Philipp Ther über Der Schatz und seine böhmische Familiengeschichte

Beitrag zu Philipp Ther über <i>Der Schatz</i> und seine böhmische Familiengeschichte
In seinem Buch Der Schatz rekonstruiert Philipp Ther seine böhmische Familiengeschichte – von der Verstrickung seiner Vorfahren in den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei und den Nationalsozialismus bis hin zu den Traumata des Vaters, der mit sechzehn gleich zweimal zum Volkssturm musste. Wir haben mit dem Historiker über die Entstehung seines Buches und die Herkunft seiner Familie gesprochen. 

Das Buch

Der Schatz
eBook 23,99 €

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Im April 1945, die Rote Armee hat längst die Oder überschritten, vergräbt Otto Ther eine Schatzkiste. Mit einem Diamantkreuz, Schmuck und frisch poliertem Silberbesteck. Die Preziosen sollen am Fuß des Riesengebirges überdauern, bis die Familie zurückkehren kann in den Ort, der auf Deutsch Hohenelbe heißt und auf Tschechisch Vrchlabí. Wie Millionen Deutsche müssen die Thers fliehen, unterwegs werden sie zerstreut. Otto stirbt in einem bayerischen Flüchtlingslager. Offiziell an einer Rippenfellentzündung, in Wirklichkeit an Verzweiflung.

Nach dem Mauerfall macht sich Philipp Ther, Ottos Enkel, mit seinem Vater immer wieder auf in die verlorene Heimat im Norden Tschechiens. Sie durchstreifen den Ort und die sanfte Hügellandschaft. Die legendäre Truhe finden sie nicht, dafür bekommen sie im örtlichen Museum drei Kisten voller Fotos und Dokumente überreicht, die sich als Schatz für den Historiker erweisen: Er kann die Verstrickung der Familie in den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei und des Nationalsozialismus rekonstruieren, das Schicksal der jüdischen Mieter, die Traumata des Vaters, der mit sechzehn gleich zweimal zum Volkssturm musste. Daraus entsteht nicht nur ein realhistorischer Familienroman, sondern zugleich ein Porträt einer europäischen Region, die lange im Schatten des Eisernen Vorhangs lag.


Philipp Ther, in Ihrem Buch Der Schatz erzählen Sie Ihre persönliche Familiengeschichte. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie die Geschichte ihrer böhmischen Herkunft in einem Buch erzählen möchten?
Ich habe vor gut 15 Jahren in einem tschechischen Museum und Archiv völlig zufällig drei Archivkisten mit dem verloren geglaubten Nachlass meiner Familie entdeckt, mit Dutzenden von Briefen, Aufzeichnungen meines 1945 auf der Flucht verstorbenen Großvaters über den Ersten Weltkrieg, einer politischen Autobiographie und zahlreichen teils intimen Briefen. Das war der größte Schatz, um den es in meinem Buch geht – neben einer 1945 vergrabenen Schatzkiste. Manche Entdeckungen waren peinlich, aber ein tschechischer Freund von 1989 und meine alte Mutter haben dann gesagt: Schreib das auf!
 

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: Junge auf weißem Pferd, daneben ein Mann© Familie Mikšík

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: Otto Ther in Uniform

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: drei Personen vor einem Auto in den 1920er-Jahren


Was hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?
Abgesehen von den besagten Archivfunden das Fotoalbum der Familie, die 1945 das Haus meiner Großeltern übernommen hat. Das tschechisch-deutsche Album begann mit dem Bau des Hauses, bei dem der Großvater dieser Familie mitgearbeitet hat. Es ging weiter mit Bildern meines Vaters als Kind und meiner böhmischen Großmutter als junge Frau, die ich zuvor nie gesehen hatte. Später kamen Archivfunde über die jüdische Familie hinzu, die im sogenannten »kleinen Ther-Haus« in der Stadtmitte gelebt hat. Bei diesem Bestand ging es um die Verfolgung, Arisierung und die ausbleibende Restitution des Eigentums an die Überlebenden. Dagegen hat der Arisierer eine umfassende Entschädigung im Lastenausgleich erhalten.

Ihre Familie stammt aus einem Ort namens Vrchlabí, auf Deutsch Hohenelbe, der am Rande des Riesengebirges liegt, im Norden des heutigen Tschechiens. Was ist das Besondere an der Region?
Das Riesengebirge eignet sich ideal für eine klassische Sommerfrische, die aufgrund des Klimawandels eine Renaissance erlebt. Das hügelige Riesengebirgsvorland ist wie verwunschen, es gibt endlose Wälder, die kurvigen Landstraßen sind von alten Alleen gesäumt, alle paar Kilometer steht ein Schloss. Außerdem gibt es ein erstaunlich reichhaltiges Kulturleben.
 

