Raimund Fellinger (Cheflektor des Suhrkamp Verlags) über Peter Handke

Als Abenteurer unterwegs
ab 2012

 

Eine Frau, ein Mann sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Sie reden über die Liebe, über sonst nichts: Es gibt weder dramatische Staatsaktionen noch erzählerische Monologe. Auf diese Weise lässt sich (auch) Die schönen Tage von Aranjuez. Ein Sommerdialog (2012) beschreiben beziehungsweise verschreiben.

2014 zeichnete man Peter Handke mit dem Internationalen Ibsen-Preis aus, dem weltweit bedeutendsten Preis für Dramatik. Im selben Jahr definierte der 1966 mit Publikumsbeschimpfung die literarische Bühne betretende Autor in einem Interview seine Haltung zum Stückeschreiben: »Das Theater war ja eigentlich ein Nebeneingang oder Nebenausgang für mein Tun, ich war immer Prosaist und wollte immer Epiker sein. Was für mich immer noch das Höchste ist, was mir entspricht. Und jetzt stehe ich einfach dazu, ich glaube inzwischen an das Theater.«

Der meisterliche Umgang mit den dramatischen Möglichkeiten zeigte sich in einem Schauspiel in vier Jahreszeiten (2016 Uraufführung in der Regie von Claus Peymann am Wiener Burgtheater, Publikation 2015): Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße. In ihm lässt Peter Handke seine in dreizehn abendfüllenden Stücken vorgeführten Modelle Revue passieren – und fügt sie ineinander in einem erzählerisch-dramatischen Spiel, in dem alle Recht haben und alle Unrecht.

Sein erzählerisches Programm zu Beginn des Zeitraums 2012-2017 konkretisiert sich im Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich aus dem Jahr 2013, dem letzten (?) – hoffentlich nicht – Band aus der 1989 begonnenen Versuche-Reihe: Das Umherirren des Narren auf der Jagd nach Pilzen wird zur abenteuerlichen Suche nach dem Ursprung der Dinge.

Seit November 2017 ist das von Handke untertreibend als Erzählung (560 Seiten) bezeichnete große Epos beim Volk der Leser: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Die Reise beginnt in Paris, Gare St. Lazare, und endet als dreitägige Wanderung in der Picardie. Dort erlebt die Heldin Alexia Alltägliches, das sich in Unvorstellbares wandelt – Farbenspiele, Fußballspiele, Tote, Clochards, vermisste Katzen, Goldfasane, Pizzalieferanten, Stadtrandmaler werden in das Abenteuer des Schreibens eingesogen. Ein Buch der Welt, der Erfahrung der Welt, des Lesens der Welt.

 

 
 

Aufführung von Peter Handkes Immer noch Sturm (Regie: Dimiter Gotscheff), Uraufführung Salzburger Festspiele, Thalia Theater, Hamburg, 2011

Uraufführung von Peter Handkes Die schönen Tage von Aranjuez (Regie: Luc Bondy), Akademietheater, Wien, 2012