Figuren werden zur sexuellen Währung im Überlebenskampf, sie liegen sprachberaubt im Koma und werden dergestalt zum familiären Brennpunkt, in dessen Präsenz das Schweigen aufbricht, sie werden zum humanoiden Tarnkörper einer KI, die sich auf einer radikalen politischen Mission verselbstständigt, sie werden zum Träger einer Krankheit und suchen nach mentaler Heilung. Sie wollen aus Liebe eine Niere spenden oder sich technoid erweitern um ihren erotischen Marktwert zu steigern, sie müssen ihr Geschlecht ändern, weil ihnen die Todesstrafe droht. Moradpour verhandelt Körper, die sich verändern müssen, um weiter existieren zu können, und Körper, die sich verändern wollen, weil sie gängige Kategorien und soziale Grenzen überwinden möchten. Am eindrücklichsten ist dafür Elijas Vision in ein körper ohne ort: »ich möchte einen körper zwischen verschwommenen kindlichen fantasien und faszinationen für die zukunft, zwischen frontaler absage und totaler hingabe. Ich will an diesen unbeschriebenen ort.« Das Stück endet mit einer Art Bildbeschreibung der neuen Daseinsform dieser Figur, sie ist zu einem lebendigen Kunst-Körper-Werk geworden, zu einer Fusion, in etwas Non-Binäres, Technoides, aber auch tierisch-pflanzlich-Organisches. Letztlich ist dieses utopische Bild die Überwindung des rein menschlichen Körpers, um ihn aus den Zwängen der sozialen Repression zu befreien.
Moradpours state of mind ist die Transformation, auch schon in seinem frühen Stück mumien. ein heimspiel, wo es heißt: »sein körper war ein offener raum: zum berühren und abstoßen bereit. ein körperlicher wahn, endlos, vorbereitet für ein umsteigen: ins neue werden.«

Mit Attentat oder Frische Blumen für Carl Ludwig (UA 2019) tritt erstmals eine vielstimmige Erzählinstanz bei Moradpour auf, der Chor der Staubflocken, »eine pulverisierte information: eine vertrocknete urmutter der datenströme«, der als überzeitlicher Beobachter das Geschehen begleitet und als historisches Archiv spricht. Der Textkörper öffnet sich, Dialoge sind nun eine Erzählform unter anderen. In ein körper für jetzt und heute (UA 2018), das 2023 unter dem Titel ein körper ohne ort als Buch in der Reihe Suhrkamp Theater erschienen ist, kommen prosaisch-essayistische Passagen dazu, die als eigene Ebene, als Text im Text funktionieren. Der Chor der Staubflocken ist gewissermaßen ein Vorbote der mehr-als-menschlichen-Protagonist:innen, die in seinen letzten beiden Stücken viel Raum bekommen und sich vollends etablieren:

Aus der Tiefe der Erdzeitschichten

In Goodbye Giganten, das gerade erst im Mai 2026 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen war, spricht eine Tagebaugrube, dieses »Ressourcenloch für die Zukunft«. Sie beschreibt, wer von Dachs über Motte, Gelbbauchunke bis zum Influencer an ihre gigantische Abbruchkante tritt, angezogen von ihrer Tiefe, vom Blick nach unten. Aus der Tiefe der Erdzeitschichten entsteht ein neuer Blick auf die Spezies Mensch, die von diversen Gött:innen und anderen mythologischen Gestalten ein paar Tipps und Skills bekommen und sich prompt und rasend schnell zu selbsternannten Giganten entwickeln. Und seitdem hin- und hertaumeln zwischen Besonnenheit und Weltvernichtung. Durch den Perspektivwechsel entsteht eine humorvolle Leichtigkeit, ein poetischer Schwebezustand, der innehalten lässt, ohne jemals moralisch zu werden.
(Eine erste, kurze Version dieses Textes ist für das immersive Projekt Exit Hambi 2025 am Schauspielhaus Bochum entstanden. Danach ist mit Goodbye Giganten aus diesem Ansatz ein ganzes Stück erwachsen, das uraufgeführt werden kann.)

In der Verhandlung der Träume treten Terra, die nicht nur Asyleinklagende ist, sondern auch die rebellische, mit übersinnlichen Wahrnehmungen ausgestattete Heldin Terra Branford, aus Calibans liebstem Computerspiel aus Jugendtagen, sowie Ein&Ein Taliban und die Löwin Juja auf, die vergessene Partnerin des einäugigen Löwen Marjan aus dem Kabuler Zoo. Kein Stück hat Mehdi Moradpour im Entstehungsprozess so lange begleitet wie dieses, fünf Jahre lang. Der erste Arbeitstitel war Caliban an der Oder, von ostdeutscher Geschichte und städtebaulicher Architektur hat es sich über die Zeit ebenso entfernt wie von dem Shakespeareschen Sturm als dezidiertem Hallraum. Der Name Caliban ist geblieben, er reimt sich nun mal auf Taliban – was das Unterbewusstsein des meist höflichen Mitarbeiters des Dolmetschbüros nicht auseinanderhalten kann. Die Grundsituation der Gerichtsverhandlung ist geblieben, auch Afghanistan als Herkunftsland von Terra und dem Dolmetscher Caliban. Am 19.8.2021 schreibt mir Mehdi in einer Nachricht: »gerade schreibe ich an caliban an der oder weiter, und es ist unermesslich absurd, und traurig, dass ich bilder über die einnahme von kabul im jahr 1996 generiere und diese sich parallel in der wirklichkeit wiederholen.«

