Besser als nie: Hintergründe zum Roman und zum Grenzgang

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Der Grenzgang geht weiter: Siebzehn Jahre nach seinem Romandebüt kehrt Stephan Thome mit Besser als nie ins oberhessische Bergenstadt zurück. Seitdem hat sich das gesellschaftliche Klima grundlegend verändert, das Heimatfest wird zur Bühne für die Streitfragen unserer Zeit – sowohl im Roman als auch im Rahmen des realen Grenzgang-Festes im hessischen Biedenkopf. Im Interview spricht Thome über die Entstehung von Besser als nie, die Geschichte des Grenzgangs und was Bergenstadt mit Biedenkopf verbindet.

Der Roman

Besser als nie
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Zweimal musste er pandemiebedingt verschoben werden, jetzt soll im oberhessischen Bergenstadt wieder Grenzgang gefeiert werden – doch plötzlich wird das traditionelle Heimatfest zum Streitfall. Linda Preiss, Schulpsychologin am Städtischen Gymnasium, ist empört: Man will sie als Reiterin nicht dabei haben, weil sie eine Frau ist! War es also ein Fehler, nach so vielen Jahren in die alte Heimat zurückzukehren? Jürgen Bamberger gerät als Bürgermeister gleich doppelt in Erklärungsnot: Der Hessische Rundfunk hat Fragen zu dem sogenannten »Mohren«, und seine Tochter macht ihre ablehnende Haltung zum Fest öffentlich. Je hitziger die Diskussionen geführt werden, desto fremder wird Jürgen der Ort, an dem er sein gesamtes Leben verbracht hat.


Siebzehn Jahre nach der Veröffentlichung Ihres Debütromans Grenzgang kehren Sie mit Besser als nie nach Bergenstadt zurück. Wie kam es dazu?
Der erste Anstoß war die Anfrage einer Presseagentur, die mich vor sieben Jahren in meinem Hauptwohnsitz Taipeh erreicht hat: Ob ich mich zur Kontroverse um das Grenzgangsfest äußern könne, die gerade in meiner oberhessischen Heimat ausgebrochen war. Auf einmal wurde mir klar, dass ich aus diesem Stoff noch viel mehr herausholen kann als in meinem Debüt. Damals habe ich ja vor allem eine Liebesgeschichte erzählt. Der Streit um ein traditionelles Heimatfest eignet sich aber auch dazu, dem Zustand unseres Landes insgesamt nachzuspüren: zum Beispiel der Verunsicherung, die der rasante soziale Wandel in weiten Teilen der Gesellschaft auslöst.

Es ist also ein reales Fest, von dem Sie es erzählen. Gibt es Unterschiede zwischen diesem und dem literarischen Grenzgang?
Das reale Fest wird wie in meinen Romanen alle sieben Jahre gefeiert, was ihm im Leben der Kleinstadt – die in Wirklichkeit Biedenkopf heißt – eine besondere Stellung verleiht. Historisch hat sich der Grenzgang aus einem Verwaltungsvorgang entwickelt, der Prüfung des mit Steinen markierten Grenzverlaufs. Inzwischen ist er für die Menschen vor Ort selbst ein Stück Heimat, weshalb im Streit über das Fest auch die Frage mit verhandelt wird: Wem gehört unsere Heimat eigentlich? Wessen Heimat ist es?

Der Streit entzündet sich im Roman an der Figur des sogenannten ›Mohren‹. Was hat es damit auf sich?
Der ›Mohr‹ ist seit etwa zweihundert Jahren die wichtigste Symbolfigur des Festes. Die beste Vermutung über den Ursprung ist: Als der Grenzgang noch ein Verwaltungsakt war, muss einmal ein Schwarzer daran teilgenommen haben, wahrscheinlich als sogenannter ›Mohrentambour‹, also als Trommler in einem Militärregiment. Diese Menschen waren in der Regel im Kindesalter aus afrikanischen Ländern nach Europa verschleppt worden, in einigen Fällen waren sie mit hessischen Regimentern aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zurückgekehrt. In Biedenkopf dürfte der Mann einen so tiefen Eindruck hinterlassen haben, dass er später in die Folklore des Festes übernommen wurde. Das aber heißt, dass fortan ein weißer Mann, schwarz geschminkt, die Figur dargestellt hat – was heute natürlich bei vielen Menschen auf Ablehnung und Abscheu stößt. Auch wenn der ›Mohr‹ mit seiner Uniform und dem Säbel als Autorität inszeniert wird, handelt es sich um einen Fall von Blackfacing.
Grenzgang Biedenkopf: Aufstellung auf dem Marktplatz, 1900
Grenzgang 1900: Aufstellung auf dem Marktplatz Biedenkopf

