Das liest Isabel Allende: Buchtipps der Bestsellerautorin
Welche Bücher liest Isabel Allende? Welche Romane muss man unbedingt gelesen haben? Und was verraten Allendes Lektüren über ihr eigenes Schreiben? In Unsere Geschichten nimmt Bestsellerautorin Isabel Allende ihre Leser:innen mit hinter die Kulissen eines langen Schriftstellerinnenlebens – und nennt dabei die Werke, die sie geprägt, inspiriert und nie losgelassen haben.
A Room of One's Own von Virginia Woolf
»Das eigene Zimmer, auf das Virginia Woolf sich bezieht, sind nicht vier Wände und eine Tür, es ist ein innerer Raum der Einsamkeit, Konzentration und Stille, ist die Fähigkeit, auf Distanz zur Welt zu gehen, um ins Universum der Literatur einzutauchen. Ich hege dieses innere Zimmer und verteidige es vor Angriffen von außen. In ihm verbringe ich den größten Teil meines Lebens.«Für Isabel Allende ist Virginia Woolf ein Vorbild – sowohl wegen ihrer Bücher, aber auch als schreibende Frau, die sich in ihrer Zeit behauptet. Neben A Room of One's Own erwähnt Allende auch die Lektüre von Woolfs Roman Mrs. Dalloway.
»A Room of One’s Own« von Virginia Woolf in der Insel-Bücherei
»Fünfhundert Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer« sind die Voraussetzung dafür, dass auch Frauen große Literatur produzieren können: Brillant und überaus amüsant beschreibt Virginia Woolf 1929 in ihrem Essay A Room of One’s Own die Lage der Frauen aus der Perspektive einer fiktiven Schriftstellerin. Hätte Shakespeare eine Schwester gehabt, ebenso begabt wie er, wie wäre es ihr ergangen? Und was brauchen Frauen, um künstlerisch tätig sein zu können? A Room of One’s Own wurde sehr schnell zu einem der klassischen Texte der Frauenbewegung und weltweit ein großer Erfolg.
Die Werke von William Shakespeare
»Als ich neun oder zehn war, schenkte mir Onkel Ramón eine traumhafte Ausgabe der Gesammelten Werke von Shakespeare in spanischer Übersetzung. Ich habe sie noch, sie hat mich mein Leben hindurch begleitet. Die Sonette überblätterte ich, aber jahrelang war ich gefesselt von den Tragödien und Komödien.«Die Figuren aus Shakespeares Dramen begleiten Isabel Allende seit ihrer Kindheit, berichtet sie in Unsere Geschichten – und wirken sich bis heute auf ihr eigenes Schreiben aus.
Werke von William Shakespeare
Die Verwandlung von Franz Kafka
»Bei einem Roman sind die ersten Sätze die Tür, die uns ins Universum der Geschichte einlädt, man denke an den berühmten ersten Satz aus Kafkas Die Verwandlung: ›Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.‹ Jeder will sofort wissen, wie diesem Gregor etwas Derartiges zustoßen konnte.«Wenn Isabel Allende über ihr Schreiben und die Anfänge ihrer eigenen Romane nachdenkt, denkt sie unweigerlich an den ersten Satz von Die Verwandlung von Franz Kafka, der für sie zu Recht als einer der berühmtesten Sätze der Literaturgeschichte bis heute in Erinnerung geblieben ist.
»Die Verwandlung« und andere große Erzählungen von Kafka
Ohne Franz Kafka, bekannt vor allem durch seine Romane Der Prozeß und Das Schloß, wäre die Literatur des 20. Jahrhunderts eine andere. Doch nirgends erfüllt er den eigenen Anspruch, ein Buch müsse »die Axt sein für das gefrorene Meer in uns«, radikaler als in seinen Erzählungen. Es sind Geschichten von phantastischer Präzision, klar und rätselhaft wie Wachträume, die man nie mehr vergißt.
