Niklas Maak über Die letzten Tage der Schönheit

Beitrag zu Niklas Maak über <em>Die letzten Tage der Schönheit</em>
Auf dem Höhepunkt der Renaissance ist Rom das Zentrum der westlichen Welt und Kunst. Der »Sacco di Roma« im Jahr 1527 markiert das Ende dieser Epoche. Söldnertruppen von Karl V. stürmen die Stadt und richten die größte Zerstörung in ihrer Geschichte an, ein dunkleres Zeitalter beginnt. In Die letzten Tage der Schönheit erzählt Niklas Maak die Renaissance von ihrem letzten unbeschwerten Moment und von ihrem plötzlichen Ende ausgehend. Wir haben mit dem Autor über die Hintergründe seines Buchs gesprochen.

Eine brillante Einführung in die Welt der Renaissance

Die letzten Tage der Schönheit
eBook 21,99 €
Niklas Maak nimmt uns mit in die Ateliers von Michelangelo und Parmigianino, aufs Schlachtfeld, in die Paläste von Bankiers und Päpsten – und in den der »Prima Donna del Mondo«, der faszinierenden Isabella d’Este.

Der Autor zeigt, wie fragil das ist, was wir Kultur nennen, und wie schnell durch Desinformation und falsche Politik das Ende der Freiheit droht. Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen, mit der niemand gerechnet hatte und die in vielen Punkten an die Eskalation religiöser, ideologischer und militärischer Krisen unserer Zeit erinnert?

»Was für eine großartige Idee, die Geschichte der glanzvollsten Zeit Roms von ihrem wilden Ende her zu erzählen. Mit Niklas Maak tauchen wir tief ein in den einzigartigen Rausch der Renaissance, wir sehen ihre Farben, wir riechen ihre Düfte, wir verstehen ihre Träume und erleben ihre Kämpfe. Dieses Buch öffnet die Augen, auf mitreißende Weise – und weitet so unsere Sinne für eine der schönsten Epochen der Menschheit.«

Florian Illies
Herr Maak, Sie erzählen die Renaissance von ihrem gewaltsamen Ende ausgehend. Warum ist die Plünderung Roms ein besonders geeigneter Ausgangspunkt, um diese Epoche neu zu betrachten?
In Rom endet mit dem »Sacco di Roma«, dem Überfall der Truppen von Karl V. auf Rom im Mai 1527, eine Phase relativer politischer und gesellschaftlicher Liberalität, in der vieles möglich war, was danach jahrhundertelang nicht mehr denkbar ist: Der Papst diskutierte in der Villa des Bankiers Agostino Chigi, der in wilder Ehe lebte, unter mythologischen Fresken von Raffael an Abenden, an denen polyphone Musik gespielt wurde, über humanistische Theorien und die Welt der Antike. Einer seiner engen Vertrauten war ein jüdischer Poet und jemand wie der Schriftsteller und Polemiker Pietro Aretino konnte sehr lange seine Spottverse in Rom veröffentlichen, bis er es dann doch am Ende übertrieb und die Stadt verlassen musste. Man darf auch die Zustände um 1500 nicht idealisieren – insgesamt gab es in Rom, einer damals sehr internationalen Stadt mit einer Mehrheit von Zugewanderten, in den Jahren von 1500-1527 aber doch ein für die Zeit erstaunliches Klima der Liberalität und Freiheit, das aufgrund katastrophaler politischer Fehleinschätzungen und politischer Naivität der Verantwortlichen mit dem Sacco endet. Vorher konnten Juden sich frei bewegen, Häuser kaufen und in jeder Form am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, was bald nach dem Sacco auch vorbei ist – 1555 wird dann in Rom das Ghetto gegründet, das bis ins 19. Jahrhundert existiert und in dem Juden unter unvorstellbaren Bedingungen zusammengepfercht waren und das man abends zusperrte. Mich interessiert die Autopsie dieses Moments: Wie konnte ein solch einmaliges soziales, philosophisches und intellektuelles Klima entstehen – und wie konnte sich eine so avancierte Hochkultur durch politische Fehleinschätzungen und -entscheidungen selbst zerstören? Am Beispiel der Renaissance in Rom kann man den Aufstieg und Fall dessen studieren, was man heute »liberale Gesellschaften« nennt. Dieser plötzliche und dann unwiederbringliche Verlust einer vergleichsweise freien Gesellschaft erinnert natürlich auch durchaus an die heutige Situation. Der Blick auf die Vergangenheit kann das Bewusstsein für die großen Fragen unserer Gegenwart schärfen.

