
5 Fragen an Ilija Matusko zu Jugo
»Ein ehrlich aufwühlendes, anrührendes Porträt eines Vaters und eines Sohnes und all der vielen feinen Bindestriche in deren Vater-Sohn-Beziehung.«
Saša Stanišić
In Ilija Matuskos Debütroman Jugo versucht ein Sohn, sich den Weg zurück zu seinem Vater zu bahnen, der ihm schon immer irgendwie unerreichbar schien – noch bevor er seine Sachen packte und in seine zerrissene Heimat zurückkehrte. Ein bewegender literarischer Versuch, die Entfremdung zu überwinden, die so viele Vater-Sohn-Beziehungen prägt. Ein einfühlsam geschriebenes Juwel. Hier beantwortet der Autor fünf Fragen zu seinem Romandebüt.
Ein Vater, ein Sohn und ein Land, das es nicht mehr gibt
Sie sehen sich nur einmal im Jahr, und jedes Mal geraten sie in Streit. Der Vater, der als junger Mann nach Deutschland kam, hier eine Familie gründete, in der Gastwirtschaft arbeitete und das Land dreißig Jahre später wieder Richtung Kroatien verließ. Und der Sohn, der in Berlin lebt, Schriftsteller geworden ist und im Gästehaus seines Vaters an der Adriaküste Urlaub macht. Im Streit befreien sie sich von den Dingen, die zwischen ihnen stehen. Und sie entdecken in scheinbar kleinen Momenten eine unerwartete Nähe: wenn sie, begleitet vom Jugo, dem warmen Südwind, mit dem Boot zur Insel vor der Bucht fahren, Tennis auf dem Platz eines verfallenen Hotels spielen oder den kleinen Acker der Familie in Bosnien besuchen. Nach und nach legen sie alte, zugewachsene Wege frei – zueinander und zu ihrer gemeinsamen Geschichte.
Jugo ist ein berührendes Vater-Sohn-Porträt. Eine Liebeserklärung an den gleichzeitig nahen und fernen Vater, dessen Rückkehr in die alte Heimat schwieriger war als seine Ankunft in einem fremden Land.
Jugo ist ein berührendes Vater-Sohn-Porträt. Eine Liebeserklärung an den gleichzeitig nahen und fernen Vater, dessen Rückkehr in die alte Heimat schwieriger war als seine Ankunft in einem fremden Land.
Im Zentrum Ihres Romans stehen ein Vater und ein Sohn. Was ist das Besondere an ihrer Beziehung?
Nicht nur in der Literatur hat der Vater-Sohn-Konflikt eine lange Tradition. Meistens geht es dabei um die Fremdheit zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich nah sein sollten. Bei mir ist es gewissermaßen umgekehrt: Mich interessiert die Nähe zwischen zwei Menschen, die sich im Grunde fremd sind. Sie leben in verschiedenen Ländern, unterschiedlichen Klassen, getrennten Welten. Das Aufwachsen des Sohnes ist durch die Abwesenheit und Unnahbarkeit des Vaters geprägt. Doch diese Abwesenheit ist nicht aus Lieblosigkeit oder aufgrund eines männlichen Rollenbildes entstanden. Der Vater hat sieben Tage die Woche, von morgens bis abends, als Koch gearbeitet. Ich wollte jedoch keinen weiteren Text über die Entfremdung zwischen Vater und Sohn schreiben. Ich wollte davon erzählen, wie sie sich, trotz aller Unterschiede, annähern, wie es nicht bloß Distanz gibt, sondern den ständigen Versuch, sie zu überwinden.
Sie sind eine Familie und leben dennoch ganz unterschiedlich. Welche Gemeinsamkeiten haben sie?