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: Ansicht von Hohenelbe© Riesengebirgsmuseum Vrchlabí

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: Otto Ther beim Schilaufen im Riesengebirge

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: Großmutter auf einer Wiese vor ihrem Haus© Familie Mikšík



Was konnten Sie über das Leben Ihrer Familie während der Zeit des Nationalsozialismus herausfinden?
Das Buch beginnt mit »Leichen im Keller« und ein anderes Kapitel trägt den Titel »Auf der braunen Rutsche abwärts.« Meine Großeltern wurden nach dem Besuch der olympischen Spiele in Berlin zu gläubigen Nazis, »Hitlerbleede«, wie eine antifaschistische Jugendfreundin meines Vaters sie nannte. Nach dem Anschluss der Sudetengebiete an das Deutsche Reich verstand mein Großvater jedoch bald: Das läuft in eine ganz falsche Richtung. Doch aus der Partei ausgetreten ist er nicht. 1945 zahlte meine Familie wie weitere 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen einen sehr hohen Preis für die Naziherrschaft und den Besatzungsterror.

Wo gibt es bis heute Verbindungen zwischen der deutschen und der tschechischen Geschichte und Kultur?
Es gibt eine über 800 Jahre alte gemeinsame Geschichte, die tschechische Sprache ist dem Deutschen im Ausdruck sehr ähnlich und es gab kulturell jede Menge gegenseitige Einflüsse. Ich freue mich jetzt auf das Gastland Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse, dessen Programm weit darüber hinausreicht. Deutschsprachige Leserinnen und Leser können nun Dank zahlreicher neuer Übersetzungen unsere Nachbarn näher kennenlernen. Die dort sehr populären historischen Romane haben mein eigenes Buch beeinflusst. In Geteiltes Haus von Alice Horáčková (Diogenes) kommt am Rande eines dort beschriebenen Kriegsverbrechens mein Vater vor, wenngleich nicht namentlich. Der Schatz ist in mancher Hinsicht eine Antwort an Alice und nimmt die Handlung von drei weiteren tschechischen Romanen auf. Während es in diesem Genre in Deutschland oft um die ehemalige DDR und die Erfahrung von Verlusten geht, verstehen tschechische Schriftstellerinnen – es sind überwiegend Frauen – das Glück der Kleinbürger besser.
 

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: drei Personen vor einem Haus im Garten

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: Das Schloss der Familie

Fotografie aus "Der Schatz" von Philipp Ther: Das Grab der Familie



Krieg, Flucht und Vertreibung sind Erfahrungen, die sich in Millionen deutsche Familiengeschichten eingeschrieben haben. Was können wir aus Ihrer Familiengeschichte für unsere Gegenwart und Zukunft lernen?
Mit dem Lernen aus der Geschichte bin ich vorsichtig, denn wenn das so glatt funktionieren würde, hätten sich die Bundesrepublik und Österreich spätestens ab 2014 und dem ersten russischen Angriffskrieg auf die Ukraine anders verhalten müssen. Außerdem würden dann vielleicht nicht so viele Menschen für eine Partei stimmen, die in einigen Bundesländern als gesichert rechtsextrem eingestuft wurde. Drei Schlussfolgerungen möchte ich mit Blick auf die Geschichte der großen Diktaturen trotzdem ziehen.
1) Früher oder später richtet sich die Hetze und Verfolgung von als fremd oder minderwertig definierten Gruppen gegen Mitglieder der eigenen, ethnisch definierten Nation.
2) Das mittlere Europa wurde durch ethnische Säuberungen verwüstet. Die rechtsradikale Forderung nach einer umfassenden Remigration geht in die gleiche Richtung.
3) Leider ist es für liberale Demokratien schwer, der zunehmenden Radikalisierung etwas entgegenzusetzen. Dazu bedarf es einer sozial und regional ausgleichenden Politik und einer anderen politischen Kommunikation und Mobilisierung, die bis in den Bereich der Familie reicht.
 
Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Philipp Ther

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Philipp Ther, geboren 1967, ist ein deutscher Sozial- und Kulturhistoriker. Nach Stationen u. a. an der FU Berlin, der Viadrina in Frankfurt/Oder, an der Harvard University und am European University Institute in Florenz ist er seit 2010 Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Seine Bücher Die dunkle Seite der Nationalstaaten. »Ethnische Säuberungen« im modernen Europa (2011), Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa (2014) und Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa (2017) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent u. a. mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2015. 2019...

Philipp Ther, geboren 1967, ist ein deutscher Sozial- und Kulturhistoriker. Nach Stationen u. a. an der FU Berlin, der Viadrina in Frankfurt/Oder,...


Zuletzt aktualisiert am 29.09.2026