Die Entstehung des modernen Gewissens
Die Entstehung des modernen Gewissens ist eine zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte erweiterte Begriffsgeschichte des Gewissens in der frühen Neuzeit.
Eine kultur- und mentalitätsgeschichtliche Darstellung der Entstehung des modernen Gewissens muß vielschichtig und vielstimmig arbeiten. Unbedeutende Traktatschreiber verdienen in ihr die gleiche Aufmerksamkeit wie große Theologen und Philosophen; gewissenhafte Wiedergeborene stehen neben Bauern, Hofknechten und...
Die Entstehung des modernen Gewissens ist eine zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte erweiterte Begriffsgeschichte des Gewissens in der frühen Neuzeit.
Eine kultur- und mentalitätsgeschichtliche Darstellung der Entstehung des modernen Gewissens muß vielschichtig und vielstimmig arbeiten. Unbedeutende Traktatschreiber verdienen in ihr die gleiche Aufmerksamkeit wie große Theologen und Philosophen; gewissenhafte Wiedergeborene stehen neben Bauern, Hofknechten und Kindsmörderinnen. Sie bringt Lebenssphären zusammen, deren Bearbeitung normalerweise die Aufgabe hochspezialisierter Disziplinen ist. Der »Alltagshistoriker« wird sich zumeist nicht um Descartes oder Balthasar Bekker kümmern; der Philosophiehistoriker wird kaum ermessen können, was es bedeutet, wenn Kant als frühestes Beispiel für den »Kategorischen Imperativ« den Fall eines Getreidediebstahls wählt. Und doch wirken diese Bereiche aufeinander ein: die Mechanisierung des Weltbildes verändert langfristig die Auffassung von der Wirksamkeit eines Gebetes um Gottes Schutz und Hilfe; die aufgeklärte Moralphilosophie führt zum Untergang der Denkfiguren der Kasuistik und ihres Gewissensmodells. Begriffsgeschichte als Kulturgeschichte setzt diese weit auseinanderliegenden Ebenen in Verbindung.
Begriffsgeschichte als Kulturgeschichte
Gewissens
Aufbau und Absicht
Normbereich und emotionale Komponente des Gewissens
A. Gewitter und Hölle
I. Das Gewissen im Gewitter
1. Das Gewissen im protestantischen Wettergebet
a) Das Gewitter als moraltheologisches Ereignis
b) Verinnerlichung des Sündenbewußtseins gegen Schuldzuweisungen an die Hexen
c) Konfessionelle Konkurrenz: » lnnenwerk << gegen » Außenwerk <<
2. Physikotheologie und neues Weltvertrauen: Naturgesetz - Gebet - Gewissen
a) Das Gewitter im Zeitalter der Vernunft
b) Gewissen und rationales Handeln: Die Pflicht zur Selbsterhaltung
3. Die Vertreibung des Gewissens aus dem Gewitter
a) Die Entdeckung des elektrischen Feuers und die Erfindung des Blitzableiters
b) Das veraltete religiöse Gewissen und das neue » gute Gewissen << des aufgeklärten Bürgers
4. Culpabilisation, magischer Utilitarismus, Selbstbehauptung und Autonomie
II. Die Abschaffung der Hölle
1. Kein Gott und kein Teufel: der Atheist Matthias Knutzen und die Sekte der >> Gewissener<<
2. Das Gewissen in der Hölle und die Hölle im Gewissen
a) Innere Hölle und äußerer Strafort
b) Die » Apokatastasis Panton << und das Erlöschen des Höllenfeuers
3. Gewitter und Hölle: Zwei Strafinstanzen verschwinden
B. Theologischer Diskurs, ritualisiertes Gewissen und der Angriff der Philosophen
I. Moraltheologie zwischen Gnade und Tugend
1. Luthers Deutung der begriffsgeschichtlichen Tradition
2. Orthodoxe Kasuistik: Das Gewissen zwischen Gott und der Welt
a) Die Struktur und die Arten des Gewissens
b) Wiedergeburt und Gewissensprüfung
c) Gewissensfälle: zur sozialen Funktion des Syllogismus Practicus
d) Der Untergang der Kasuistik in der Aufklärung
3. Gewissensbegriff, Selbstkond itionierung und Gewissensritual
II. Der Angriff der Philosophen
I. Die Entwertung des religiösen Gewissens im 17. Jahrhundert
a) Interkonfessionelle Duldung, staatlicher Zwang und gesellschaftliche Kontrolle (Hobbes, Locke)
b) Grundsätze der Vernunft, Affektbalancierung und die Liebe zu Gott (Descartes, Spinoza)
2. Der Wiederaufstieg des moralischen Gewissens im 18. Jahrhundert
a) Verzweiflung am Gewissen und neuer Rückgriff auf die Tradition (Thomasius, Wolff)
b) Das Gewissen innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (Kant)
c) » Achtung vor dem Gesetz « und Ich-Verdopplung (Kant, Smith)
3. Die Kraft des Gewissens und die Würde des Menschen
C. Die Gewissenhaften und die Gewissenlosen
I. » Innere Mission « und » Sozialdisziplinierung «
1. Pfarrer und Bauern
a) Ein Pietist auf dem Lande
b) Der Typus des Aufklärers
2. » Vom Gewissen frißt man nicht «
a) Handlungsabläufe und Gerichtsrhetorik
b) Das Gewissen des Landmanns
II. » Persona-Wechsel << und Identität
I. » Seligste letzte Stunden «: Gewissen und Persona-Wechsel
a) Reue und Leid über die Sünden
b) Plötzliche Bekehrung, Gnadenzeichen und Zweifel
2. Das Ende des Bekehrungstheaters
III. Die Wunder der Erziehung
I. » Re' itzet Eure Kinder nicht zum Zorn «
a) Biblische Gottesstrafen
b) Philosophische Tugendstrafen
2. Das Ich über dem Ich
a) Die familiäre Liebe bei der Aufrichtung des Über-Ich
b) Das Gewissen jenseits des Über-Ich
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