Karl Ove Knausgård im September 2014

Am Dienstag erschien in der liberalen Süddeutschen Zeitung, einer der größten deutschen Tageszeitungen, ein ganzseitiger Artikel über Norwegen. Er handelt davon, wie Norwegen am Wochenende den Schriftsteller Peter Handke empfangen hat. Der Journalist Thomas Steinfeld, Feuilleton-Redakteur der Zeitung, ist empört über den, wie er es nennt, »selbstgefälligen Opportunismus der Moral« in Norwegen. Es erschüttert ihn, dass Peter Handke, der vielleicht wichtigste, beste und einflussreichste deutschsprachige Schriftsteller der letzten vierzig Jahre, von allen norwegischen Medien völlig unkritisch mit Faschismus und Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht wird.

Wer auch nur die geringste Ahnung von Peter Handkes Werk hat, weiß, dass er kein Faschist ist, seine Literatur ist im Gegenteil human, humanistisch, antifaschistisch und antitotalitär. Und wer Interviews mit Peter Handke gelesen hat, weiß, dass er Kriegsverbrechen nicht befürwortet, sondern sich im Gegenteil, wie wir alle, entschieden davon distanziert. Auch von Srebrenica. (»Es ist eine grausige Geschichte, was die Serben da gemacht haben, serbische Paramilitärs, die von jenseits der Drina kamen. Es ist fürchterlich, eine ewige Schande.«) Aber obwohl Handkes Literatur ihrem Wesen nach human und antifaschistisch ist, obwohl Handke sich von Kriegsverbrechen, auch den Verbrechen in Srebrenica, distanziert, war es das, was man ihm während seines gesamten Norwegenbesuchs vorwarf oder womit man ihn in Verbindung brachte, nicht nur bei den Demonstrationen vor dem Nationaltheater, wo er den Ibsen-Preis entgegennehmen sollte, sondern auch, und zwar mit der größten Selbstverständlichkeit, in der Berichterstattung der Zeitungen, Radio- und Fernsehsender. Auch bei der Debatte über den Preis im Literaturhaus, an der Vertreter des PEN Norwegen (eine Organisation, die für Meinungsfreiheit eintritt) und des Helsinki-Komitees teilnahmen, herrschte über die Verurteilung von Preis und Handke Einigkeit.

Das war keine Debatte, es war ein Tribunal. Dass es faktisch legitim und nicht ungesetzlich ist, wenn Handke zu einem Konflikt und einem Krieg eine andere Meinung vertritt, egal, wie wenig man seine Meinung teilt, egal, wie unrecht er hat, kam als Argument überhaupt nicht vor. Dabei ist dies ein Grundprinzip, möglicherweise eines der wichtigsten demokratischen Prinzipien überhaupt, die wir haben und für deren Wahrung vor allem der PEN eintreten sollte. William Nygaard, Vorsitzender des PEN, meldete sich im Dagbladet zu Wort und sagte: »Nach meiner Meinung sind Handkes Äußerungen weit jenseits aller Grenzen der Meinungsfreiheit.«

Was hat Handke gesagt, das so weit jenseits dessen liegt, was durch das Recht auf Meinungsfreiheit garantiert ist, dass er es nicht äußern darf? Diese Frage muss man Nygaard stellen. Wir müssen annehmen, dass er Handke gelesen hat und wirklich weiß, wovon er spricht. Also William Nygaard, PEN-Vorsitzender: Welche Äußerungen von Peter Handke genau sind es, die jenseits der Grenzen der Meinungsfreiheit liegen? Ganz konkret? Was ist es, das kein Mensch jemals von sich geben darf? Wenn der Leiter einer Organisation, die die Meinungsfreiheit verteidigt, ihr Grenzen setzt, ist das eine außerordentlich gravierende Angelegenheit. Das bedarf einer Begründung, und diese Begründung muss außerordentlich gut, präzise und konkret sein. Wird sie nicht gegeben, sollte Nygaard erwägen, seinen PEN-Vorsitz abzugeben, denn Peter Handke ist Schriftsteller, und es gehört zu Nygaards Aufgaben, dessen Recht auf Meinungsfreiheit zu verteidigen. Was hat Peter Handke gesagt, das nicht gesagt werden darf?