Der Titel Die letzten Tage der Schönheit klingt zugleich glanzvoll und bedrohlich. Welche Vorstellung von Schönheit endet mit der Plünderung Roms?
Mit dem Sacco di Roma endet einerseits ein wichtiger und einmaliger Moment in der Kunstgeschichte, in dem Künstler außerordentliche Freiheiten hatten in der Darstellung des Menschen und mit neuen Bildformen experimentierten. Die Sinnlichkeit des Körpers war theologisch gerechtfertigt, ja fast notwendig, wenn man der philosophischen Figur folgte, dass die Vollkommenheit Gottes für den Menschen nur im vollkommenen Körper und im Anblick einer geradezu überirdischen Schönheit möglich ist. Dazu kam, dass selbst Kardinäle verlangten, etwas Unterhaltsames und Sinnliches gemalt zu bekommen, nicht nur Bilder von Leid und metaphysischer Hingabe. Die philosophische Denkfigur, dass die Größe und Vollkommenheit der Schöpfung für den Menschen nur begreifbar ist im Angesicht sinnlicher Perfektion und Schönheit führte dazu, dass zum Beispiel Michelangelo einen vollkommen nackten Christus in der Kirche Santa Maria Sopra Minerva aufstellen lassen konnte, mit dem Argument, es sei der auferstandene, vom Leiden befreite Christus ja nach der biblischen Überlieferung nackt gewesen und müsse entsprechend so gezeigt werden. Solche Freiheiten waren nach dem Sacco bald vorbei, zumal Rom und der Vatikan sich mit dem Vorwurf Luthers und seiner Anhänger, ein Hort der Dekadenz, die »große Hure Babylon« zu sein, auseinandersetzen mussten – und bald danach die Gegenreformation begann, bei der die Freiheiten der Kunst letztlich nur noch sehr eng darauf geführt wurden, religiöse Ergriffenheit hervorzurufen.

Warum erkannte Rom die drohende Katastrophe nicht?
Karl V. hatte sich in den anhaltenden Kämpfen gegen Franz I. von Frankreich und die verschiedenen gegen ihn gerichteten Bündnisse finanziell vollkommen aufgerieben. Er konnte seine unter anderem vom Landsknechtführer Frundsberg befehligte Söldnerarmee nicht mehr bezahlen, und diese verbrachte einen schrecklichen Winter in Italien. Die schlecht ausgerüsteten Soldaten überlebten durch grausame Plünderungen, und schließlich zogen sie gegen Rom – das war in Teilen eine Verzweiflungstat, aber ein Großteil gerade der deutschen Landsknechte war auch von Luthers antirömischer Propaganda so aufgehetzt, dass sie glaubten, dem rechten Glauben damit zu dienen, Rom anzugreifen. Dort hatte man nicht für möglich gehalten, dass die Armee eines katholischen Führers wie Karl V. den Papst angreift. Doch diese Armee war nicht »katholisch«: Die Einritzungen der Namen Karl V. und Luther in die Fresken von Raffael und anderen zeigen, wie sehr die Soldaten von Luther indoktriniert waren, die selbst für damalige Verhältnisse ungewohnt grausamen Taten beweisen, wie weit ihr Hass auf Rom reichte. Wir haben in Deutschland ja immer noch ein vollkommen romantisiertes Bild von Luther. Aber er ist geradezu das Bilderbuch-Beispiel für jemanden, der von einem mutigen Kritiker der herrschenden Zustände zu einem Fanatiker wird, der am Ende ja auch selbst für seine Zeit unfassbar menschenverachtende Texte über die Juden schreibt und über die angeblichen Hexen: alle sollen brennen und vernichtet werden. Wenn man diese Quellen liest, kann man sich fragen, warum ernsthaft noch jemand am Begriff »lutherische Kirche« festhalten kann.