Der Vater kam als junger Mann aus Jugoslawien nach Deutschland, arbeitete dreißig Jahre als Gastwirt und ging später zurück in seine Heimat, die sich zwischenzeitlich in blutigen Kriegen aufgelöst hatte. Der Sohn wuchs in Bayern auf, war der Erste in der Familie auf dem Gymnasium, ging dann auf die Universität und lebt als Schriftsteller in Berlin. Die Distanz zwischen ihnen ist also enorm. Aber es gibt auch eine große Gemeinsamkeit: Beide sind Grenzgänger. Trotz aller Unterschiede verbindet sie das Gefühl, nie ganz angekommen zu sein, zwischen den Welten zu leben. Sie verharren zwischen »oben« und »unten«. Der Vater auf der Landkarte, der Sohn zwischen den Klassen. Sie überwinden die Distanz gerade dadurch, sie sich einzugestehen. »Du bist ganz anders als ich«, ein Satz, der häufig zwischen ihnen fällt. Ganz anders sein als der andere, dieses Gefühl kennen sie, darin liegt ihre Verbindung, ja, ein versöhnliches Moment.
Es sind zwei Männer, die einerseits viel schweigen und andererseits immer wieder aneinandergeraten.
Ja, sie sind beide klassisch männlich sozialisiert. Das Buch fragt auch, wie Väter und Söhne lernen können, miteinander zu sprechen, sich zu öffnen, Gefühle und Verletzlichkeit zuzulassen und Verantwortung für ihre Beziehung zu übernehmen. Diese Praxis müssen Männer, glaube ich, noch stärker erlernen, gerade auch in ihren Beziehungen zu anderen Männern. Vater und Sohn gelingt es nicht immer, sich aus ihren alten Mustern zu lösen, aber sie versuchen es immer wieder.
Was war der Anstoß für Sie, dieses Buch zu schreiben?
Wenn ich damals Freundinnen und Freunden erzählt habe, dass mein Vater zurück nach Kroatien zieht, habe ich Bewunderung in ihren Gesichtern gesehen. Einer, der es, im Gegensatz zu vielen anderen, die sich diesen Wunsch nie erfüllen konnten, geschafft hat, der aus freien Stücken in seine Heimat zurückkehrt. Das klang wie ein Happy End. Auch für mich fühlte es sich, zugegeben, lange so an. Doch ich musste einsehen, dass diese zweite Reise für ihn viel schwerer war als die erste. Die Heimatlosigkeit, die mein Vater in seiner Wahlheimat Deutschland erlebt und nie überwunden hatte, nahm nicht ab, sondern wurde im Gegenteil noch größer. Eine zentrale Frage seiner Geschichte ist auch, ob und in welcher Form eine Rückkehr überhaupt möglich ist. Entgegen der Vorstellung, irgendwo existiere noch immer das eigene Zuhause, wie ein verlassenes, unverändertes Zimmer, in das man nach Jahren der Entwurzelung zurückkehren könne. Rückkehr, so würde ich es zusammenfassen, ist vielleicht nicht die Aufhebung von Migration, sondern ihre schmerzhafte Fortsetzung.
Jugo ist Ihr erster Roman. Was war das Schwierigste beim Schreiben des Buchs?
Eine Herausforderung war die Angst, mich zu wiederholen. Denn in gewisser Weise habe ich Teile dieser Geschichte schon in meinem ersten Buch erzählt, Verdunstung in der Randzone. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich die Geschichte noch einmal neu erzählen muss, in einer anderen Form, aus einer anderen Perspektive, von einem anderen »Unten« aus betrachtet, wenn man so will.
Alle Bilder © Ilija Matusko
Nicht nur in der Literatur hat der Vater-Sohn-Konflikt eine lange Tradition. Meistens geht es dabei um die Fremdheit zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich nah sein sollten. Bei mir ist es gewissermaßen umgekehrt: Mich interessiert die Nähe zwischen zwei Menschen, die sich im Grunde fremd sind. Sie leben in verschiedenen Ländern, unterschiedlichen Klassen, getrennten Welten. Das Aufwachsen des Sohnes ist durch die Abwesenheit und Unnahbarkeit des Vaters geprägt. Doch diese Abwesenheit ist nicht aus Lieblosigkeit oder aufgrund eines männlichen Rollenbildes entstanden. Der Vater hat sieben Tage die Woche, von morgens bis abends, als Koch gearbeitet. Ich wollte jedoch keinen weiteren Text über die Entfremdung zwischen Vater und Sohn schreiben. Ich wollte davon erzählen, wie sie sich, trotz aller Unterschiede, annähern, wie es nicht bloß Distanz gibt, sondern den ständigen Versuch, sie zu überwinden.
