Kybernetik kurz erklärt: 5 Fragen an Anna-Verena Nosthoff
Wer die Digitalisierung verstehen will, muss auf ihre kybernetischen Ursprünge schauen. Anna-Verena Nosthoff beantwortet in diesem Video die wichtigsten Fragen zur Forschungsrichtung und gibt eine Einführung in ihr Buch Kybernetik und Kritik.
Eine Theorie digitaler Regierungskunst
Elon Musk bezeichnet die Plattform X als »kybernetische Superintelligenz«, Mark Zuckerberg denkt Unternehmen als »lernende Organismen«, und der Erfinder der Datenbrille Google Glass sagt: »Die Kybernetik ist überall, wie Luft.« Diese Aussagen kommen nicht von ungefähr. Wer die Digitalisierung verstehen will, muss auf ihre kybernetischen Ursprünge schauen. In ihrem grundlegenden Buch zeichnet Anna-Verena Nosthoff ein umfassendes Panorama der Kybernetisierung der datafizierten Gegenwartsgesellschaft – von den ersten Prämissen der »Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle« über die Emergenz des Cyberspace bis hin zum aktuellen KI-Hype und zu technikautoritären Strömungen. Es zeigt sich: Die Kybernetisierung erfasst auch die Kritik – die sich daher neu erfinden muss, um zu überleben.
Anna-Verena Nosthoff im Interview
Was ist Kybernetik – und warum ist dieses scheinbar historische Konzept für unsere digitale Gegenwart so zentral?
Die Kybernetik ist historisch betrachtet eine Wissenschaft, die sich in den Vierziger- und Fünfzigerjahren begründet hat. Unterschiedliche Wissenschaftler:innen kamen zusammen und nannten diese neue Wissenschaft Kybernetik. Interessant ist, dass sich die Kybernetik mit Themen und Fragestellungen beschäftigte, die in unserer digitalen Gegenwart noch sehr relevant sind – zum Beispiel die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine sowie die Frage nach dem Verhältnis zwischen Denken und Rechnen oder auch Gehirn und Computer. Die Kybernetik legte aber auch ein neues Technikverständnis vor: Sie begriff Technologien nicht mehr als Werkzeuge, sondern ging davon aus, dass man Technologien systemischer, also auch im Sinne von digitalen Environments, denken musste. Das ist ein Technikverständnis, was sehr zeitgemäß und in der digitalen Gegenwart noch sehr relevant ist.
Die Kybernetik ist historisch betrachtet eine Wissenschaft, die sich in den Vierziger- und Fünfzigerjahren begründet hat. Unterschiedliche Wissenschaftler:innen kamen zusammen und nannten diese neue Wissenschaft Kybernetik. Interessant ist, dass sich die Kybernetik mit Themen und Fragestellungen beschäftigte, die in unserer digitalen Gegenwart noch sehr relevant sind – zum Beispiel die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine sowie die Frage nach dem Verhältnis zwischen Denken und Rechnen oder auch Gehirn und Computer. Die Kybernetik legte aber auch ein neues Technikverständnis vor: Sie begriff Technologien nicht mehr als Werkzeuge, sondern ging davon aus, dass man Technologien systemischer, also auch im Sinne von digitalen Environments, denken musste. Das ist ein Technikverständnis, was sehr zeitgemäß und in der digitalen Gegenwart noch sehr relevant ist.
Vordergründig verschwand die Kybernetik als Wissenschaft in den Siebzigerjahren. Sie begann jedoch, neue Wissenschaftsfelder wie die Informatik, die Robotik oder auch die Systemtheorie im Kontext der Soziologie zu beeinflussen. Besonders über die Systemtheorie hat die Kybernetik einen sehr prägenden Einfluss auf die Gegenwart: Einerseits bezieht sich dieser auf das Technikimaginäre, also die Art und Weise, wie wir Technologien denken und begreifen, aber auch, wie wir die Öffentlichkeit beschreiben, wie wir das Politische oder das Soziale denken. Andererseits hatte die Kybernetik einen konkreten Einfluss auf die Technikentwicklung, die Geschichte der Computerisierung.
Sie schreiben über das moderne Subjekt als feedbackgesteuertes System. Wie verändert die Kybernetik unser Verständnis vom Menschen?
