Gemeinsam lesen & diskutieren: Die Lebensentscheidung von Robert Menasse
WER SIND DIE HAUPTFIGUREN?
Franz Fiala ist Mitte fünfzig, als er seine Stelle als Referent in der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission in Brüssel aufgibt. Er ist frustriert von den Mühlen der Bürokratie. Doch eine Diagnose durchkreuzt seine Pläne. Kann er mit Willenskraft über das eigene Weiterleben entscheiden, länger, als medizinisch erwartbar wäre, um seiner Mutter den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu sehen?
Franz’ Mutter lebt in Wien. Mit 89 Jahren ist sie körperlich gezeichnet, geht schief und wirkt geschrumpft, doch ihre wachen, warmen Augen und ihr scharfer Verstand blitzen weiterhin durch. Die Beziehung zu ihrem Sohn ist liebevoll, fordernd, manchmal unbequem – und wird zum emotionalen Kern der Novelle, als Franz ihr seine eigene Krankheit verschweigt.
Felicitas, genannt Feli, ist Franz’ älteste Freundin aus Studientagen, heute erfolgreiche Juristin für europäisches Recht in Wien. Die beiden waren einmal miteinander im Bett, aber nie ein Paar, dafür »Seelengeschwister«. Sie ist hellwach, argumentiert scharf und widerspricht Franz, wenn er in Zynismus kippt – sein wichtigster Spiegel, gerade in der Krise zwischen politischer Ernüchterung und Todesangst.
WO UND WANN SPIELT DIE HANDLUNG?
Die Bauernproteste mit massiven Traktorblockaden vor den EU-Gebäuden in Brüssel finden am 26. Februar 2024 ihren Höhepunkt – sowohl in der Novelle von Robert Menasse als auch in der Realität. Sie sind der Hintergrund für Franz Fialas »Lebensentscheidung«. Neben Brüssel ist Wien Ort der Handlung, wo sich Franz zwischen seiner Garçonnière in der Postgasse im Ersten Bezirk, der Wohnung seiner Mutter in der Petrusgasse und den Kaffee- und Gasthäusern der Stadt bewegt.
MÖGLICHE DISKUSSIONSTHEMEN UND FRAGEN FÜR LESEKREISE
Mutter und Sohn: Nähe, Schuld, Fürsorge
Wie würdet Ihr die Beziehung zwischen Franz und seiner Mutter beschreiben? Was verbindet die beiden, was trennt sie?
Krankheit, Sterblichkeit und die »Lebensentscheidung«
Wie geht Franz mit seiner Diagnose um? Ist der Plan, seine Mutter zu überleben und ihr die Wahrheit über seine Krankheit zu verschweigen, für Euch nachvollziehbar oder problematisch?
Wahrheit, Lüge und Schutzbehauptungen
Franz verschweigt seiner Mutter sowohl den vorzeitigen Ausstieg aus der Europäischen Kommission als auch seine Krankheit. Würdet Ihr diese Lügen als Akt der Liebe, als Feigheit oder als Mischung aus beidem lesen? Welche anderen Figuren im Roman lügen »zum Schutz« anderer – und was sagt der Text über die Moral solcher Schutzlügen?
EU, Demokratiekrise und private Erschöpfung
Wie wird die Europäische Kommission im Roman dargestellt? Wie hängt Franz’ politische Desillusionierung, seine Wut auf die Bauern und die Wutbürger mit seiner persönlichen Müdigkeit zusammen?
Freundschaft und Intimität
Wie beurteilt Ihr die Beziehung zwischen Franz und Felicitas? Welche Rolle spielt diese Freundschaft für ihn? Und wie unterscheidet sich das Verhältnis der beiden von Franz’ Beziehung zu Nathalie, mit der er seit vier Jahren in Brüssel eine Beziehung führt?
Erzählweise, Stil, Tonlage
Wie gefällt Euch Robert Menasses Erzählstil? Welche Wirkung haben Franz’ lange Gedankengänge und inneren Monologe im Vergleich zu den dialogreichen Szenen mit Mutter und Feli? Gab es Passagen, in denen Euch der Zorn der Figur (oder des Erzählers) zu viel wurde – oder habt Ihr ihn als notwendige Schärfe empfunden?
Titel und Mehrdeutigkeit
Was bedeutet der Begriff »Lebensentscheidung« zu Beginn des Buches – und wie hat sich seine Bedeutung für Euch am Ende der Lektüre verändert?
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DAS BUCH
Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine »Lebensentscheidung« und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89. Geburtstag in Wien besucht, verschweigt er ihr jedoch seinen vorgezogenen Ruhestand. Dann treten Schmerzen auf, der Befund: Krebs, unrealistisch, dass er noch ein Jahr lebt. Und mit einem Mal geht es allein darum, seine Mutter darüber zu täuschen, ihr den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu sehen.
Kann man über sein Leben entscheiden? Nicht über das Ende, sondern mit Willenskraft über das Weiterleben, länger, als erwartbar wäre? Mit existentieller Wucht und dennoch leichtfüßig erzählt Robert Menasse in Die Lebensentscheidung von einem Wettlauf mit dem Tod. Leben und Sterben, Liebe und Familie, darum geht es in dieser raffiniert-kunstfertigen Novelle.