Peter Handke wurde weder für seine Äußerungen noch für seine Haltungen verurteilt. Er hat mit anderen Worten weder etwas gesagt noch etwas geschrieben, was juristisch gegen das Recht auf Meinungsfreiheit verstoßen hätte. Dass der Vorsitzende des norwegischen PEN das Recht auf Meinungsfreiheit stärker begrenzen möchte, als die Gesetze es tun, ist bemerkenswert; es ist zutiefst schockierend, wenn es einen Schriftsteller betrifft. Noch einmal, William Nygaard: Was hat Peter Handke gesagt, dass so weit jenseits der Grenzen dessen liegt, was das Recht auf Meinungsfreiheit garantiert? Ich verlange eine konkrete Antwort, ich verlange ein Zitat, ich verlange, dass Sie auf eine Äußerung verweisen und sagen: Was Peter Handke hier sagt, darf kein Mensch sagen. Das hier liegt weit jenseits von allem, was vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt ist. Und dann verlange ich, dass Sie diese Grenze definieren und dass Sie begründen, was Sie mit der Behauptung meinen, dass Handkes Äußerungen sich weit jenseits dieser Grenze befinden. Schließlich müssen Sie erklären, wie es sein kann, dass Handkes Äußerungen zwar gegen keine Gesetze verstoßen, dennoch aber, Ihrer Meinung nach, nicht vorgebracht werden dürfen. Sollte Sie das nicht können, oder sollten Sie das nicht wollen, schlage ich vor, dass Sie den Vorsitz des PEN niederlegen. Ich bin Schriftsteller, Sie leiten eine Organisation, die sich für meine Rechte als Schriftsteller einsetzt. Wenn Sie Ihre Behauptungen nicht begründen, werde ich zu Ihnen kein Vertrauen haben können, denn es ist ja wohl nicht so, dass das Recht auf Meinungsfreiheit willkürlich und nach Ansehen der Person gehandhabt wird?

Dass Handke an Milošević' Beerdigung teilgenommen hat, wird als Beweis dafür zitiert, dass er ultranationalistisch und faschistisch sei oder mit solchen Haltungen sympathisiere. Was aber hat er bei dieser Beerdigung gesagt? Er sagte: »Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Slobodan Milošević. Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwesend, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier. Die sogenannte Welt ist nicht die Welt. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Ich frage. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milošević.«

Liegt dies weit jenseits der Grenzen der Meinungsfreiheit, William Nygaard? Peter Handke tut, was ein Schriftsteller tun soll: er fragt. Eine weitere Äußerung, die Diskussionen und Abscheu ausgelöst hat, erschien vor wenigen Tagen in einem Interview mit Dagens Næringsliv.

»Haben Sie nach den Massakern von Srebrenica gefragt?«
»Erst viele Jahre später. Ich fand es damals nicht wirklich angebracht. Aber vor etwa sechs Jahren habe ich Mut gefasst und einige Serben, die beteiligt gewesen waren, gefragt: Habt ihr wirklich so viele Menschen ermordet? Wissen Sie, was sie geantwortet haben? Sie sagten, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, hätten sie noch viel mehr umgebracht. Es war Rache. Bosnische Truppen waren in der Gegend umhergezogen, waren in die Dörfer eingefallen und hatten Serben getötet. Das war Rache, kein Völkermord, wie der Internationale Strafgerichtshof behauptet.«

Das leugnet die Massaker nicht, und das verteidigt sie auch nicht. Es fragt nach dem Motiv, danach, wie das geschehen konnte. Dass die Antwort, die einer der Täter ihm gibt, nicht die gleiche ist, die der Strafgerichtshof gibt, mag uns nicht gefallen, wir können sie völlig falsch finden, aber wir können nicht sagen, dass man so etwas nicht äußern darf. Wo kommen wir da hin, wenn wir das tun?

Wenn man in Norwegen lebt und norwegische Zeitungen liest, bekommt man leicht den Eindruck, dass Handke ein Monster ist, dass er Faschismus und Kriegsverbrechen, Krieg und ethnische Säuberung befürwortet. Der deutsche Theaterkritiker Thomas Irmer, den ich am Montag in Skien traf, zeichnet in Klassekampen ein völlig anderes Bild von Handkes Rolle. 2006 gab es in Deutschland eine sehr große Debatte um diese Fragen - unendlich differenzierter als die norwegische ›Debatte‹, aber die ist verstummt. Warum? Irmer, der für eine linke deutsche Wochenzeitung aus Norwegen berichtete, sagt: »Die Leute sind sich klarer darüber, wie kompliziert Diskussionen über den Krieg in Jugoslawien sind. Aus Handkes Büchern über Jugoslawien können wir nicht nur einen anderen Blick lernen, sondern auch, mit unseren Schlussfolgerungen etwas vorsichtiger zu sein.«