Die Kybernetik legt ein neues anthropologisches Verständnis des Menschen vor: Sie situiert den Menschen in nächster Nähe zur Maschine und geht davon aus, dass es keinen signifikanten Unterschied mehr zwischen maschinellem Verhalten und menschlichem Verhalten gibt. Damit wird der Mensch nicht mehr als rational denkendes Wesen oder als vernunftbegabtes Wesen aufgefasst, sondern als adaptive Entität, die sich permanent an die Umwelt anpasst. Diese Auffassung geht wiederum mit einer neuen, behavioristisch geprägten Form der Verhaltensanalytik einher. Diese Beschreibungsform des Menschen geht unter anderem in Formen der prädiktiven Analytik auf, in der beispielsweise anhand von Daten, die die Vergangenheit betreffen, mögliches menschliches Verhalten in der Zukunft vorherzusagen versucht wird. Die Kerngedanken der Predictive Analytics (oder auch prädiktive Analytik) sind schon im Kontext der Frühkybernetik nachzuverfolgen. Das Gleiche gilt auch für Modi der Mustererkennung, also der Pattern Recognition. Auch diese ist ein zentrales Merkmal unserer algorithmisch gesteuerten digitalen Gegenwart.
Warum ist das Prinzip des Feedbacks nicht nur technisch, sondern auch politisch – und was bedeutet das für unsere Gesellschaft?
Das Prinzip des Feedbacks ist hochgradig politisch. Das können wir uns gut verbildlichen, indem wir uns die sozialen Medien anschauen – sowohl die Plattform als auch die Wirkweisen der Plattform. Wir kennen das alle aus unserem Alltag, der stark von den sozialen Medien geprägt ist: Wenn wir uns dort mit anderen austauschen, geben wir in unserer Kommunikation ständig Feedback, zum Beispiel in Form von Likes, von Emoticons, aber auch durch das Sharen von Posts anderer. Im Kontext des digitalen Kapitalismus, des Überwachungskapitalismus, ist das spannend und wichtig für diejenigen, die Anzeigen schalten, da diese ebenfalls Feedback über die Performance einer Anzeige bekommen. Das Feedback wird dann politisch besonders relevant, wenn es um Formen der Radikalisierung im Kontext von sozialen Medien geht. Auch da sehen wir, dass Feedback zentral ist, weil es dabei als Medium der Verstärkung fungiert.
Was meinen Sie mit der »Kybernetisierung des Politischen« – und wie zeigt sich diese Entwicklung heute in datenbasierten Steuerungsformen?
Die Kybernetik hat ein interessantes Verständnis des Politischen und des Regierens vorgelegt. Das kann man etwa zurückverfolgen, wenn man sich mit der Emergenz der sogenannten politischen Kybernetik in den Sechziger- und Siebzigerjahren beschäftigt. Es gibt Ansätze wie die radikale Demokratietheorie, die Reibung oder Konflikt als Merkmale betonen, weil sie diesen Ansätzen folgend dazu beitragen, dass wir uns im Kontext von Gesellschaften und im Kontext des Politischen emanzipativ weiterentwickeln können. Die Kybernetik lässt sich diametral dazu lesen. Es geht ihr darum, für eine Stabilisierung des Systems zu sorgen und Reibung zu verhindern. Im Zentrum steht dabei immer der Selbsterhalt der Systeme. Das geht damit einher, dass es im Kontext der Kybernetik ein technokratisches Verständnis des Politischen gibt.
In der digitalen Gegenwart findet es sich in unterschiedlichen Formen wieder: Konzepte wie das der Algorithmic Governance, aber auch neue Vorstellungen von Staaten, wie beispielsweise das Konzept der Smart States oder auch das Konzept der Direct Technocracies, sind von großer Relevanz und reaktualisieren die Vorstellungen der politischen Kybernetik. Daneben sind aber auch ganz konkrete Steuerungstaktiken oder Steuerungstechnologien zu nennen, zum Beispiel das sogenannte Nudging, über das in den letzten Jahren viel diskutiert wurde: eine indirekte Steuerungsform, die versucht, Subjekte subtil in eine spezifische Richtung zu lenken.