In Ihrem Buch treten historische Persönlichkeiten wie Michelangelo, Parmigianino, Isabella d’Este und Vittoria Colonna auf. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Figuren ausgewählt?
Ehrlich gesagt: rein danach, wer mich besonders interessierte, weil er oder sie etwas schuf – eine künstlerische Idee, eine Form von Diplomatie, eine Art, zu schreiben, Lyrik neu zu definieren – das es vorher nicht gab.

Mit Isabella d’Este und Vittoria Colonna rücken Sie zwei einflussreiche Frauen ins Zentrum. Welches andere Bild der Renaissance wird durch ihren Blick sichtbar?
Die Renaissance wird oft als Herrenclub-Geschichte von Päpsten und Kardinälen, Feldherren, Fürsten und Condottieri erzählt, die Künstlern Aufträge erteilten. Doch das verstellt den Blick auf eine wesentliche Realität: Weil die Fürsten andauernd in Kriege zogen, wurden ihre Ländereien und Fürstentümer oft von ihren Frauen regiert – nachweislich diplomatischer und klüger, wie das Beispiel Isabellas zeigt. Die Abwesenheit der Männer ließ auch ganz neue literarische Zirkel und Formen der Selbstbetrachtung von Frauen aufblühen, die kritisch und humorvoll mit einer von Männern dominierten Weltsicht umgeht, wie Colonnas Werk zeigt. Auch diese alternative »Renaissance der Frauen«, die literarische und politisch-diplomatische Gegenmodelle hervorbrachte, versuche ich in meinem Buch sichtbar zu machen.

Sie zeigen, wie schnell kulturelle Freiheit durch Desinformation und politische Fehlentscheidungen bedroht werden kann. Welche Parallelen sehen Sie zwischen den damaligen Krisen und unserer Gegenwart?
Die Technik des Flugblatt-Drucks, den Luther für seine antipäpstliche Propaganda nutzte, ist eine mediale Vorform dessen, was wir heute Hate Speech und Fake News nennen. Aus ihr folgte schon damals ein religiöser Fanatismus, der in unglaubliche Gewalttaten mündete und Gesellschaften spaltete. Diese Radikaliserung und Verrohung, Enthumanisierung, die Aufgabe von Diplomatie und differenziertem Denken – auch: Selbstkritik – zugunsten der Haltung, man selber habe recht und die anderen sind die Bösen, ist ein Phänomen, das wir ja heute leider wieder erleben.

Wo liegen zugleich die Grenzen solcher historischen Vergleiche?
Geschichte wiederholt sich nie. Die Demagogen von damals sprachen andere Ängste an als heute, Angst vor Hexen, vor dem Teufel. Was sich wiederholt, sind Muster: Wie eskaliert eine Situation, wie übersehen Politiker, was sich über ihnen zusammenbraut, wie werden Freiheiten zugunsten von einem Gefühl von Sicherheit und Abschottung aufgegeben?

