Gabriel Zucman, warum brauchen wir eine Reichensteuer? | Reichensteuer kurz erklärt

Steuergerechtigkeit ist längst mehr als ein ökonomisches Konzept: Sie ist die zentrale Frage von gesellschaftlicher Fairness, politischer Verantwortung und gerechter Wohlstandsverteilung. In seinem Buch Reichensteuer erklärt der Ökonom Gabriel Zucman, warum die extremsten Vermögenskonzentrationen die Finanzierung öffentlicher Aufgaben untergraben und den Gleichheitsgrundsatz verletzen. Zucman zeigt, dass gerade die Superreichen, die ein im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbares Vermögen angehäuft haben, oft keinen angemessenen Beitrag leisten. Im Mittelpunkt seines Buchs und des Gesprächs steht die »Taxe Zucman«, sein Vorschlag für eine Steuer von zwei Prozent auf Superreiche mit einem Vermögen über 100 Millionen Euro, die 2025 in Frankreich beschlossen wurde. Zucman erläutert, wie diese Steuer funktioniert, welche Schlüsse er aus vergangenen Vermögenssteuern zieht und wie sie auch in anderen Ländern, etwa Deutschland, umgesetzt werden könnte.

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Warum Milliardäre zu wenig Steuern zahlen – und wie wir das ändern

Gabriel Zucman gehört zu den bekanntesten und renommiertesten Ökonomen weltweit. Seit Jahren forscht er zu Steuergerechtigkeit und Steuervermeidung. Gerade diejenigen, so sein Befund, die ein im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbares Vermögen angehäuft haben, leisten oft keinen angemessenen Beitrag zur Finanzierung öffentlicher Kassen. Das ist nicht nur ein Problem für die Staatsfinanzen, sondern auch eine eklatante Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes.

Im Februar 2025 votierte die französische Nationalversammlung für die »Taxe Zucman«: eine Steuer von zwei Prozent für Superreiche. Seither steht Gabriel Zucman im Zentrum einer hitzigen Debatte. Während einer der reichsten Menschen der Welt ihn persönlich diffamierte, wird er auf den Straßen Frankreichs gefeiert. In seinem neuen Buch erläutert er seinen Vorschlag so kompakt wie verständlich und erklärt, wie seine Steuer auch in Deutschland funktionieren kann.

Gabriel Zucman im Interview

Warum brauchen wir eine Reichensteuer? 

Der Anstieg des Vermögens von Milliardären war eines der prägendsten Merkmale der Weltwirtschaft der vergangenen Jahrzehnte. Im Jahr 1987 besaßen Milliardäre ein Vermögen in Höhe von 3 % des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Heute besitzen sie etwa 15 % des weltweiten BIP. Und mit dem Anstieg ihres Reichtums ist auch ihre Macht explodiert: ihre politische Macht, ihr Einfluss auf Wahlen, ihre Macht die Medien, die vorherrschende Ideologie zu beeinflussen. Das Problem ist, dass die Reichsten heute einfach keinen wesentlichen Steuerbetrag, insbesondere der Einkommensteuer, beitragen. Wenn wir die Macht der Superreichen regulieren wollen, müssen wir sie dazu bringen, Steuern zu zahlen, genau wie der Rest von uns. Die Superreichen können nicht außerhalb der Gesellschaft leben.

Sie fordern eine Mindeststeuer von 2 Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro. Warum ist dieser Schwellenwert entscheidend für eine faire Reichensteuer?

100 Millionen Euro ist die Schwelle, ab der die Einkommensteuer dazu neigt, zu verschwinden. Das heißt: Wenn man extrem reich ist, also mehr als 100 Millionen oder sogar mehr als 1 Milliarde Euro besitzt, zahlen Menschen auf diesem Vermögensniveau in der Regel sehr wenig Einkommensteuer, weil sie ihr Vermögen so strukturieren können, dass es kaum oder gar kein zu versteuerndes Einkommen erzeugt. Vor einigen Jahren gab es zum Beispiel Enthüllungen des US-Mediums ProPublica über die von US-Milliardären gezahlten Steuern. Dort konnte man sehen, dass Menschen wie Elon Musk oder Jeff Bezos fast keine Einkommensteuer zahlen und sogar staatliche Leistungen beantragen konnten. Ein Steuersatz von 2 % auf Vermögen würde sicherstellen, dass diese Milliardäre, alle Steuern zusammengenommen, relativ zu ihrem Einkommen genauso viel Steuern zahlen würden wie der Rest der Bevölkerung.

Warum fordern Sie nicht mehr?