Sie sprechen von einer »postkybernetischen Bedingung«. Worin unterscheidet sich unsere Gegenwart von der klassischen Kybernetik des 20. Jahrhunderts?
Mit dem Begriff der postkybernetischen Bedingungen meine ich, dass wir heutzutage in einer digitalen Gegenwart leben, die stark von kybernetischen Logiken, von kybernetischen Operativitäten, aber auch von kybernetischen Regierungsformen geprägt ist. Die Kybernetik prägt gewissermaßen, wie wir uns als Subjekte im digitalen Kapitalismus verhalten. Sie prägt auch, wie wir uns als Subjekte formen, und sie prägt die Machtprozesse, die wir als Subjekte in gewisser Weise über kybernetische Logiken permanent reproduzieren. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren, der Frühphase der Kybernetik, wurden die Grundprämissen noch ganz anders diskutiert. Ein gutes Beispiel dafür ist die Annahme, dass es eigentlich keinen signifikanten Unterschied zwischen Mensch und Maschine gibt. Das macht es interessant, sich aus heutiger Perspektive mit der Kybernetik zu beschäftigen.
Ich hoffe, dass wir durch die Beschäftigung mit der Frühphase der Kybernetik die Möglichkeit haben, uns aus diesen digitalen Umwelten, den digitalen Environments, ein Stück weit hinauszuversetzen, um auf die Grundprämissen der Kybernetik zu blicken, die sich in der digitalen Gegenwart operationalisiert haben. Vielleicht lässt sich dadurch eine gewisse Distanz zu den technischen Umwelten, die uns heute prägen, herstellen und im Zuge dessen eine neue Form der Kritik entwickeln, die aus dieser neuen Distanz hervorgeht.
Sie schreiben über das moderne Subjekt als feedbackgesteuertes System. Wie verändert die Kybernetik unser Verständnis vom Menschen?
Die Kybernetik legt ein neues anthropologisches Verständnis des Menschen vor: Sie situiert den Menschen in nächster Nähe zur Maschine und geht davon aus, dass es keinen signifikanten Unterschied mehr zwischen maschinellem Verhalten und menschlichem Verhalten gibt. Damit wird der Mensch nicht mehr als rational denkendes Wesen oder als vernunftbegabtes Wesen aufgefasst, sondern als adaptive Entität, die sich permanent an die Umwelt anpasst. Diese Auffassung geht wiederum mit einer neuen, behavioristisch geprägten Form der Verhaltensanalytik einher. Diese Beschreibungsform des Menschen geht unter anderem in Formen der prädiktiven Analytik auf, in der beispielsweise anhand von Daten, die die Vergangenheit betreffen, mögliches menschliches Verhalten in der Zukunft vorherzusagen versucht wird. Die Kerngedanken der Predictive Analytics (oder auch prädiktive Analytik) sind schon im Kontext der Frühkybernetik nachzuverfolgen. Das Gleiche gilt auch für Modi der Mustererkennung, also der Pattern Recognition. Auch diese ist ein zentrales Merkmal unserer algorithmisch gesteuerten digitalen Gegenwart.
Warum ist das Prinzip des Feedbacks nicht nur technisch, sondern auch politisch – und was bedeutet das für unsere Gesellschaft?
Das Prinzip des Feedbacks ist hochgradig politisch. Das können wir uns gut verbildlichen, indem wir uns die sozialen Medien anschauen – sowohl die Plattform als auch die Wirkweisen der Plattform. Wir kennen das alle aus unserem Alltag, der stark von den sozialen Medien geprägt ist: Wenn wir uns dort mit anderen austauschen, geben wir in unserer Kommunikation ständig Feedback, zum Beispiel in Form von Likes, von Emoticons, aber auch durch das Sharen von Posts anderer. Im Kontext des digitalen Kapitalismus, des Überwachungskapitalismus, ist das spannend und wichtig für diejenigen, die Anzeigen schalten, da diese ebenfalls Feedback über die Performance einer Anzeige bekommen. Das Feedback wird dann politisch besonders relevant, wenn es um Formen der Radikalisierung im Kontext von sozialen Medien geht. Auch da sehen wir, dass Feedback zentral ist, weil es dabei als Medium der Verstärkung fungiert.