Das ganze Leben verdichtet in einem Blick

Neu eingezogen in den Text und zentral geworden sind andere thematische Spuren: die Beziehung zu Vätern und Erkrankung als ein Zustand, der das eigene Denken, die Arbeit, alle Beziehungen tiefgreifend verändert. Mira und Caliban treffen sich außerhalb des Gerichtssaals, unterhalten sich über die schwierige Beziehung zu ihren Vätern, über die Versuche wirklich mit ihnen ins Gespräch zu kommen, wechselseitige Verkapselungen und eingeübte Tarnungen zu überwinden. Sie stellen fest, dass sie zur gleichen Therapeutin gehen. Eine frappierende Direktheit und Durchlässigkeit ereignet sich auch in ihren jeweiligen Dialogen mit der Therapeutin. Mira sagt: »Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich seit meiner Diagnose etwas Beängstigendes in die Welt kommuniziere. … Manchmal sehe ich etwas in ihren Blicken. Ich werde ein Organ verlieren. Das beunruhigt Menschen. Jeder Augenkontakt wird eine Herausforderung.«

Blicke ziehen sich als Leitmotiv durch das dramatische Werk von Mehdi Moradpour. Sie sind »brunnenschächte«, die in die Tiefe führen. Sie finden magnetisch zueinander und führen zum gemeinsamen Aufbruch. Sie stellen sich als »blickfalle« auf, in der das Gegenüber ganz werden kann. Die Präparatorin löst die Totenstarre aus dem Blick der Tiere, um ihn in ein »medium der gegenwart« zu verwandeln. Die vielleicht schönste Blickbeschreibung ist in ein körper ohne ort zu finden, sie spielt sich an der Garderobe eines Kasinos ab, eine Zufallsbegegnung:
»seine augen: diese eintrittskarten, sein blick: diese einladende landschaft ohne fragen, wie er sich richtet so auf dich, und versucht dich zu trösten, komm hier nimm diese trostpflaster mit erdbeeraroma, fühl dich wohl, das ist keine falle, das ist das ganze leben, verdichtet in diesem blick«

Mehdi selbst hat als Autor und Mensch seinen Blick immer geweitet, geöffnet für sein Gegenüber, geöffnet für unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven, geöffnet auch für Perspektiven, die den Menschen, dieses unheimlichste aller Wesen, etwas dezentralisieren. Wenn er angerufen hat, mit einem Anliegen, hat er immer zuerst gefragt: Wie geht es dir?, hat bei seinem Gegenüber angefangen, nicht bei sich selbst. Mehdi hat sich der Welt und seiner Umgebung zugewandt, interessiert, mit offenem Herzen und scharfem Verstand, mit all seinen Lebenserfahrungen und unendlichen Lektüren, mit seinen Umarmungen und seinem Lächeln. Er hatte die Gabe, auch die schweren, heftigen Ereignisse und Geschichten anzunehmen und in Möglichkeiten, in Transformationen zu denken, die Zukunft offen zu halten. Das Theater war für ihn ein Ort der Verbundenheit, im gemeinsamen Denken, Probieren, Verhandeln, Weiterschreiben, ein Ort an dem neben eindrücklichen Theaterabenden auch Wahlfamilien und Freundeskreise entstehen können. Mehdi Moradpour war in die Welt des Theaters auch als Dramaturg vielfach eingebunden, an den Münchner Kammerspielen, am Schauspielhaus Bochum, zuletzt am Thalia Theater Hamburg und überall ein wichtiger Impulsgeber und hoch geschätzter Kollege, Mensch, Freund. Am 16. Oktober ist er nach schwerer Krankheit in Hamburg gestorben. Mehdi Moradpour hatte der Welt viel zu geben. Ich bin dankbar für die geteilte, gemeinsam erlebte Zeit und sehr froh, dass seine Texte und Gedanken weiter in der Welt sind.

Mehdi Moradpour war Autor, Gerichts- und Community-Dolmetscher sowie Übersetzer für Persisch (Farsi & Dari) und Spanisch. Nach einem abgebrochenen Studium im Iran studierte er ab 2004 Hispanistik, Informatik, Soziologie und dann Amerikanistik und Arabistik in Leipzig und Havanna sowie ab 2014 Szenisches Schreiben in Graz. Seine Texte wurden mehrfach übersetzt und ausgezeichnet, z.B. mit dem exil-DramatikerInnenpreis 2016 der WIENER WORTSTAETTEN und dem Christian-Dietrich-Grabbe-Preis 2017. Er war als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, am Schauspiel Bochum und ab der Spielzeit 2025/26 am Thalia Theater Hamburg tätig. Mehdi Moradpour starb am 16. Oktober 2026 im Alter von 47 Jahren in Hamburg.
Mehdi Moradpour war Autor, Gerichts- und Community-Dolmetscher sowie Übersetzer für Persisch (Farsi & Dari) und Spanisch. Nach einem...

Das könnte Ihnen auch gefallen

ein körper ohne ort

18,00 €
18,00 €
Zuletzt aktualisiert am 02.11.2026