Haben Sie sich in Ihren detailreichen Schilderungen ausgemalt, wie es damals gewesen sein könnte? Oder woher wissen Sie, wie damals das Wetter war, wie Isabella d’Este fühlte?
Mir war es wichtig, die historische Situation so akkurat und historisch korrekt wie möglich zu beschreiben. Die Beschreibungen dieses dichten, plötzlich in den Morgenstunden über Rom hereinbrechenden Nebels etwa existieren, den habe ich mir nicht ausgedacht; man kann sie in Archiven finden, dieser Nebel wurde schon von den Zeitgenossen anschaulich beschrieben. Oder Isabella: Zum Glück haben wir hunderte von Briefen, die über ihre Ideen und Gemütszustände informieren. Ich schreibe hier also nicht, wie ich es mir vorstelle, sondern rekonstruiere anhand von Archivmaterialien einen Moment. Ich denke auch, dass die Unterscheidung wichtig ist zwischen einem historischen Roman und einem Sachbuch, mit dem man versucht, aus dem historischen Material heraus einen Moment zu erklären, anstatt sich bloß vorzustellen, wie es gewesen sein könnte. Ich bin auch, das muss ich sagen, skeptisch, was historische Romane betrifft, in denen ein Autor von heute sich mal eben ausmalt, wie sich dieser oder jener Künstler gefühlt haben könnte, wie er angeblich mit klopfendem Herzen an die Leinwand trat. Tat er das? Oder gerade nicht? Solche Bücher verraten letztendlich nur etwas über den Autor und seine Vorstellungswelt, und kaum etwas über die Realität der historischen Personen. Der Historiker Alain Corbin hat einmal gesagt, der einzige Weg, die Menschen der Vergangenheit zu verstehen, ist es, ihren Blick zu übernehmen. Dafür ist die Archivarbeit unumgänglich. Ich glaube auch, wir müssen die Geschichte befreien von der dicken Cremeschicht von ideologisch motivierten Erfindungen, Vermutungen und Theorien, die neuere Generation über sie gelegt haben. Das aber geht nur durch ein gründliches Quellenstudium.

Was können wir aus dem Ende der Renaissance über die Widerstandsfähigkeit – und die Zerbrechlichkeit – von Kultur und Freiheit lernen?
Es gibt diese Geschichte, wie die Landsknechte in das Haus des Malers Parmigianino eindringen und so erstaunt sind von der Schönheit seiner Malerei, dass sie sein Atelier nicht verwüsten, sondern ihm sogar Brot und Wein bringen und ihn für sich malen lassen. Vasari, der große Biograf vieler Renaissancekünstler und vielleicht erste Kunsthistoriker der Geschichte, erzählt diese Anekdote. Aber man muss vorsichtig sein mit solchen Geschichten, es kann auch sein, dass Vasari sie erfand oder wie so oft wild ausschmückte – hier, um die tröstliche und leider meist nicht belastbare These in die Welt zu setzen, dass der Anblick eines vollkommenen Kunstwerks selbst der Barbarei Einhalt gebieten kann. Was man aber sagen kann, ist dies: Kultur ist die Fähigkeit, den eigenen Blick zu erweitern – um Erfahrungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten, die Welt anders wahrzunehmen. Jede Form von Fanatismus und Aufteilung der Welt in »Wir« und »Die« zerstört diese Multiperspektivität zugunsten einer einzigen Sichtweise, die als alleinseligmachende verabsolutiert wird: Der rechte Glaube, der freie Westen. Ein Wert von Kultur ist es, diese Schützengräben der eigenen Identität zu hinterfragen. Darin liegt am Ende auch ihre Widerstandsfähigkeit.

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Niklas Maak, geboren 1972 in Hamburg, studierte dort bei den Renaissance-Experten Martin Warnke und Andreas Beyer Kunstgeschichte sowie in an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris Philosophie bei Jacques Derrida. Seit 2001 ist er im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig. Seit 2014 lehrte er daneben Kunst- und Architekturgeschichte als Gastprofessor an der Frankfurter Städelschule und in Harvard. Er ist Träger des Merck-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und war Stipendiat der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo. Im Wintersemester 2025/26 war er Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin.
Niklas Maak, geboren 1972 in Hamburg, studierte dort bei den Renaissance-Experten Martin Warnke und Andreas Beyer Kunstgeschichte sowie in an der...

Zuletzt aktualisiert am 02.11.2026