Sie sind eine Familie und leben dennoch ganz unterschiedlich. Welche Gemeinsamkeiten haben sie?
Der Vater kam als junger Mann aus Jugoslawien nach Deutschland, arbeitete dreißig Jahre als Gastwirt und ging später zurück in seine Heimat, die sich zwischenzeitlich in blutigen Kriegen aufgelöst hatte. Der Sohn wuchs in Bayern auf, war der Erste in der Familie auf dem Gymnasium, ging dann auf die Universität und lebt als Schriftsteller in Berlin. Die Distanz zwischen ihnen ist also enorm. Aber es gibt auch eine große Gemeinsamkeit: Beide sind Grenzgänger. Trotz aller Unterschiede verbindet sie das Gefühl, nie ganz angekommen zu sein, zwischen den Welten zu leben. Sie verharren zwischen »oben« und »unten«. Der Vater auf der Landkarte, der Sohn zwischen den Klassen. Sie überwinden die Distanz gerade dadurch, sie sich einzugestehen. »Du bist ganz anders als ich«, ein Satz, der häufig zwischen ihnen fällt. Ganz anders sein als der andere, dieses Gefühl kennen sie, darin liegt ihre Verbindung, ja, ein versöhnliches Moment.

Es sind zwei Männer, die einerseits viel schweigen und andererseits immer wieder aneinandergeraten.
Ja, sie sind beide klassisch männlich sozialisiert. Das Buch fragt auch, wie Väter und Söhne lernen können, miteinander zu sprechen, sich zu öffnen, Gefühle und Verletzlichkeit zuzulassen und Verantwortung für ihre Beziehung zu übernehmen. Diese Praxis müssen Männer, glaube ich, noch stärker erlernen, gerade auch in ihren Beziehungen zu anderen Männern. Vater und Sohn gelingt es nicht immer, sich aus ihren alten Mustern zu lösen, aber sie versuchen es immer wieder.
Was war der Anstoß für Sie, dieses Buch zu schreiben?
Wenn ich damals Freundinnen und Freunden erzählt habe, dass mein Vater zurück nach Kroatien zieht, habe ich Bewunderung in ihren Gesichtern gesehen. Einer, der es, im Gegensatz zu vielen anderen, die sich diesen Wunsch nie erfüllen konnten, geschafft hat, der aus freien Stücken in seine Heimat zurückkehrt. Das klang wie ein Happy End. Auch für mich fühlte es sich, zugegeben, lange so an. Doch ich musste einsehen, dass diese zweite Reise für ihn viel schwerer war als die erste. Die Heimatlosigkeit, die mein Vater in seiner Wahlheimat Deutschland erlebt und nie überwunden hatte, nahm nicht ab, sondern wurde im Gegenteil noch größer. Eine zentrale Frage seiner Geschichte ist auch, ob und in welcher Form eine Rückkehr überhaupt möglich ist. Entgegen der Vorstellung, irgendwo existiere noch immer das eigene Zuhause, wie ein verlassenes, unverändertes Zimmer, in das man nach Jahren der Entwurzelung zurückkehren könne. Rückkehr, so würde ich es zusammenfassen, ist vielleicht nicht die Aufhebung von Migration, sondern ihre schmerzhafte Fortsetzung.

Jugo ist Ihr erster Roman. Was war das Schwierigste beim Schreiben des Buchs?
Eine Herausforderung war die Angst, mich zu wiederholen. Denn in gewisser Weise habe ich Teile dieser Geschichte schon in meinem ersten Buch erzählt, Verdunstung in der Randzone. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich die Geschichte noch einmal neu erzählen muss, in einer anderen Form, aus einer anderen Perspektive, von einem anderen »Unten« aus betrachtet, wenn man so will.