Was meinen Sie mit der »Kybernetisierung des Politischen« – und wie zeigt sich diese Entwicklung heute in datenbasierten Steuerungsformen?
Die Kybernetik hat ein interessantes Verständnis des Politischen und des Regierens vorgelegt. Das kann man etwa zurückverfolgen, wenn man sich mit der Emergenz der sogenannten politischen Kybernetik in den Sechziger- und Siebzigerjahren beschäftigt. Es gibt Ansätze wie die radikale Demokratietheorie, die Reibung oder Konflikt als Merkmale betonen, weil sie diesen Ansätzen folgend dazu beitragen, dass wir uns im Kontext von Gesellschaften und im Kontext des Politischen emanzipativ weiterentwickeln können. Die Kybernetik lässt sich diametral dazu lesen. Es geht ihr darum, für eine Stabilisierung des Systems zu sorgen und Reibung zu verhindern. Im Zentrum steht dabei immer der Selbsterhalt der Systeme. Das geht damit einher, dass es im Kontext der Kybernetik ein technokratisches Verständnis des Politischen gibt.
In der digitalen Gegenwart findet es sich in unterschiedlichen Formen wieder: Konzepte wie das der Algorithmic Governance, aber auch neue Vorstellungen von Staaten, wie beispielsweise das Konzept der Smart States oder auch das Konzept der Direct Technocracies, sind von großer Relevanz und reaktualisieren die Vorstellungen der politischen Kybernetik. Daneben sind aber auch ganz konkrete Steuerungstaktiken oder Steuerungstechnologien zu nennen, zum Beispiel das sogenannte Nudging, über das in den letzten Jahren viel diskutiert wurde: eine indirekte Steuerungsform, die versucht, Subjekte subtil in eine spezifische Richtung zu lenken.
Sie sprechen von einer »postkybernetischen Bedingung«. Worin unterscheidet sich unsere Gegenwart von der klassischen Kybernetik des 20. Jahrhunderts?
Mit dem Begriff der postkybernetischen Bedingungen meine ich, dass wir heutzutage in einer digitalen Gegenwart leben, die stark von kybernetischen Logiken, von kybernetischen Operativitäten, aber auch von kybernetischen Regierungsformen geprägt ist. Die Kybernetik prägt gewissermaßen, wie wir uns als Subjekte im digitalen Kapitalismus verhalten. Sie prägt auch, wie wir uns als Subjekte formen, und sie prägt die Machtprozesse, die wir als Subjekte in gewisser Weise über kybernetische Logiken permanent reproduzieren. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren, der Frühphase der Kybernetik, wurden die Grundprämissen noch ganz anders diskutiert. Ein gutes Beispiel dafür ist die Annahme, dass es eigentlich keinen signifikanten Unterschied zwischen Mensch und Maschine gibt. Das macht es interessant, sich aus heutiger Perspektive mit der Kybernetik zu beschäftigen.
Ich hoffe, dass wir durch die Beschäftigung mit der Frühphase der Kybernetik die Möglichkeit haben, uns aus diesen digitalen Umwelten, den digitalen Environments, ein Stück weit hinauszuversetzen, um auf die Grundprämissen der Kybernetik zu blicken, die sich in der digitalen Gegenwart operationalisiert haben. Vielleicht lässt sich dadurch eine gewisse Distanz zu den technischen Umwelten, die uns heute prägen, herstellen und im Zuge dessen eine neue Form der Kritik entwickeln, die aus dieser neuen Distanz hervorgeht.
Diese Bücher könnten Sie auch interessieren
ENTDECKEN
Im Fokus
Jahresausblick 2026
Zu Beginn des Jahres wollen wir Ihnen hier wie üblich einen kurzen Ausblick auf einige kommende wissenschaftliche Highlights 2026 bieten.Empfehlung
Welches Buch soll ich als nächstes lesen? Unsere Empfehlungen
Die besten Tipps für Ihre nächste Lektüre.Empfehlung
Ihr Geschenk zur ersten Bestellung mit Kundenkonto: Das Notizbuch »Unerschrocken denken«
Zur ersten Bestellung mit Kundenkonto schenken wir Ihnen ein Notizbuch.Thema