Deutschland, Biedenkopf: Grenzgang; historisches Heimatfest. Morgendliche Aufstellung aller elf Männergesellschaften und sieben Burschenschaften auf dem Marktplatz.© Rainer Henkel / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Grenzgang 2019: Aufstellung auf dem Marktplatz Biedenkopf mit Publikum

Verlaufen die Debatten, die in Ihrem Heimatort zu dem Thema geführt werden, so ähnlich wie die im fiktiven Bergenstadt?
Sehr ähnlich sogar. Die Arbeit am Manuskript war zwar weitgehend abgeschlossen, als die Vorbereitung des Festes in die heiße Phase ging und die Debatten begannen, aber seitdem sehe ich viele Parallelen: Berichte in der lokalen Presse und in der Hessenschau, erregte Wortmeldungen in sozialen Medien usw. Die meisten Menschen in Biedenkopf scheinen für die Kritik an ihrem Fest wenig Verständnis haben. Aus persönlichen Gesprächen weiß ich zwar, dass es auch andere Stimmen gibt, aber in der öffentlichen Debatte dominiert eine Gegenüberstellung von ›uns‹ (Einheimischen) gegen ›die‹ (Auswärtigen/Fremden): ›Die‹ wollen uns unsere Tradition wegnehmen, also müssen ›wir‹ uns wehren. Produktiver wäre sicherlich die Frage, wie alle gemeinsam zu einem neuen ›Wir‹ finden könnten. Eine Frage, mit der sich Deutschland ja – Stichwort Migration – insgesamt schwer tut.

Das Stichwort spielt im Roman ebenfalls eine Rolle. Sie betten den Streit um das Fest ein in das Porträt einer westdeutschen Kleinstadt, in der es noch einige andere Probleme gibt. Was hat sich in Bergenstadt in den vergangenen siebzehn Jahren verändert?
Die Bevölkerung setzt sich anders zusammen, auch wegen des Zuzugs von Geflüchteten in den Jahren 2015/16. In der Pandemie sind viele Orte sozialer Begegnung verschwunden, zum Beispiel Kneipen. Der Einzelhandel stirbt, weil Leute in Großmärkten oder im Internet einkaufen. So verändert sich das Lebensgefühl, und es entsteht eine Unzufriedenheit, die sich im Streit um das Fest entlädt, obwohl ursächlich gar kein Zusammenhang besteht. Viele Dinge, die bei uns medial derzeit eher in Bezug auf Ostdeutschland thematisiert werden, lassen sich auch in der westdeutschen Provinz beobachten. Ich glaube, das wird uns in Zukunft noch einige Kopfschmerzen bereiten, weil von allgemeiner Unzufriedenheit eben vor allem eine Partei profitiert. 

Wie blicken Sie auf den bevorstehenden Grenzgang, der im August 2026 in Biedenkopf stattfindet? Werden Sie teilnehmen?
Ich werde vor Ort sein, schließlich gehe ich im Herbst auf Lesereise und will wissen, wie das Fest verläuft. Auf das Wiedersehen mit alten Bekannten, die ich teilweise nur alle sieben Jahre sehe, freue ich mich auch. Insgesamt stehe ich dem Grenzgang aber ziemlich kritisch gegenüber und hoffe – ohne allzu optimistisch zu sein –, dass mein Roman dazu beitragen kann, den Debatten eine andere Richtung zu geben.
 

Stephan Thome wurde 1972 in Biedenkopf / Hessen geboren. Er studierte Philosophie und Sinologie und lebte und arbeitete zehn Jahre in Ostasien. Seine Romane Grenzgang (2009) und Fliehkräfte (2012) standen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2014 wurde er mit dem Kunstpreis Berlin für Literatur ausgezeichnet. Stephan Thome lebt in Taipeh.

 

Stephan Thome wurde 1972 in Biedenkopf / Hessen geboren. Er studierte Philosophie und Sinologie und lebte und arbeitete zehn Jahre in Ostasien....

Der Debütroman

Grenzgang
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»Wer Thomes Roman liest, gepackt, gebannt, bezaubert und verführt, kann sich vor allem eines Eindrucks nicht erwehren: Ein großer Meister seelischer Zwischentöne steht vor dir.«
Tilman Krause, Die Welt

aspekte-Literaturpreis des ZDF 2009
Deutscher Buchpreis 2009 (Shortlist)


Alle sieben Jahre steht Bergenstadt Kopf: Beim traditionellen »Grenzgang« werden die Grenzen der Gemeinde bekräftigt – und alle anderen in Frage gestellt. Auch für Kerstin und Thomas, die in der kleinstädtischen Provinz hängen geblieben sind, nachdem sich ihre Lebensträume zerschlagen haben: Sie reibt sich auf zwischen pubertierendem Sohn und demenzkranker Mutter, er ist nur deshalb Lehrer, weil die Unikarriere eine Sackgasse war. Aber beide geben sie ihre Suche nach dem Glück nicht auf.

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Grenzgang in Biedenkopf – die wichtigsten Fragen und Antworten

Was ist der Grenzgang in Biedenkopf?

Der Grenzgang ist ein historisches Heimatfest im hessischen Biedenkopf, das alle sieben Jahre stattfindet. Dabei wandern Tausende Bürgerinnen und Bürger in organisierten Gesellschaften drei Tage lang die Grenzen des Stadtwaldes ab – ein Brauch, dessen Ursprünge bis ins 16. Jahrhundert reichen. Heute gilt er als eines der größten Volksfeste Mittelhessens und zieht Besucherinnen und Besucher aus aller Welt an.

Wie oft findet der Grenzgang statt – und wann ist der nächste?

Der Grenzgang wird alle sieben Jahre begangen, jeweils am dritten August-Wochenende. Der nächste Grenzgang findet vom 13. bis 15. August 2026 in Biedenkopf statt.

Wer darf beim Grenzgang mitmachen?

Das Fest wird getragen von Männergesellschaften und Burschenschaften, die sich eigens für den Grenzgang gründen und ihre Teilnehmer nach einem festen Reglement organisieren. Frauen wirken traditionell in der Vorbereitung mit – etwa beim Binden der Fichtengirlanden –, sind aber von zentralen Rollen wie den Reitern oder Wettläufern bisher weitgehend ausgeschlossen. Ob und wie sich das ändert, ist aktuell Gegenstand gesellschaftlicher Debatten, die Stephan Thome in seinem Roman Besser als nie (Suhrkamp) literarisch verarbeitet.

Was hat es mit dem sogenannten ›Mohren‹ beim Grenzgang auf sich?

Der sogenannte ›Mohr‹ ist seit etwa 200 Jahren eine der zentralen Figuren des Biedenkopfer Grenzgangs: eine schwarz geschminkte Person in Uniform und mit Säbel, die den Zug anführt. Die Figur taucht in historischen Quellen erstmals um 1816 auf und war ursprünglich vermutlich von der Gestalt eines sogenannten ›Mohrentambours‹ – eines aus Afrika verschleppten Trommlerschlagers in europäischen Militärregimentern – inspiriert. Dass diese Rolle heute fast ausschließlich von weißen Menschen mit Blackfacing dargestellt wird, sorgt für anhaltende Kritik und Diskussionen über Rassismus und Tradition.

Was verbindet den Grenzgang mit Literatur?

Der Grenzgang ist das zentrale Motiv in zwei Romanen von Stephan Thome: Im Debütroman Grenzgang (2009) dient das Fest als Kulisse für eine Kleinstadtgeschichte über gescheiterte Lebensentwürfe. Siebzehn Jahre später kehrt Thome mit Besser als nie (Suhrkamp, 2026) nach Bergenstadt zurück – und lässt das Heimatfest diesmal zum Brennspiegel gesellschaftlicher Konflikte werden: über Tradition und Wandel, Teilhabe und Ausgrenzung, Heimat und Identität.

Stephan Thome wurde 1972 in Biedenkopf / Hessen geboren. Er studierte Philosophie und Sinologie und lebte und arbeitete zehn Jahre in Ostasien. Seine Romane Grenzgang (2009) und Fliehkräfte (2012) standen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2014 wurde er mit dem Kunstpreis Berlin für Literatur ausgezeichnet. Stephan Thome lebt in Taipeh.

 

Stephan Thome wurde 1972 in Biedenkopf / Hessen geboren. Er studierte Philosophie und Sinologie und lebte und arbeitete zehn Jahre in Ostasien....

Zuletzt aktualisiert am 01.07.2026