Es gibt viele gute Gründe, warum man über eine 2 %-Steuer hinausgehen könnte. Ich unterstütze auch progressivere Steuern, aber es gibt keinen guten Grund, unter 2 % zu bleiben. Diese Mindeststeuer für Superreiche sollte von allen akzeptiert werden und konsensfähig sein – und ich denke, sie wird es auch werden. Wenn wir später auf diese Debatten zurückblicken, wird die Tatsache, dass wir akzeptiert haben, dass Milliardäre keine Steuern zahlen, dass es diese 2 %-Mindeststeuer nicht gab, als tiefgreifendes demokratisches Versagen wahrgenommen werden.

Was unterscheidet Ihre vorgeschlagene Reichensteuer von klassischen Vermögenssteuern, die früher gescheitert sind?  

Es ist wichtig, aus der Geschichte der Vermögensbesteuerung zu lernen. Viele Länder in Europa hatten Vermögenssteuern, und diese früheren Vermögenssteuern hatten zahlreiche Probleme, die man anerkennen muss, damit wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Das größte Problem bei früheren Vermögenssteuern war, dass Milliardäre diese Steuern oft gar nicht gezahlt haben. Es gab zahlreiche Ausnahmen, die es ihnen erlaubt haben, die Vermögenssteuer legal zu umgehen. Der effektive Vermögenssteuersatz für Milliardäre lag zum Beispiel in Frankreich, als es dort eine Vermögenssteuer gab, bei gerade einmal 0,005 %. Das hat schlicht nicht funktioniert. Deshalb schlage ich etwas anderes vor: einen Ansatz, der viel weiter oben in der Vermögensverteilung ansetzt, bei 100 Millionen Euro – deutlich höher als die Schwellen früherer Vermögenssteuern, die bei etwa 1 Million Euro lagen. Im Gegenzug aber: keine Abzüge, keine Schlupflöcher. Das ist die Logik hinter meinem Vorschlag: Die Milliardäre müssten effektiv zahlen.

Kritiker:innen sagen, eine Reichensteuer treibt Vermögende ins Ausland. Warum halten Sie dieses Argument für falsch oder überholt? 

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Warnung vor der Abwanderung sehr wohlhabender Personen kein Naturgesetz ist. Es ist auch nicht so, dass wir dem machtlos gegenüberstünden; ehrlich gesagt wird dieses Argument oft übertrieben. Alle Studien zeigen, dass die Mobilität sehr reicher Menschen deutlich geringer ist, als häufig behauptet wird. Und vor allem ist es ein Problem, das politisch adressiert werden kann. Zum Beispiel: Wenn jemand in Deutschland Milliardär geworden ist, lange Zeit hier gelebt hat und dann in die Schweiz zieht, ist das völlig in Ordnung. Aber diese Person unterliegt für eine bestimmte Anzahl von Jahren nach dem Wegzug weiterhin der deutschen Besteuerung – fünf Jahre, zehn Jahre, fünfzehn Jahre; das muss diskutiert werden. Damit wäre es aus steuerlicher Sicht völlig egal, ob man in Berlin, Zürich oder auf den Cayman Islands lebt: Alle hätten dieselbe Steuerlast, also gibt es keinen Anreiz, aus diesen Gründen in Steueroasen zu ziehen.

Welche internationalen Vorbilder gibt es bereits für eine funktionierende Reichensteuer – und was kann Deutschland davon lernen? 


Es hat noch nie eine Steuer speziell für Milliardäre gegeben, deshalb müssen wir etwas Neues erfinden. Wir können nicht einfach wiederholen, was früher probiert wurde. Die Realität des Vermögens hat sich enorm verändert. Milliardäre sind heute viel reicher und viel mächtiger als je zuvor. Ihr Vermögen entsteht oft lange, bevor entsprechendes Einkommen realisiert wird. Deshalb muss sich die Besteuerung der Superreichen auf Vermögen und nicht auf Einkommen konzentrieren. Wir müssen innovativ sein. In meinem Buch habe ich versucht, einige Vorschläge zu machen, und ich hoffe, dass sie die öffentliche Debatte und das demokratische Gespräch in Deutschland anregen werden.

 


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Gabriel Zucman, geboren 1986 in Paris, ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Paris School of Economics und der École Normale Supérieure – PSL. International bekannt wurde er mit seiner Studie Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird (2014). Seit 2021 leitet er die Europäische Beobachtungsstelle zur Steuerpolitik. Politiker:innen, Regierungen und NGOs in aller Welt haben seine Vorschläge zu einer Steuer für Superreiche aufgegriffen. Gabriel Zucman wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2021 mit dem Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik und zuletzt 2023 mit der John-Bates-Clark-Medaille.
Gabriel Zucman, geboren 1986 in Paris, ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Paris School of Economics und der École Normale Supérieure...


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