Das literarische Debüt des Autors
»Kein Ruhetag« – so steht es auf der Tafel am Eingang. Ilijas Eltern betreiben eine Gastwirtschaft in Bayern. Er hilft schon als Kind in der Küche, wächst mit Pommes und Fritteusen auf. Wenn das Restaurant nicht mehr läuft, eröffnen die Eltern woanders ein neues.
Weil sein Vater gerne Tennis spielt, ermöglicht er seinem Sohn Tennisstunden. Im Verein findet Ilija neue Freunde und will wie sie aufs Gymnasium. Sein Leben entkoppelt sich zunehmend von dem seiner Eltern, besonders als sein Vater nach Kroatien zurückgeht. Doch etwas begleitet ihn durch die Jahre: »Es riecht nach Pommes, Ilija kommt!« Der Satz eines Mitschülers, der ihn bis heute nicht mehr loslässt, wird zum Ausgangspunkt einer Selbstbefragung: Verrät der Geruch die eigene soziale Herkunft?
Ilija Matusko verknüpft in seinem Debüt persönliche Erinnerungen mit soziologischen Beobachtungen. In zehn essayistischen Kapiteln erzählt er die Geschichte eines Bildungsaufsteigers – mit wachem Blick für die feinen Unterschiede, mit Witz und literarischer Schlagkraft.
Weil sein Vater gerne Tennis spielt, ermöglicht er seinem Sohn Tennisstunden. Im Verein findet Ilija neue Freunde und will wie sie aufs Gymnasium. Sein Leben entkoppelt sich zunehmend von dem seiner Eltern, besonders als sein Vater nach Kroatien zurückgeht. Doch etwas begleitet ihn durch die Jahre: »Es riecht nach Pommes, Ilija kommt!« Der Satz eines Mitschülers, der ihn bis heute nicht mehr loslässt, wird zum Ausgangspunkt einer Selbstbefragung: Verrät der Geruch die eigene soziale Herkunft?
Ilija Matusko verknüpft in seinem Debüt persönliche Erinnerungen mit soziologischen Beobachtungen. In zehn essayistischen Kapiteln erzählt er die Geschichte eines Bildungsaufsteigers – mit wachem Blick für die feinen Unterschiede, mit Witz und literarischer Schlagkraft.
STIMMEN ZUM BUCH
Leserstimme verfassen
»[Es] gelingt Matusko ein genuin sinnlicher Zugang zu dem, was ein Klassenaufstieg permanent produziert: Am Ende bleibt nach dem Frittierbad zwischen oben und unten eine Kruste.«
Katharina Walser, ZEIT ONLINE
»[Ilija Matusko] hat in Verdunstung in der Randzone die Geschichte seiner Kindheit, sein Fremdeln mit dem eigenen Milieu und sein immerwährendes Gefühl, nirgendwo dazuzugehören zu Papier gebracht – und dies auf eine sehr kluge, anregende wie auch unterhaltende Weise.«
Dominik Bloedner, Badische Zeitung
»Matusko sucht in einfachen Verhältnissen die Schönheit von Küchendüften und Gastfreundlichkeit und wie sie dem vermeintlich gehobenen Duft bestimmter Parfüms in nichts nachsteht. Im versöhnlichen Blick, mit dem Matusko auf seine Vergangenheit schaut, liegt der Charme dieses Buches. Es ist der eines Aufsteigers, der nicht mit seiner Herkunft gebrochen hat. ... Und so liest man Matuskos fragmentarische Collage sehr gerne ...«
Torben Becker, DIE ZEIT
»Die Frage, ob es sich bei Verdunstung in der Randzone um einen Roman oder ein Sachbuch handelt, ist müßig. Wichtiger ist zu fragen, ob es ein gutes Buch ist. Und das ist es!«
Guido Speckmann, neues deutschland
»Aus der Halbdistanz des Bildungsaufsteigers schaut Matusko auf die Erfahrungswelt seiner Eltern und legt die Mechanismen frei, die sein und deren Leben so subtil wie wirkmächtig geprägt haben.«
Jury-Begründung des Fritz-Hüser-Instituts 2022
ENTDECKEN
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Zuletzt aktualisiert am 27.08.2026







