Artmann, Kling und Stepanova sind Lyrik-Empfehlungen 2021

19.03.2021

H.C. Artmanns Übrig blieb ein moosgrüner Apfel, Thomas Klings Werke in vier Bänden und Maria Stepanovas Der Körper kehrt wieder gehören zu den Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2021.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die Stiftung Lyrik Kabinett und das Haus für Poesie präsentieren in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bibliotheksverband und dem Deutschen Literaturfonds einmal jährlich eine Empfehlungsliste von Neuerscheinungen deutschsprachiger Lyrik und ins Deutsche übersetzter Lyrik. Zehn Kritiker, Lyriker und Vertreter literarischer Institutionen haben dafür jeweils einen deutschsprachigen Lyrikband benannt, den sie besonders empfehlen.

Die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl schreibt über Ihre Empfehlung für H.C. Artmanns Übrig blieb ein moosgrüner Apfel: »Das ist nun eine Blütenlese im schönsten Wortsinn. Der Band präsentiert botanische Stücke des ins unverdiente Halbdunkel geratenen Büchner-Preisträgers H. C. Artmann (1921–2000) aus allen Schaffensphasen und in vielerlei Gestalt. Da gibt es melancholische Spätestromantik, die Travestie exotischer Formen, Sprachspiele und Scherze, ironische Oden und makellose Haikus und einige – fern der Wiener Peripherie wohl mysteriöse – Dialektgedichte nach der Art von Artmanns Debüt med ana schwoazzn dintn. Bald schwelgerisch, bald wortkarg, aber immer mit taufrischer poetischer Empfindung hantiert Artmann mit Blumen, Bäumen und Früchten, nicht selten mit erotischer Symboldeutlichkeit: ›alle meine küsse will ich eintauschen mit dir / gegen nichts als zwei rote beeren ...‹. ›Weise und magisch‹, wie Clemens J. Setz im Nachwort meint, eignen sich so manche Verse ›als Zaubersprüche für Garten und Hausgebrauch‹: ›ich bitte euch ihr unsichtbaren / beim zauber euch gehorsamer pflanzen / entgiftet mir diesen schierling‹.«

Die Autorin Marion Poschmann empfiehlt Thomas Klings Werke in vier Bänden mit den Worten: »Größter Monomane der deutschen Nachkriegslyrik, Verehrer von Beuys und George, Bauchredner für Klaus Kinski, Klassiker zu Lebzeiten – wie schaffte es ein Dichter aus Düsseldorf, eine ganze Generation von Lyrikern zu beeinflussen, selbst diejenigen, die ihn ablehnten? Durch die radikale Erneuerung des Sprachmaterials, die neue Sinnlichkeit der Wörter und die akribischen Schichtungen ihrer Bedeutung. An dieser zerkauten oder überartikulierten Sprache, angereichert mit Slang, Fachvokabular und Bildungsgut, kam niemand vorbei. In selbstbewusstem, aufgerautem Ton zeichnet Kling eine Geschichte der Gewalt nach und sammelt Spuren von Versehrtheit über die Jahrhunderte. In der Werkausgabe lässt sich verfolgen, wie die Zumutung des Todes schon in den frühen Gedichten zentrales Motiv ist und wie das Aufbegehren gegen diese Zumutung eine Hypersensibilität der Wahrnehmung, ja eine Zartheit verdeckt, die umso mehr erschüttert, je lässiger, lakonischer der Sound wird. Gemäldegedichte und Liebesgedichte, rheinische Landschaften, Wespen und Hirsche – ein Muss in jedem Bücherregal.«

Und der Lyriker, Übersetzer und Publizist Joachim Sartorius schreibt über Maria Stepanovas Der Körper kehrt wieder: »Maria Stepanova, 1972 in Moskau geboren, lässt ihrem Erinnerungsbuch Nach dem Gedächtnis, das sie hierzulande bekannt machte, nun einen Band mit drei Texten in der Tradition des russischen Langgedichts folgen. Sie vergegenwärtigen nicht nur beklemmende Aspekte der neueren Geschichte Russlands, sie halten auch die Poesie hoch, laut dem Titelgedicht die Heldin, ›ein absurdes vieläugiges Wesen mit vielen Mündern‹. Wie Joseph Brodsky in seiner grandiosen Schnee-Elegie John Donne anruft, wendet sich Stepanova an Anne Carson, an Inger Christensen und weitere Dichterinnen, ohne sie beim Namen zu nennen, doch in deutlichen Bezügen. Immer wieder überrascht sie mit kühnen Bildern. So kommt einmal die Seele angelaufen wie ein Hund, senkt ihren Kopf, prüft ihren Behälter: ›Rollt sich drinnen ein, in Mulm und müdem Samt, / Streicht außen über Lederdeckel. / Siehe (...) Wie Fische auf der Ladentheke // sortiert sie deine Muskeln und Glieder.‹ Olga Radetzkaja hat diese weit ausholenden Gebilde, mit ihren Anklängen an Psalmen, Volksliedern, aber auch Ready mades aus der russischen Jetztzeit, fabelhaft übersetzt, mit genauestem Gespür für Metrik, Tonwechsel, Reim und assoziative Schwingungen.«

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