Was war in Norwegen geschehen? Etwas Merkwürdiges: Die persönliche Sicht eines Mannes auf Handke und Handkes Werk, in der ein warmes, berührendes und tief menschliches Stück wie Immer noch Sturm völlig verdreht und als faschistisch und nationalistisch gedeutet wird, ohne dies mit Textstellen zu belegen, wurde völlig unkritisch zur Norm und zur Wahrheit erhöht. Der Grund hierfür ist, dass keiner der Journalisten Handke gelesen oder sich mit dem Thema vertraut gemacht hat. Sie haben alle Behauptungen ungeprüft geglaubt. Das ist kein Journalismus, das ist Unterwürfigkeit und Ahnungslosigkeit. Als ich in Skien zu Handke interviewt wurde, sagten mir drei der Journalisten, dass sie keines seiner Bücher gelesen hatten, und es wirkte, als gelte das auch für die anderen. Dennoch schreiben alle große Artikel über Handke! Dennoch schreiben alle ›Reportagen‹ über ›den Fall‹ oder ›den Skandal‹! Mit einer Ausnahme, und das ist Klassekampen, haben in den letzten Wochen alle norwegischen Feuilletons völlig versagt, sie sind ihrem Auftrag nicht nachgekommen, sie sind ohne Sachkenntnis, ungebildet und schikanös aufgetreten, sie hatten keine Ahnung, wovon sie redeten. Das ist ein Skandal.

Der Ibsen-Preis soll die weltweit bedeutendsten Gesamtwerke ehren. Peter Handke wurde nicht geehrt, man hat ihn hierhergeholt und gedemütigt. Das ging so weit, dass er das Preisgeld an den norwegischen Staat zurückgab.

Ich habe am Dienstag eine Mail an Thomas Steinfeld geschrieben, um mich nach den näheren Hintergründen seines Artikels zu erkundigen. Er antwortete: »Was ist das für ein Land, das meint, den Friedensnobelpreis vergeben zu können, aber außerstande ist, einen Gast als Gast zu behandeln? Das glaubt, einen Künstler ehren zu können, indem es ihn verunglimpft? Das sich erlaubt, Verleumdungen zu verbreiten, ohne dass Journalisten dem nachgehen - zu schweigen von dem nahezu völligen Fehlen jeder kollegialen Solidarität. Was ist das für ein Land, in dem es so leicht fällt, sich in Hass und Verachtung zusammenzuschließen?«

Peter Handke ist in den letzten Wochen jemand geworden, den man gern hasst, jemand, den man gern zum Ziel seiner Aggressionen macht. Sein jüngstes Stück, Immer noch Sturm, das am Wochenende im Nationaltheater aufgeführt wurde, handelte von Handkes eigener Familie, ihrer Sprache. Handke gehört der slowenischen Minderheit in Österreich an, die während des Zweiten Weltkriegs vom deutschen Nationalsozialismus zerschlagen wurde. Im Stück geht es auch um die Trauer von Eltern, die im Krieg ihre Kinder verlieren, eins nach dem anderen, auch auf deutscher Seite. In Øyvind Bergs Lesart macht das das Stück narzisstisch. Ich habe großen Respekt für Øyvind Berg, er ist einer der wichtigsten und besten Dichter in diesem Land, und ich habe selbstverständlich nichts dagegen, dass er Handke angreift, wenn aber diese Behauptungen über Handkes Literatur und Menschenbild, die unangemessen und tendenziös sind, nicht mit Zitaten belegt werden und sich nicht auf tatsächliche Äußerungen, sondern nur darauf beziehen, was Berg meint, in Handkes Schriften und Taten hineinlesen zu können, wenn also diese Behauptungen die Grundlage für die Berichterstattung der Medien bilden und das letztendlich dazu führt, dass Handke das Preisgeld ablehnt, dann wird das problematisch.

Es ist vielleicht nicht wirklich überraschend, dass Journalisten und Kritiker ihren Job nicht gemacht haben. Dass aber norwegische Schriftsteller, die immerhin Handkes Kollegen sind und verstehen müssten, dass es hier auch um Prinzipielles geht, nicht dagegen Stellung beziehen, ist schlimmer. Sind sie alle Nygaards Meinung?

Dass Handke die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten hat, dass man ihm nicht erlauben darf zu sagen, was er will? Finden alle Schriftsteller es richtig, dass Handke als Faschist bezeichnet wird, dass behauptet wird, er unterstütze Kriegsverbrechen, dass das gesammelte PEN-Podium der Ansicht ist, er dürfe den Ibsen-Preis nicht bekommen? Oder sind sie nur feige? Bernt Hagtvet vergleicht Handke mit Goebbels. Goebbels gehörte zu den Führern eines Landes, das sechs Millionen Juden ermordet hat. Ist es angemessen, Handke mit Goebbels zu vergleichen?

Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen