Verlaufen die Debatten, die in Ihrem Heimatort zu dem Thema geführt werden, so ähnlich wie die im fiktiven Bergenstadt?
Sehr ähnlich sogar. Die Arbeit am Manuskript war zwar weitgehend abgeschlossen, als die Vorbereitung des Festes in die heiße Phase ging und die Debatten begannen, aber seitdem sehe ich viele Parallelen: Berichte in der lokalen Presse und in der Hessenschau, erregte Wortmeldungen in sozialen Medien usw. Die meisten Menschen in Biedenkopf scheinen für die Kritik an ihrem Fest wenig Verständnis haben. Aus persönlichen Gesprächen weiß ich zwar, dass es auch andere Stimmen gibt, aber in der öffentlichen Debatte dominiert eine Gegenüberstellung von ›uns‹ (Einheimischen) gegen ›die‹ (Auswärtigen/Fremden): ›Die‹ wollen uns unsere Tradition wegnehmen, also müssen ›wir‹ uns wehren. Produktiver wäre sicherlich die Frage, wie alle gemeinsam zu einem neuen ›Wir‹ finden könnten. Eine Frage, mit der sich Deutschland ja – Stichwort Migration – insgesamt schwer tut.
Das Stichwort spielt im Roman ebenfalls eine Rolle. Sie betten den Streit um das Fest ein in das Porträt einer westdeutschen Kleinstadt, in der es noch einige andere Probleme gibt. Was hat sich in Bergenstadt in den vergangenen siebzehn Jahren verändert?
Die Bevölkerung setzt sich anders zusammen, auch wegen des Zuzugs von Geflüchteten in den Jahren 2015/16. In der Pandemie sind viele Orte sozialer Begegnung verschwunden, zum Beispiel Kneipen. Der Einzelhandel stirbt, weil Leute in Großmärkten oder im Internet einkaufen. So verändert sich das Lebensgefühl, und es entsteht eine Unzufriedenheit, die sich im Streit um das Fest entlädt, obwohl ursächlich gar kein Zusammenhang besteht. Viele Dinge, die bei uns medial derzeit eher in Bezug auf Ostdeutschland thematisiert werden, lassen sich auch in der westdeutschen Provinz beobachten. Ich glaube, das wird uns in Zukunft noch einige Kopfschmerzen bereiten, weil von allgemeiner Unzufriedenheit eben vor allem eine Partei profitiert.
Wie blicken Sie auf den bevorstehenden Grenzgang, der im August 2026 in Biedenkopf stattfindet? Werden Sie teilnehmen?
Ich werde vor Ort sein, schließlich gehe ich im Herbst auf Lesereise und will wissen, wie das Fest verläuft. Auf das Wiedersehen mit alten Bekannten, die ich teilweise nur alle sieben Jahre sehe, freue ich mich auch. Insgesamt stehe ich dem Grenzgang aber ziemlich kritisch gegenüber und hoffe – ohne allzu optimistisch zu sein –, dass mein Roman dazu beitragen kann, den Debatten eine andere Richtung zu geben.