Der Band bietet einen chronologischen Längsschnitt durch Kafkas erzählerisches Werk und enthält seine wichtigsten Erzählungen in zuverlässiger Textedition: Das Urteil, Die Verwandlung, Vor dem Gesetz, In der Strafkolonie, Ein Landarzt, Der Jäger Gracchus, Schakale und Araber, Beim Bau der Chinesischen Mauer, Ein Bericht für eine Akademie, Das Schweigen der Sirenen, Erstes Leid, Ein Hungerkünstler, Der Bau und Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse
Der Band bietet einen chronologischen Längsschnitt durch Kafkas erzählerisches Werk und enthält seine wichtigsten Erzählungen in zuverlässiger Textedition: Das Urteil, Die Verwandlung, Vor dem Gesetz, In der Strafkolonie, Ein Landarzt, Der Jäger Gracchus, Schakale und Araber, Beim Bau der Chinesischen Mauer, Ein Bericht für eine Akademie, Das Schweigen der Sirenen, Erstes Leid, Ein Hungerkünstler, Der Bau und Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse
Literatur aus Lateinamerika
»Der Übervater der mexikanischen Kultur, der Nobelpreisträger Octavio Paz, war der Meinung, es gäbe lateinamerikanische Schriftsteller, aber keine lateinamerikanische Literatur. Ich wage, dem zu widersprechen. Ich denke, es gibt sie sehr wohl, und sie ist das treueste Abbild der Eigenarten und Erfahrungen unserer Länder. Der sogenannte ›Boom der lateinamerikanischen Literatur‹ zwischen 1960 und 1980 war ein Phänomen, das die literarische Welt überraschte.«Isabel Allende sei durch die Lektüre jener Klassiker der lateinamerikanischen Literatur, darunter Gabriel García Márquez, Julio Cortázar, Juan Rulfo, José Donoso, Carlos Fuentes, Mario Vargas Llosa, Guillermo Cabrera Infante und viele weitere, in ihrem Schreiben geschult worden, schreibt sie in Unsere Geschichten: »Neben seiner Stimmenvielfalt und Originalität besteht das große Verdienst des Booms für mich darin, dass er mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie die Chronisten der Neuen Welt Alltagsgeschehen und Fantastik zu mischen verstand, alte Mythen mit solchen jüngeren Ursprungs.«
Gleichsam kritisiert sie, dass lateinamerikanische Schriftstellerinnen, darunter Elena Garro, Albalucía Ángel und Rosario Castellanos, kaum Anerkennung erfuhren.
Literatur aus Lateinamerika: ausgewählte Empfehlungen
Rosario Castellanos (1925-1974) gilt als Mexikos bedeutendste Autorin des 20. Jahrhunderts. Mit großem Engagement wandte sie sich der Situation mexikanischer Frauen in einer vom Machismo geprägten Familientradition zu. So ist auch der Titel Die Tugend der Frauen von Comitán durchaus mit Augenzwinkern zu verstehen: Der Roman bietet ein äußerst vergnügliches und beißend spöttisches Kabinettstück um die bedeutungsträchtigen Themen Jungfräulichkeit und Mannesehre.
Zart ist das Fleisch von Agustina Bazterrica
»Der Roman Zart ist das Fleisch der argentinischen Autorin Agustina Bazterrica ist hervorragend, aber brutal. Mehr als ein Leser hat ihn vor dem Ende weggelegt, und ich bezweifle, dass Veganer oder Vegetarier über die ersten Zeilen hinauskommen. Im Roman ist wegen eines Virus das Fleisch sämtlicher Tiere ungenießbar geworden, und die Menschen entscheiden sich für einen industrialisierten Kannibalismus, es werden Mastbetriebe für Menschen eingerichtet, deren Fleisch im Supermarkt erhältlich ist. In dieser grausigen Dystopie empfindet die Hauptfigur, Marcos Tejo, Leiter eines Vertriebszentrums für Menschenfleisch, immer wieder Anflüge von Mitleid mit den Opfern und Widerwillen gegen seinen Job. Er bekommt ein Weibchen geschenkt, und statt sie zu essen, entwickelt er eine emotionale und sexuelle Bindung zu ihr. Mehr will ich nicht verraten, das Ende ist jedenfalls so überraschend, dass ich den Roman nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Ich selbst hätte ihm irgendetwas Erlösendes oder Gefühliges mitgegeben … und ihn damit völlig ruiniert.«Neben Klassikern der Weltliteratur und den großen lateinamerikanischen Schrifsteller:innen des 20. Jahrhunderts vertieft sich Isabel Allende auch gerne in zeitgenössische Gegenwartsliteratur. Die Lektüreerfahrung von Agustina Bazterricas Roman Zart ist das Fleisch hebt sie dabei besonders hervor.
»Zart ist das Fleisch« von Agustina Bazterrica
Alles ging so schnell. Zuerst infizierten sich Tiere mit dem Virus und plötzlich war ihr Fleisch giftig. Dann leiteten die Regierungen den »Übergang« ein. Jetzt ist »Spezialfleisch« – Menschenfleisch – legal.
Marcos ist in der Schlachtung von Menschen tätig – nur nennt das niemand so. Er kümmert sich um die Zahlen, Lieferungen, die Verarbeitung. Eines Tages erhält er ein Geschenk, um einen Deal zu besiegeln: ein Exemplar von höchster Qualität. Er lässt sie gefesselt in seinem Schuppen zurück, ein Problem, das später beseitigt werden muss.
Aber sie geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ihr zitternder Körper, ihr wachsamer Blick scheinen zu verstehen. Und bald quält ihn das, was verloren gegangen ist – und was noch gerettet werden könnte.
Marcos ist in der Schlachtung von Menschen tätig – nur nennt das niemand so. Er kümmert sich um die Zahlen, Lieferungen, die Verarbeitung. Eines Tages erhält er ein Geschenk, um einen Deal zu besiegeln: ein Exemplar von höchster Qualität. Er lässt sie gefesselt in seinem Schuppen zurück, ein Problem, das später beseitigt werden muss.
Aber sie geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ihr zitternder Körper, ihr wachsamer Blick scheinen zu verstehen. Und bald quält ihn das, was verloren gegangen ist – und was noch gerettet werden könnte.
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